Nach einem Bericht der „Rheinischen Post“ hielt das Deutsche Rote Kreuz in Düsseldorf eine Umbenennung des Sankt-Martins-Umzuges in „Lichterfest“ für sinnvoll. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil wir im Sinne von Integration und Einheit so viele Kinder wie möglich erreichen wollen und weil so mehr an unserem Zug teilnehmen“, erklärte Katrin Piller, Leiterin der DRK-Kita in Gerresheim. Dort wird in diesem Jahr ein „Lichterfest“ gefeiert. Die Don-Bosco-Montessori-Gemeinschaftsgrundschule in Oberkassel lud unlängst zu einer Laternenausstellung unter dem Titel „Lichterfest“ ein, „um Integration zu erleichtern“.
All das erinnert an eine Diskussion aus dem Jahr 2013. Damals hatte die Linkspartei in Nordrhein-Westfalen das „Aus“ für die Laternenumzüge zu Sankt Martin gefordert. Die Gründe klangen ähnlich: aus Rücksicht gegenüber muslimischen und anderen nichtchristlichen Kindern.

Kritik hagelte von allen Seiten, auch aus der eigenen Partei.

Die interessanteste Stellungnahme kam damals allerdings vom Zentralrat der Muslime. Der sah nämlich keine Notwendigkeit für eine Umbenennung. Dass Sankt Martin ein katholischer Heiliger sei, stelle für Muslime keinen Hinderungsgrund dar, an den Umzügen teilzunehmen. „Das Leben des heiligen Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime“, erklärte der Vorsitzende Aiman Mayzek damals gegenüber der WELT.
Dazu passt, dass sich gerade, laut eines weiteren Presseartikels in anderen Düsseldorfer Schulen mit überdurchschnittlich hoher Zahl muslimischer Kinder, diese für den Martinsumzug stark gemacht haben.

Der Durchschnittsdeutsche hat Angst, anderen Menschen auf den Schlips zu treten. Mag die Angst noch unterschwellig aus den Jahren des Terrors von 1933 bis 1945 herrühren, woher auch immer. Der Deutsche hat kein Gespür für die goldene Mitte. In den zwölf Jahren des Hitlerregimes wurden andersgläubige oder auch -denkende Menschen verfolgt, grausam gequält und getötet. Dies alles aus Gründen eines perversen Nationalstolzes. Die politische Linke verfällt genau ins andere Extrem: Ja niemand einen Grund geben, sich ausgegrenzt zu fühlen. Sieht man Reibungspunkte, müssen solche entfernt werden. Alles wird gleich, wir alle sind gleich!

Beide Sichtweisen sind mehr als daneben! Nationalismus hat uns geschadet und wird uns zukünftig wieder schaden. Die Zeit der Nationalstaaten ist vorbei, wir leben im 21. Jahrhundert. Das heißt aber nicht, dass alles gleich wird. Jede Gruppe von Menschen hat eine Tradition, so auch ein Staatsvolk. Sind wir zum Beispiel Deutsche, so sind wir nicht nur deutsch, sondern haben auch eine regionale Kultur. Dialekt, Kochrezepte, diverse Feste und so weiter. Das ist nicht im Norden so wie im Süden, im Osten auch nicht wie im Westen. Nicht umsonst hat man den Föderalismus gewählt, will sagen, die Regionen und deren Traditionen gestärkt. „Deutsch“ ist nur ein Überbegriff, den Deutschen ohne den Westfalen oder den Hessen gibt es nicht. Und das ist gut so!

Wer Traditionen und Kultur aufgibt, macht sich selbst inhaltslos. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: wir sind „gefangen“ in unseren Traditionen und unserer Kultur. Niemand kann den Stall verleugnen, aus dem er kommt. Warum auch?!

Wenn zum Beispiel Muslime sagen, dass sie der Sankt-Martins-Umzug nicht stört, ihre Kinder im Gegenteil gerne daran teilnehmen, dann ist das ein Stück Integration. Unsere Kultur entwickelt sich, indem wir fremde Einflüsse zulassen und sie zum Teil auch uns zu eigen machen. Das ist schon seit Jahrtausenden so. Es kommt nicht auf den Gegensatz Muslim – Christ an, sondern dass Kinder gut und böse voneinander unterscheiden lernen. Und diesbezüglich hat jede Religion Vorbilder zu bieten. Und praktisch ausgedrückt: Warum sollte nicht beim nächsten Sankt-Martins-Umzug ein muslimischer Sankt Martin die Straße heruntergeritten kommen? Warum nicht?!

Sind wir doch alle erwachsen genug. Gefällt uns der ganze Firlefanz mit dem Lichterkram nicht, dann gehe ich da nicht hin. Dann ist mir egal, wie das Fest heißt und auch, ob ich Jude, Christ, Muslim oder Buddhist bin. Es ist meine freie Entscheidung.

 

Im „Focus“ vom Donnerstag, den 05. November 2015 stand nun zu lesen: „Rotes Kreuz rudert zurück: ´Sankt Martin heißt Sankt Martin und nicht Lichterfest´“. Ich denke, es war die richtige Entscheidung.

Der deutsche Michel sollte lernen, die Dinge etwas ausbalancierter zu sehen.

© Thomas Dietsch

Dieses Glockengeläute. Das regt mich unendlich auf … Was einmal Bimmeln wohl kostet?

Keine Ahnung. Kannst Du Dich noch an David Yallop und sein Buch „Im Namen Gottes“ erinnern? Dieser mysteriöse Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I.?

Was ist damit?

Man sagt, dass Johannes Paul I. keines natürlichen Todes gestorben ist. Er soll angeblich vergiftet worden sein. Von seiner Art, das Amt zu führen, war er sehr modern für das Jahr 1978.

Und was hat das mit Glockengeläut zu tun?

War nur der Aufhänger, Kirche und so … Der italienische Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi hat jetzt in einem neuen Buch wieder Vetternwirtschaft aufgedeckt. Der Vatikan soll sogar im Sommer 2013 insolvent gewesen sein. Jedenfalls fast! Erinnere Dich, die gleiche Zeit: Benedikt XVI. tritt zurück, Papst Franziskus setzt sich zu Beginn seines Pontifikats im März 2013 für eine „arme Kirche für die Armen“ ein.

Benedikts Rücktritt, soweit ich mich erinnere, war doch alters- bzw. krankheitsbedingt.

An letzterem mag vielleicht etwas dran sein, aber hast Du je einen Papst erlebt, der altersbedingt zurückgetreten ist? Ich nicht! Und Benedikt lebt noch heute, ist 88 Jahre alt. Übrigens war er der erste deutsche Papst seit Hadrian VI.. Das war 1523.

Du als Katholik musst das ja wissen … Also krankheitsbedingter Rücktritt!

Kapierst Du es nicht?! Die waren pleite! Meinst Du wirklich, ein Papst, egal welcher, stellt sich vor der Welt Augen auf den Balkon des Vatikan und verkündet: „Liebe Gläubige, nachdem unser Kämmerer beim Blick in die Kasse nur noch Boden sah möchten wir Euch mitteilen, dass wir pleite sind!“?!

Der Blitz möge Dich für diesen Satz treffen!!!

Komm schon! Benedikt XVI. ist wegen der drohenden Insolvenz zurückgetreten. Sollte ein anderer doch den Karren aus dem Dreck holen! Und Franziskus blieb nichts anderes übrig, als von der „armen Kirche für die Armen“ zu predigen.

Woher kommt das plötzlich? Die schwimmen doch angeblich im Geld! Sind die Kirchensteuer-einnahmen so zurückgegangen?!

Nein! Der Vatikan hat eine eigene Bank, also dass die heute mit dem Klingelbeutel unterwegs sind, das ist beileibe nicht mehr so. Das ist Miss- und Vetternwirtschaft. Nuzzi soll in seinem Buch davon geschrieben haben. Papst Franziskus steht vor einer Mauer. Die Rede ist sogar von „Krieg“. Die Fronten sind: Der Papst, der reformieren will, der steht einem Verwaltungsapparat gegenüber, der jede Art von Wandel blockiert. Will man Nuzzi glauben, dann steht Papst Franziskus bei seinen Reformen im Inneren des Vatikan nach bald drei Jahren im Amt noch immer am Anfang. Hier schließt sich der Kreis zu David Yallop. Das war damals vor 37 Jahren nicht anders.

Glaubst Du, dass Franziskus in Lebensgefahr ist?

Keine Ahnung! Aber nachdem das jetzt ans Licht kam, kann man ihm nicht mehr so leicht nach dem Leben trachten. Die Sinne der Ermittlungsbehörden sind geschärft. 1978 bestand noch die Möglichkeit, etwas mit dem Tod Johannes Paul I. zu vertuschen. Heute liegt es dem Grunde nach ja schon offen.

Stimmt auch wieder. Wenn die genug Einnahmen haben und eine Bank, die mit Sicherheit nicht schlecht wirtschaftet: Hatten die nicht auch noch Nazigold?! Oder waren das die Schweizer? Wie kommt es dann zu diesem immensen finanziellen Absturz?

Es ist die Ausgabenseite. Folgende Überlegung: die Heilig- und Seligsprechungen kennst Du?! Die müssen vorbereitet, durchgeführt und dann auch nachgearbeitet werden. Der inzwischen pensionierte Kardinal Angelo Amato rückt die Unterlagen zu den Selig- und Heiligsprechungs-

verfahren nicht heraus, die Unmengen von Geld verschlingen. Ein Verfahren kann bis zu 750.000,– Euro kosten, die vor allem für Gutachten ausgegeben werden. Etwa 2500 solcher Fälle sollen derzeit in Bearbeitung sein.

Das ist jetzt nicht wahr?!

So soll es sein …

Ich könnte ein Bier vertragen …

© Thomas Dietsch

Was hängst Du da am Fenster ´rum mit so einem sauertöpfischen Blick?! Heute nicht im Garten?

Ich bin krank. Hab mir wahrscheinlich die Grippe eingefangen. Ich friere wie ein Hund. Mein Garten ist für den Winter „eingemottet“. Da läuft nichts weg …

Du guckst genauso depressiv wie die politische Lage im Moment ist.

Jetzt lass die Kirche mal im Dorf! So schlimm ist es auch wieder nicht.

Na, ja! Mit der Flüchtlingsproblematik …

Nicht schon wieder!!!

Warte mal! Unsere Kanzlerin hat doch ein Problem. Hatte ich gerade gelesen. Wenn wir nicht aufpassen, kommt es zu einem militärischen Konflikt wegen der Flüchtlingsrouten. Alle machen die Grenzen zu, die Migranten weichen aus.

Ja und?

Der Druck auf die Länder, die die Grenzen dicht gemacht haben, steigt. Die anderen wollen nicht die Massen im eigenen Land haben. Man wird also verlangen, dass die ursprünglichen Routen wieder geöffnet werden. Notfalls mit Gewalt.

Oder man macht die anderen Grenzen auch dicht!

Wollen wir das wirklich? Soll Deutschland neben Transitzonen auch noch Mauern und Stacheldraht hochziehen?!

Mit einem Mauerbau wäre ich in Deutschland aus historischen Gründen schon vorsichtig. Die andere Frage ist auch, was das ganze kostet und was es nützt. Es wird minimum Millionen kosten, wenn nicht gar Milliarden. Und sind wir mal realistisch: Haben Zäune und Mauern Menschen dauerhaft aufgehalten? Nein! Und die Transitzonen allein sind absoluter Quatsch, wenn der Rest „grüne Grenze“ ist. Häng doch mal ein Schild raus: „Bitte eintreten! Hier werden Sie eingesperrt und Ihr Antrag innerhalb kürzester Zeit abgeschmettert!“. Würdest Du als Flüchtling da reingehen? Ich nicht! Unabhängig von der Frage, ob diese Einrichtungen neben den wahnsinnigen nutzlosen Kosten verfassungsgemäß sind. Artikel 16a Absatz 1 Grundgesetz ist ein Grundrecht. Es gilt nur für Ausländer und ist damit eines der vornehmsten, das wir haben. Es sind Rechtswege einzuhalten! Diese bayrische Auffassung nach dem Motto: „Wir treiben mal das Vieh auf die Alm und lösen fix das Problem!“ ist nicht.

Du bist ein elender Sarkast!

Quatsch! Die Angelegenheit wird in Karlsruhe beim Bundesverfassungsgericht landen.

Und was hältst Du von dieser Bürgerkriegsangst in Deutschland?

Ich sehe die Gefahr! Nicht in puncto Islamischer Staat. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Aber von Seiten der Rechtsradikalen. PEGIDA und so weiter … Die schrecken vor nichts zurück. Rollt der Mob, brennen die Häuser und es kommt zu Gewalt. Alles schon dagewesen in den letzten Wochen und Monaten. Die haben aus der Geschichte nichts gelernt! Innerhalb von sechs Jahren, von 1939 bis 1945, wurde Deutschland in Schutt und Asche gelegt. Idioten darfst Du die Zügel nicht überlassen!

Das waren andere Zeiten …

Ich finde dieses Argument nicht so prickelnd. Vor 82 Jahren, als dieser Schwerverbrecher an die Regierung kam, entwickelte sich das Ganze auch still und leise. Er kam an die Macht, das Ergebnis kennen wir.

Was willst Du tun? Zusehen?

Man müsste vor Ort gehen, überall dorthin, wo diese Menschen herkommen. Wir haben sie im Kolonialismus über 200 Jahre ausgebeutet. Dort müsste man, mit Hilfe von Experten vor Ort, aufbauen. Wir müssen etwas zurückgeben, was wir diesen Völkern beziehungsweise Ländern genommen haben. Dort kann man die Milliarden nutzbringender und zukunftsträchtiger investieren. Niemand verlässt ohne Grund seine Heimat. Ich kenne jedenfalls niemanden …

Amen!

Jetzt wirst Du zynisch!

Wir beide allein ändern doch da eh nichts. Du es ist kalt und ich könnte auch etwas Medizin brauchen.

Komm rein, wenn Du Dir die Grippe holen willst … Bier ist im Kühlschrank!

© Thomas Dietsch

Die Gegner haben sich verrechnet, das Kalkül des türkischen Präsidenten Erdogan ist voll aufgegangen. Noch am Wahltag konnte man in einer türkischen Zeitung vom „letzten Tag des Sultanats” lesen. Das bezog sich auf die Entmachtung des Sultans durch das türkische Parlament auf den Tag genau 93 Jahre zuvor – man appelliert an das Traditionsbewusstsein der Wähler und treibt diese zu den Urnen – spielte aber auf Staatspräsident Erdogan an. Das regierungskritische Blatt hoffte, die AKP verfehle bei der Neuwahl zum Parlament letzten Sonntag wieder die absolute Mehrheit und der Anfang vom Ende der Ära Erdogan sei eingeläutet. Eine grobe Fehleinschätzung!

Erdogan sah nach den schweren AKP-Verlusten im Sommer angeschlagen aus. Mit dem spektakulären Wahlsieg vom Sonntag ist das mehr als wettgemacht und Erdogan sitzt fester im Sattel denn je. Zwar bedeutet das ein Ende der politischen Hängepartie in der Türkei, auf deren Kooperation die EU in der Flüchtlingskrise angewiesen ist. Aus Sicht Europas ist der sprunghafte Präsident, der gerne gegen den Westen austeilt, alles andere als ein verlässlicher Partner. Die Gräben in der Türkei, die von Erdogan zutiefst polarisiert wurde, sind durch das Wahlergebnis noch tiefer geworden.

Seit der Wahl im Juni diesen Jahres wurde die Türkei immer tiefer in den Strudel der Gewalt gezogen. Es kam zu schweren Anschlägen, die der Terrormiliz Islamischer Staat angelastet wurden und die vor allem Anhänger der HDP trafen. Der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, kritisierte am Abend der Wahl, die Partei habe wegen der Angriffe keinen Wahlkampf führen können. Man habe nur versucht, die eigenen Leute gegen Massaker zu schützen. Kritische Stimmen werfen Erdogan vor, er habe das Land bewusst ins Chaos abgleiten lassen, um abspenstige Wähler wieder um die AKP zu scharen. Ein Kalkül, das aufgegangen ist.

Außerdem brach der Konflikt mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK wieder aus, in deren Nähe Erdogan die prokurdische HDP regelmäßig rückt. Weder Staat noch PKK zeigten sich bereit, der Eskalation ein Ende zu setzen. Im Gegenteil: Man polarisierte auf Teufel komm raus.

Der Krieg der PKK habe der HDP geschadet, so die Einschätzung des Türkei-Experten Aaron Stein aus Washington. Erdogans AKP sei es gelungen, die Wähler davon zu überzeugen, dass es im besten Sinne der Türkei sei, zu einer Einparteienregierung zurückzukehren. Die Direktorin des Zentrums für Türkeistudien am Nahost-Institut in Washington konstatierte ebenfalls, Erdogans geniale Idee habe funktioniert. Es sei sein Sieg.

Seit seiner Wahl zum Staatsoberhaupt im August vergangenen Jahres regiert Erdogan de facto das Land, obwohl die Verfassung diese Rolle dem Ministerpräsidenten zuschreibt. Ministerpräsident Davutoglu, zugleich Chef der AKP, ist mit der Partei Erdogan bedingungslos ergeben. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im Juni 2015 und der Festsetzung von Neuwahlen spotteten Kritiker, Erdogan werde die Türken so lange wählen lassen, bis ihm das Ergebnis passe. Das hat sich leider bewahrheitet. Das neue Wahlergebnis passt Erdogan gut ins Konzept – hat er sich im Wahlkampf doch mehr denn je zurückgehalten. Die AKP kam entgegen allen Umfragen vor der Wahl fast auf die Hälfte der Stimmen und hat damit eine komfortable Mehrheit der Sitze im Parlament. Besonders die ultranationalistische MHP, die der AKP in vielen Punkten ideologisch nahesteht, musste Federn lassen.

In den Kurden-Hochburgen kam es am Sonntagabend zu vertrauten Bildern: Demonstranten bauten Barrikaden und steckten sie in Brand. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Davutoglu sagte in einer seiner Siegesreden, jeder Bürger sei eingeladen, die „neue Türkei” mitzubauen. Es gebe keinen Gegner, keinen Feind, meinte der alte und neue Ministerpräsident.

„Wir sind gekommen, um Liebe zu pflanzen.”

Ob man dem trauen kann, ist äußerst fraglich. Hat Davutoglu gelogen stellt sich die Frage, wer Erdogan aufhalten soll. Er wird an seinem Sessel kleben – und diesen notfalls verteidigen. Erinnerungen an Präsident Assad in Syrien werden wach. Wenn wir nicht aufpassen, ist ein weiterer Brandherd geboren. Die europäische Integration der Türkei ist in weite Ferne gerückt.

Der Besuch von Kanzlerin Merkel war Erdogan – zwar unbeabsichtigt – die ideale Wahlhilfe. Unpassender hätte der Zeitpunkt nicht sein können.

Tigeraugen, milchig gelb,

Grollen aus den Tiefen der Kehle.

Taxierendes Hin-und-Her-Tänzeln.

Wer schlägt zuerst zu?

Zwei wache, stechende Augenpaare.

Bin ich ein Feind?

Die Blicke in die Seele des anderen gebohrt,

Wer gibt auf?

Keiner von uns kann sich lösen

aus der Situation des Momentes.

Weiteres Grollen,

er versteht mich nicht.

Geht es für ihn um Revier und Stolz?

Was ist mit mir?

Was ist mein Grund für diesen Kampf?

Ich grübele, verliere nicht die Konzentration.

Er hat seinen animalischen Instinkt.

Was habe ich zu bieten?

Seine Bewegungen, Fell, Körpergröße,

stets majestätisch!

Wie viel Adel steckt in mir?

Er faucht, versteckt sich

hinter einem Hügel des Geheges.

Ich stehe versteinert.

Bin ich eine Bedrohung?

Warum bin ich hier?

Sein Schrei zerreißt

die Leichtigkeit des Momentes.

Strafe folgt auf Unaufmerksamkeit.

Laut scheppern die Gitter,

das Herz setzt für einen Moment aus.

Der Tiger war über mir.

Könnte ich, wie ich wollte:

ich würde Dir die Freiheit geben!

© Thomas Dietsch

Der Ortsname „Salem“ erscheint an einigen Stellen im Alten Testament der Bibel als Sitz des Königs Melchisedek. Gewöhnlich wird er als Name der Stadt Jerusalem interpretiert.

In der Folgezeit ist diese Stadt Namenspatronin für viele Orte. Drunter befinden sich Länder wie Schweden, Spanien, Indien und vier mal Deutschland. X mal findet sich dieser Ort in den USA.

Traurige Berühmtheit hat Salem in Massachusetts, in der Nähe von Boston, erlangt.

Wir schreiben das Jahr 1691. Zwei Jahre zuvor war der Erweckungsprediger Samuel Parris zum ersten unabhängigen Leiter der streng puritanischen Gemeinde von Salem ernannt worden. Der Schwerpunkt seiner Predigten lag auf dem Kampf zwischen Gottes auserwähltem Volk und dem Satan. Im Winter 1691/1692 begannen Elizabeth (Betty) Parris und Abigail Williams – Tochter beziehungsweise Nichte des Predigers – sich auffällig zu verhalten, auf dem Boden zu kriechen und seltsam zu sprechen. Keiner der bestellten Ärzte konnte das Leiden der Mädchen medizinisch erklären. Der Arzt William Griggs vermutete nach eingehender Untersuchung und dem Ausschluss aller damals bekannten psychischen Störungen, dass die Jugendlichen vom Teufel besessen seien. Die Mädchen schienen von der unsichtbaren Hand des Teufels verrenkt zu werden. Abigail und Elisabeth bestätigten dies, indem sie schilderten, dass unsichtbare Hände sie quälten. Parris griff diese Erklärung auf und meinte, dass die Stadt von Satan besetzt worden sei. Ein Heer von kleinen Teufeln stehe bereit, in die neue Siedlung einzudringen. Als Handlanger des Teufels betrachtete man dazumal nicht nur in Europa, sondern auch in den damaligen amerikanischen Kolonien die Hexen. Ein Mittel, den Angriff Satans abzuwehren war, die Hexen zu identifizieren und zu benennen. Neben den beiden Mädchen Betty und Abigail wurden diverse andere Frauen bedrängt, darunter Ann Putnam, Mercy Lewis und Susannah Sheldon, Namen von Personen zu nennen, die die Mädchen verhext haben sollen. Hauptbeschuldigte waren die häufig Selbstgespräche führende Sarah Good, eine Bettlerin, Sarah Osborne, eine bettlägerige alte Dame, die die Kinder ihres ersten Ehemanns um ihr Erbe gebracht haben soll und Tituba, eine Indianer-Sklavin, die im Haus des Predigers Parris wohnte.

Alle drei landeten am 1. März 1692 im Gefängnis. Wärter bedrängten sie, weitere Namen zu nennen. Mehr als 200 Menschen, auch aus umliegenden Gemeinden, wurden beschuldigt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Bald saßen bis zu 150 Gefangene in den Zellen, einige starben unter den grausamen Haftbedingungen. Sogar die vierjährige Tochter von Sarah Good wurde verhaftet.

Vor einem Sondergericht verlief der Prozess von Anklage bis Urteil völlig willkürlich. Damals gab es noch keine funktionierende Verwaltung. Viele Gefangene wurden gefoltert, um Geständnisse zu erpressen. In der hysterisch aufgeheizten Stimmung verurteilte das Gericht viele angebliche Hexen zum Tode. Als Erste starb am 10. Juni 1692 Bridget Bishop. Nur wer sich schuldig bekannte und weitere Namen nannte, entkam dem Galgen. Im Laufe des Sommers 1692 wurden 19 Menschen gehängt, unter anderem ein Prediger sowie fünf weitere Männer. Die anderen 13 waren ältere, arme Frauen.

Aber woher kam die Massenhysterie? Darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Einigen Theorien zufolge kamen die Wahnvorstellungen der Mädchen von einer Vergiftung: Sie hatten wahrscheinlich verseuchtes Getreide gegessen. Aber warum machten die Dorfbewohner so bereitwillig bei der Verfolgung Unschuldiger mit? Es gab Konflikte zwischen verschiedenen Familien in Salem. Die Hälfte der Bevölkerung war Anhänger des Predigers Parris, der eine eigene Gemeinde gründen wollte. Die andere Hälfte lehnte das ab. Menschen, die vor den Indianern geflohen waren, erzählten grausige Geschichten. Die ständige Bedrohung durch Indianerangriffe schuf ein Klima der Angst.

Dieses Klima der Angst … Das erinnert mich ein wenig an die Zeit, in der wir heute leben. Es gibt keine Hexenverfolgungen mehr, keine feindlichen Indianer. Aber es gibt die Angst! Jene vor Veränderung! Der Mensch hätte gerne, dass alles so bliebe, wie er es gewohnt ist, wie er es schätzt. Aber das geht nicht; wäre es immer so gewesen, liefen wir heute noch im Lendenschurz herum. Und so rotten sich Menschen zusammen, aus der Anonymität der Masse heraus lässt es sich gut schreien. Es wird nach „einfachen“ Lösungen gesucht, der Mensch ist grundsätzlich denkfaul. Es darf nicht kompliziert werden. Und Schuldige hat man bald gefunden: Damals waren es Indianer und Frauen, die nicht ins Gesellschaftsbild passten. Heute ist es der Ausländer und der Flüchtling. Angeblich nehmen sie uns etwas weg. Was, weiß eigentlich niemand. Kann auch keiner wissen, weil es nicht so ist. Im Gegenteil: sie bringen neue Aspekte in unsere Gesellschaft, die dadurch profitieren kann. Wir bekommen also etwas dazu, wenn wir es den annähmen.

Hoffen wir, dass diese Chance der Weiterentwicklung nicht in Hass und Gewalt untergeht!

© Thomas Dietsch

Darf eine muslimische Frau in Deutschland ihr orientalisches Brautgeschenk einklagen? Die hiesigen Gerichte sind uneins. Die Frage macht der deutschen Justiz zu schaffen.

Oft ist die Lage so: Ein junger Muslim heiratet in der Heimat, er ist mittellos und wohnt noch bei den Eltern. Wie üblich, unterschreibt er einen Vertrag: Darin verspricht er seiner zukünftigen Frau als Brautgeschenk „einen Koran, einen Spiegel und ein paar Kerzenleuchter“, darüber hinaus 600 Goldmünzen. Das Paar geht nach Deutschland und gründet dort einen neuen Wohnsitz. Der junge Mann ist inzwischen Kellner und geschieden. Innerhalb des nächsten Monats soll er rund 160.000,– € an seine einstige Frau zahlen. Wahlweise, so sieht es ein Beschluss des Amtsgerichts von Anfang Oktober vor, könne er ihr auch die 600 Goldmünzen geben, wie vor zwölf Jahren versprochen. Als Kellner verdient er monatlich 998,– €.

Koran, Spiegel, Kerzenständer, Goldmünzen: das versprechen viele muslimische Männer ihren Frauen in Eheverträgen, gelegentlich werden solche auch in deutschen Moscheen geschlossen. Die sogenannte Morgengabe muss formal nach der ersten Nacht gezahlt werden, als Ausgleich für die sexuelle Hingabe und den künftigen Gehorsam der Frau. Tatsächlich zur Rede kommt das Geld aber meist erst bei einer Scheidung. In Staaten, wie zum Beispiel dem Iran, haben Frauen kein Recht auf Unterhalt, die Morgengabe soll sie, so eine modernere Auslegung, finanziell sichern.

Die Frage entzweit unsere Gerichte

Iranisches Recht ist die eine Seite. Wie sieht es in Deutschland aus? Darf eine Frau, die nach hiesigem Recht geschieden wird, ein nach muslimischem Recht vereinbartes Brautgeschenk einfordern? Hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen, auch bei den Gerichten. In juristischer Hinsicht ist kaum etwas absolut klar. Aber selten sind sich Juristen so uneins wie in der Frage der Einklagbarkeit der Morgengabe.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat hierzu 2009 ein Urteil gefällt. Er sieht die Morgengabe als „eine ehevertragliche Zusage des Ehemanns“. Die sei folglich zu zahlen – wenn auch der Betrag nicht an die Entwicklung des Goldpreises in der Zeit zwischen Eheschließung und Scheidung anzupassen sei. Darum ging es im Detail bei der Revision zum BGH.

Von diesem Grundsatzurteil sind aber in der Folgezeit viele Instanzgerichte abgewichen, unter anderem das Amtsgericht Darmstadt. Im Mai diesen Jahres ging es dort um ein Paar, das auch im Iran geheiratet hatte und sich in Deutschland scheiden ließ. Das Gericht entschied: Die vereinbarte Morgengabe in Höhe von 180.000,– € sei sittenwidrig, sofern sie sich auf den Vollzug der Ehe bezieht. Das Geschäft, Geld gegen Beischlaf, verstoße gegen das Anstandsgefühl. So hat im September auch das Amtsgericht Baden-Baden argumentiert, warum ein Mann nicht die von seiner ehemaligen Frau geforderten 31.500,– € zahlen muss.

Ein Amtsrichter in Brühl im Rheinland hat erst gar nicht darüber entschieden, ob eine Morgengabe zu zahlen ist oder nicht. 2010 hatte eine Iranerin Verfahrenskostenhilfe für ihre geplante Klage auf das Brautgeschenk beantragt. Das Gericht wies schon diesen Antrag zurück. Zwar stehe der Frau die Morgengabe formal zu, so die Begründung. Jedoch erwarteten schon iranische Gerichte in aller Regel nicht, dass Ehemänner die „märchenhafte Summe an Goldmünzen“ aufbringen könnten. Der Brühler Richter rechnete vor, dass die Morgengaben aller 13 Millionen Ehen, die es damals im Iran gab, zusammen etwa 52.000 Tonnen Gold ergäben. Seinerzeit lagerten in den Tresoren der Zentralbanken weltweit etwa 30.000 Tonnen Gold. Also selbst wenn alle Ehemänner die Morgengabe zahlen wollten, es stünde gar nicht genug Gold hierfür zur Verfügung.

Islamische Rechtsnormen sind mit dem deutschen Recht nicht recht unter einen Hut zu bringen. Die Morgengabe ist in einer männlich dominierten Gesellschaft entstanden. Wird sie an deutschen Gerichten durchgesetzt, kann das zur Diskriminierung im Land führen.

© Thomas Dietsch

Religion und Politik … Geht das zusammen? Ich habe meine Zweifel! Man hat zunächst zwei Elemente: Die Religion und die Politik. Die Politik, wie der Name schon sagt, beschäftigt sich mit der öffentlichen Sache. Die Angelegenheiten des Staates und der Gesellschaft. Jene gilt es zu regeln, viele Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden.

Die Religion befasst sich mit Gott. Nur mit Gott? Wohl nein! Allein wenn man bei den Buchreligionen in den heiligen Büchern nachliest, dann wird man eines anderen belehrt. Schaue ich als Christ beispielweise in die Bibel und in die zehn Gebote, dann fällt folgendes ins Auge:

Die ersten drei Gebote legen Bestimmungen für die Beziehung zwischen Gott und Mensch fest. Die Gebote fünf bis zehn wiederum regeln das zwischenmenschliche Zusammenleben. Eine Mischform stellt das vierte Gebot dar, welches zur Sabbatheiligung aufruft. Einerseits weist der ausführliche Text in 2. Mose 20, 9-11 auf den göttlichen Ursprung des Sabbats in der Schöpfung hin. Der siebente Wochentag ist somit zunächst ein Gedenktag. Doch auch dem Menschen nützt das Arbeitsverbot am Sabbat, weil er sich dadurch erholen kann. Arbeitsmedizinische Erkenntnisse stützen dies, denn ein echter Ruhetag nach sechs Tagen voller Arbeit oder privater Geschäftigkeit stellt die schonendste Form der Lebens- und Arbeitszeitgestaltung dar. Andere Religionen wie Islam und Judentum mögen das ähnlich regeln.

Es gibt also, was den Umgang der Menschen miteinander angeht, eine Überschneidung von Politik und Religion. So weit, so gut! Was aber, wenn in eine bisher liberale Staatsauffassung auf eine streng oder gar radikal ausgelegte Religion trifft? Strenger Hinduismus auf das normale Leben in Indien? Ein offener arabischer Staat und strenge Auslegung des Koran? Die Greueltaten des Islamischen Staates, welcher die Einrichtung eines sogenannten Gottesstaates anstrebt, sind hinlänglich bekannt. In Indien hat vor einiger Zeit ein wütender Mob einen Schied totgeschlagen, weil er angeblich – das Gerücht war noch nicht einmal verifiziert – Rindfleisch verzehrt hat. In Indien gelten (aus religiöser Sicht) Rinder als heilige Tiere. Zu einer ernstlichen Strafverfolgung kam es bisher nicht.

Konflikte sind vorprogrammiert!

Aber auch in Europa wird die Angelegenheit heiß diskutiert. Schon in unserer Präambel zum Grundgesetz steht: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, …“.

Nach Ansicht des Staatsphilosophen Josef Isensee ist die Trennung von Staat und Religion nicht sinnvoll, da das Christentum eine historische Grundlage Deutschlands sei. Außerdem führte seiner Ansicht nach die Entfernung von religiösen Symbolen, zum Beispiel aus Klassenzimmern, zu einer „Verödung der Kulturlandschaft“.

Das würde bedeuten, dass in den Schulen die historischen Grundlagen, aus denen unser Gemeinwesen entstanden ist, verschwänden, und es würde eine sterile Welt geschaffen, in der möglicherweise eine Pseudo-Religion einziehen könnte anstelle des Christentums. Unsere Stadtbilder sind geprägt von der christlichen Vergangenheit, die – genau genommen – keineswegs vergangen ist, sondern eben noch ein wesentliches Stück Gegenwart ist. Das Christentum lässt sich als historische Grundlage unseres Landes und ganz Europas begreifen, und der Staat gewährt dem Christentum wie allen anderen Religionen die grundrechtliche Freiheit und Gleichheit.

Man darf aber nicht übersehen, dass einige bekannte Köpfe unseres Landes, unter anderem der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, der Auffassung sind, dass das Christentum mittlerweile an seine Grenzen stößt. Solange eine mittelterliche Liturgie auf einen postmodernen Staat trifft, wird sich dieser Konflikt auch nicht lösen lassen. Im Gegenteil! Es wird noch mehr Kirchenaustritte geben. Und die Kirche hat schon genug Federn lassen müssen. Die katholische Kirche hätte vor zwanzig Jahren nie und nimmer Geschiedene, Wiederverheiratete oder Homosexuelle in ihren Kreisen geduldet.

Nicht zuletzt: Hat nicht schon die Wirtschaft uns zu Konsumjüngern gemacht? Wurden hier nicht ähnliche Methoden wie dazumal von der Kirche angewandt? Soviel zu Ersatzreligion!