Nicht nur in Indonesien, dem Gastland der Buchmesse, erzählt man gern. Der Nobelpreis würdigt eine Stimmencollage. Was ist Literatur, wie entsteht sie?

Erzählforscher, Volkskundler, Literaturwissenschaftler oder Historiker sind für ihre Erforschung mündlicher Überlieferungen auf die Fixierung gesprochener Texte angewiesen. Die wichtigste Form der Fixierung – trotz der heutigen Möglichkeiten der Wiedergabe in Bild und Ton – ist die

schriftliche. Jede Verschriftlichung einer mündlichen Überlieferung bedeutet ihre „Übersetzung“ in

die geschriebene Form und damit ihre Veränderung. Im Fall von Balladen, Volksliedern oder Rei-

men ist die Form die Gedächtnisstütze, die sich für das Niederschreiben in Versen eignet. Im Fall

von Erzählungen ist die Verschriftlichung schwieriger. Lange Zeit galt in Europa unter Kompilato-

ren (so wird ein Autor bezeichnet, dessen Arbeit im Wesentlichen aus dem Sammeln oder Zusammenstellen von Werken oder Zitaten anderer Autoren besteht) – man denke nur an die Gebrüder Grimm – die Literarisierung als das probate Mittel der Übertragung. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich – parallel zu technischen Möglichkeiten der Aufzeichnung von Sprache mit der Schallplatte (Ende 19. Jahrhunderts) oder Tonband (seit den 1930er Jahren) – die wortgetreue Übertragung von Erzählungen (Mareile Flitsch).

Manchen Märchensammlern ging es zunächst einmal um die Geschichte – und die konnte durch Feilen mitunter nur gewinnen. So zeigt etwa der Vergleich zweier Fassungen des schwedischen Märchens „Lasse, mein Knecht“, das der Volkskundler Nils Gabriel Djurklou sammelte, dass erst dessen Bearbeitung die Möglichkeiten dieses Märchenstoffs ganz ausschöpfte, während die Originalerzählung manche Pointen geradewegs verstolperte.

Was ist dann mit der Authentizität der Märchen als mündlich tradierte Texte, was ist mit dem erhofften Blick in eine schriftlose Zeit?

Natürlich gilt obiger Schluss nicht für alle Märchen der Gebrüder Grimm und nicht für alle in der Folge weltweit aufgezeichneten Märchen. Trotzdem wird man auch das, was sich Ethnologen von Vertretern schriftloser Kulturen erzählen ließen, nur eingeschränkt als genuin mündlich ansehen können. Denn allein die Anwesenheit eines Fremden, der einen noch dazu auffordert, in den riesigen Trichter eines Edison-Phonographen zu sprechen, wird dessen Erzählen verändern – inhaltlich, ganz sicher aber im Duktus hin zu einer elaborierten Mündlichkeit.

Vor demselben Problem stehen Linguisten, denen es nicht so sehr um die Inhalte von mündlich tradierten Texten, sondern etwa um deren Struktur geht, weil sie wissen wollen, ob es bestimmte Merkmale für Mündlichkeit in Abgrenzung zur Schriftlichkeit gibt. Am Beispiel der romanischen Sprachen zeigen Linguisten auch Übergangsformen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf, etwa Protokolle mündlicher Äußerungen oder Reden, die schriftlich entworfen, aber mündlich vorgetragen werden und so Merkmale aus beiden Sprachformen besitzen. In welchem Medium, also im engeren Sinne „mündlich“ oder „schriftlich“, ein Text dargeboten wird, ist letztlich nicht entscheidend. So wird eher zwischen der Sprache der Nähe und jener der Distanz unterschieden, während in der Mündlichkeit Gesten und Betonung das Ausdrucksspektrum des Sprechers erweitern, kommt in der Schriftlichkeit für den Adressaten die Möglichkeit des Vor- oder Zurückblätterns hinzu.

Besonders wenn es um Texte geht, die in schriftlosen Gesellschaften entstanden sind und später fixiert wurden, stellt sich die Frage, welchen Anteil dieser Transformationsprozess an ihrer endgültigen Gestalt hat. Wie im Fall der „Ilias“ und der „Odyssee“, ist hiermit auch die Frage nach dem Autor verknüpft.

© Thomas Dietsch

Wollte man eine Bilanz zu Barack Obamas Präsidentschaft ziehen, ist das nicht ganz so einfach. Einfach ist es nie, wenn jemand über zwei Perioden regiert.

Barack Hussein Obama II, geboren am 04. August 1961 in Honolulu/Hawaii, ist seit dem 20. Januar 2009 der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Er ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf US-Verfassungsrecht. Seit 1992 gehört er der Demokratischen Partei an, 1997 wurde er Mitglied des Senates von Illinois. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 setzte er sich gegen seinen republikanischen Konkurrenten John McCain durch, bei der Wahl 2012 besiegte er seinen Herausforderer Mitt Romney.

Am 10. Dezember 2009 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass Barack Obama der erste nicht-kaukasische Präsident ist. Für Amerika eine Herausforderung, umgekehrt war und ist Amerika für ihn eine Herausforderung. Man darf wohl sagen, dass beide diese Hürde genommen haben. Somit hat Obama, was die Rassenproblematik angeht, ein Zeichen gesetzt, sein Land in das 21. Jahrhundert geführt. Die Vereinigten Staaten sind offener und toleranter geworden unter seiner Präsidentschaft. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch Rassenkonflikte gibt. Es seien hier nur der gewaltsame Tod eines schwarzen Jugendlichen durch die Hand der Polizei in dessen Heimatort in Missouri und die Debatte über die „Stars-and-Bars-Flagge“ genannt. Die Konflikte gab es schon immer in der Geschichte der USA, vor 50 Jahren waren sie entschieden schlimmer als heute. Unter Obama ist ein neues Bewusstsein entstanden. Man hinterfragt diese Konflikte, nimmt sie nicht mehr als gegeben hin. Und hierin liegt Obamas Erfolg! Das Bewusstsein für Ungerechtigkeit geweckt zu haben. Dass er den Rassenkonflikt als Ganzes in seiner Amtszeit löst, hat wohl niemand ernstlich erwartet.

„Yes, we can!“, mit diesem Slogan ist er dazumal gestartet. Und um fair zu sein: „He could!“. Wie immer am Ende der zweiten Amtszeit – wenn denn jemand so lange regiert – ist Obama zur „Lame Duck“ geworden. Er hat beide Häuser des Kongresses, den Senat und das Repräsentantenhaus, gegen sich. Es hat ihn mehrfach gebeutelt: Weitgehend unerfüllte Wahlversprechen, der Pyrrhussieg der Krankenversicherung, eiskalte Drohnenkriege, die vermasselte Guantanamo-Schließung, der NSA-Skandal. Wollte man, ließe sich die Liste um einiges weiterführen. Aber konnte je ein Politiker alle Wahlversprechen einhalten? Auch die Versprechungen von Reagan und Kennedy blieben vielfach unerfüllt, was sie nicht daran gehindert hat, mit der Zeit „mythische Bedeutung“ (Sam Tanenhaus) zu erlangen. Auch die kritischsten Kritiker müssen eingestehen, dass bei Obama nicht alles Scheitern war. Obama hat zumindest einige seiner hochgesteckten Ziele  erreicht. Seine Wirtschaftspolitik wird gerne heruntergemacht, aber die Arbeitslosenquote fiel gerade das erste Mal seit Juli 2008 um sechs Prozent.

Obamas Einzigartigkeit bestand darin, gleich zwei Ideale zu vereinen, an deren Erreichen der Präsident sich nun messen lassen muss: Das Ende politischer Grabenkämpfe und die schrittweise Verarbeitung Amerikas rassistischer Vergangenheit.

Präsident Obamas Haar ist grau geworden über den beiden Amtszeiten. Aber er war und ist einer der jungen Präsidenten, wie unter anderen Bill Clinton und John F. Kennedy. Mit ihnen kamen neue Ideen in die verkrustete Struktur einer immer noch jungen Nation.

In einem Supermarkt in den USA mag einen die Verkäuferin fragen: „Can I help you, darlin´?!“ oder es mag Ärzte geben, die ohne Honorar Menschen ohne Krankenversicherung in Massen helfen. Und solange das der Fall ist, gibt es eine Zukunft für dieses Land. Es trägt eine Hoffnung, mit der Barack Obama gestartet ist und von der er uns einen Teil zurücklässt. Amerika ist ein Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist. Mögen auch die Besserwisser immer etwas zu meckern haben … In vielerlei Hinsicht war und ist Präsident Obama der richtige Mann, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.

Und es ist an letzterer zu sagen: „Thank you, Mister President!“.

© Thomas Dietsch

Wolken verändern den Himmel,

Farbe weicht aus dem Gesicht des Firmamentes.

Ich schwebe,

öffne meinen Geist für das Universelle.

Wo bist Du?

Ich gleite zum Ende des Regenbogens.

Nacht, an der Bestimmung ist es leer.

Hatten wir nicht vereinbart,

uns hier zu treffen?

Jetzt, wo Gestirne um mich herum fallen,

stehe im Himmel, da, wo eigentlich das Meer sein sollte.

Habe auf meiner Reise von Stern zu Stern

das Licht gesucht, das mich einlädt zu verweilen.

Du, nur Du! Um mich herum die Leere des Weltenalls.

Bin ich noch im Orbit, dem Geleis,

oder schon in den schwarzen Tiefen des Vergessens?

Wie lange trägt ein Lichtstrahl eine Seele

bis in der Unendlichkeit Erinnerungen verglimmen?

Bilder, verschluckt von der Dunkelheit des Raumes.

Birgt Nacht nicht Tiefe?

Oder war es das Licht?

Ich weiß es nicht mehr.

Schwerelosigkeit kennt keine Grenzen!

Gleitender Asteroid,

ich taumele in den Rachen des Schwarzen Loches.

Alles verschlingend!

Ein Ende gibt es nicht, nur die Wiedergeburt.

Den Knall, der die Zeit aus der Ewigkeit schneidet.

Mit dem Schwinden der Astralnebel

dämmert für uns ein neuer Morgen.

In Syrien ist Krieg. Das seit bereits über fünf Jahren. Das Land ist eine einzige Ruine, die Städte sind Schutthaufen, einige Kulturdenkmäler unwiderruflich aus religiösem Eifer zerstört. Viele Menschen sind tot, der Staat ist im Zerfall begriffen. Während die internationale Allianz aus unter anderem amerikanischen und saudi-arabischen Streitkräften einerseits und von russischer Seite andererseits versucht, die Katastrophe zu beenden, geht das Morden und Zerstören weiter. Das Ausland, der Westen und Russland, ist zerstritten, ob man gegen den Islamischen Staat zur Stützung des Assad-Regimes oder ohne dies vorgeht. Putin bekämpft die Rebellen gegen Assad, Amerika hat kürzlich deren Ausbildung erst einmal eingestellt. Solange hier keine Einigung zu erzielen ist – und das wird wohl auch nicht der Fall sein – werden die Menschen weiter leiden und sterben. Viele fliehen nach Europa. Menschenströme auf unseren Autobahnen sind alltäglich zu sehen.

Hilfe vor Ort, die Fluchtursachen stoppen. Kann man etwas tun? Momentan ist es schwierig in Syrien, aber nach dem Fall des IS gäbe es eine Chance. Somalia sei hier als Beispiel genannt!

Auch dieses Land galt lange als Paradebeispiel für einen gescheiterten Staat. Gewalt und Anarchie bestimmen bis heute in weiten Teilen des Landes den Alltag der Bevölkerung. Dennoch kehren immer wieder im Westen gut ausgebildete Somalier zurück, getrieben von dem Wunsch, ihre erste Heimat zum Besseren zu verändern.

Viele Somalier waren Kinder, als sie mit ihren Eltern damals aus den Bürgerkriegswirren nach Deutschland geflohen sind. Sie kennen ihr Herkunftsland eigentlich nicht, kommen mit Vorstellungen in diesen afrikanischen Staat, welche sich in dessen Realität nicht wiederfinden.

Überraschend ist der Fortschritt dort, dass es Nightclubs gibt, und dass die Leute offener sind als von den Rückkehrern erwartet. Im Taxi auf der Fahrt ins Büro läuft 90er-Jahre-Popmusik. Das passt nicht zu den Vorstellungen von einem Land, aus dem die Eltern einst flohen. Man stellt sich das alles strenger vor. Außer den Sicherheitskontrollen ist das Leben eigentlich ganz normal. Somalia galt jahrzehntelang als Synonym für Anarchie und Gewalt. Die vermeintliche Normalität birgt Abgründe, militärische Kontrollen haben ihren Grund: Das Leben in Mogadischu ist immer noch lebensgefährlich. Erst Ende September starben am Präsidentensitz wieder zwölf Menschen, sie wurden Opfer eines Selbstmordanschlags. Jetzt finden sich dort Panzersperren und Wälle von Sandsäcken. Wer in den Palast will, muss seine Taschen mit Metalldetektoren durchsuchen, sich gründlich abtasten lassen. Somalia, gerade der Sitz des Präsidenten, bilden die Front des Krieges gegen den Terror. Kämpfer der islamistischen Shabaab-Miliz verüben regelmäßig schwere Attentate.

Was bewegt junge Menschen, als Kind nach Deutschland gekommen oder gar dort geboren, die hiesige Sicherheit aufzugeben und in ein Bürgerkriegsgebiet zurückzukehren? Aufbauhilfe, mit dem Know-How, erworben in Deutschland. Etwas der alten Heimat zurückgeben. Einer Heimat, die man nur aus Erzählungen der Alten kennt, deren Realität sich mittlerweile von diesen Erzählungen meilenweit entfernt hat. Ist der Begriff „Heimat“, dessen Inhalt, vielleicht doch stärker, als wir alle denken?! Spüren wir unsere Wurzeln, ohne uns derer rational bewusst zu sein? Eventuell ja! Nicht umsonst nehmen die jungen Somalier ein Leben in Gefahr auf sich, um Menschen in ihrem Herkunftsland zu helfen. Das bedeutet Aufgabe von allem Bekannten, je nachdem auch die Aufgabe eines früheren Lebens. Und man ist nirgendwo richtig zu Hause: in Somalia gelten sie als die „Deutschen“, bei uns waren sie die mit „Migrationshintergrund“. Und dennoch: die jungen Leute sind hier aufgewachsen, haben sich hier integriert, es bei uns zu etwas gebracht. Sie gehen größtenteils fertig ausgebildet nach Afrika, um den Menschen dort eine Chance zu geben. Ihren Anteil am Wiederufbau des Landes zu leisten, nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Viele gestehen die Angst, die diesen Schritt begleitet: Was wird kommen? Werde ich akzeptiert werden? Falle ich einem politischen Anschlag zum Opfer? Ist es das Ganze wert oder nicht, das sichere Deutschland für ein solches Unternehmen zu verlassen?! Offensichtlich ja! Sie gehen in dem Bewusstsein, dass sich ihr Leben teilweise frappierend verändern wird. Chapeau! Das ist auch eine Hoffnung für Syrien. In einigen Jahren, wenn eine Chance zum Wiederaufbau bestehen sollte …

Bin ich ein alternder weltfremder Akademiker? Vieles, was so vor sich hinpassiert, passt nicht mehr in mein Denkschema … In die Jahre gekommener Spinner?! Was soll das denn, Tagebuch?! Na ja, vielleicht liegt es auch wirklich am fortgeschrittenen Alter. Man kommt sich vor, als sei der Waggon, in dem man sitzt, gerade vom weiterfahrenden Zug abgekoppelt worden. Aber Spinner ist nicht fair, ja!

Der Europäische Gerichtshof hat gestern – hauptsächlich die Amerikaner – zurechtgewiesen. Konsorten wie Facebook, Google und auch die NSA haben einen Rüffel bekommen. Viele fanden ihn zu brav, aber in der Sache hat er gesessen. Das zwischen der Europäischen Union und den USA abgeschlossene Safe-Harbor-Abkommen ist ungültig, weil es gegen das Grundrecht auf Achtung des Privatlebens verstößt. Das ist in Artikel 7 der Europäischen Grundrechtecharta festgehalten. Einfach gesagt heißt es in der Safe-Harbor-Vereinbarung, dass US-Unternehmen wie amerikanische soziale Netzwerke, sich nicht an deutsche Datenschutzregeln halten müssen, wenn sie ganz dolle versprechen, die Daten pfleglich zu behandeln und dieses Versprechen von US-Kontrollstellen auch überprüfen zu lassen, die es gar nicht gibt. Der Kniefall Europas vor der Ausbeutung der Daten seiner Bürger durch einen anderen Kontinent. Hallelujah! Was haben die sich damals eigentlich gedacht?! Ohne Rechtsgrund den Zugriff auf private Daten zu erlauben? Nach dem Motto: Onkel Sam guckt schon, dass das ordnungsgemäß abläuft … Klar, für die amerikanische Wirtschaft auf jeden Fall! Die Amerikaner haben eine Heidenangst, dass sie wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten. Deswegen spionieren sie alles und jeden aus. Auch Freunde! Das ist sich jeder selbst der Nächste, wenn´s um die Kohle geht. Wenn man bedenkt, dass bei uns selbst dann, wenn es um Straftaten geht, ein hinreichender Verdachtsgrad vorliegen muss, um Zugriff auf Telefon- und Internetdaten zu bekommen, dann ist es hanebüchen, denen in Übersee den Zugriff ohne irgendetwas zu erlauben. Ist ja gerade so, als ob jeder in deine Wohnung spazieren und irgendwelche Möbelstücke hinaustragen kann. Ich übertreibe?! Nee, Tagebuch, tu ich nicht!

„Merkel ordnet Kompetenzen in der Flüchtlingspolitik neu“, so zu lesen bei tagesschau.de. Wir müssen den Menschen helfen! Das sind wir ihnen im Rahmen der Mitmenschlichkeit schuldig, unabhängig von irgendwelchem juristischen Kram. „Mutti“ sagt „Willkommen!“, breitet die Arme aus und die Ministerpräsidenten bzw. –präsidentinnen laufen Amok. Wohin mit den Leuten? Viele sitzen immer noch in Zelten. Der Herbst ist da, nach Herbst kommt Winter! Dieser Krieg in Syrien tobt nicht erst seit gestern. Wir sind doch immer so gut über das Weltgeschehen informiert. Hat denn niemand gemerkt, was sich da zusammenbraut?! Das Ganze läuft seit 2010! Es ist nicht nur die Masse, die da auf Europa zuströmt, man muss auch an die Menschen denken. Wie viele sind in lumpigen Kähnen von Schleppern auf dem Mittelmeer ertrunken? Und welche Traumata bleiben bei den Betroffenen, hauptsächlich den Kindern? „Willkommen!“, hinter der nächsten Ecke wartet schon der nächste Neonazi … Die Regierung regelt das? Tagebuch, dein Vertrauen möchte ich haben … Wir setzen das Wohlergehen von Tausenden von Menschen aufs Spiel, wenn nicht sogar deren Leben. Der ganze Ablauf ist vollkommen unorganisiert. Man hätte sich in den letzten fünf Jahren besser vorbereiten können. Oder in Syrien zum Beispiel vor Ort eingreifen. Was weiß ich … Ja, Du hast recht, ich habe auch keinen Plan!

Ende September kamen erste Meldungen aus den Niederlanden. Waschbären aus Deutschland haben illegal die Grenze übertreten! Die dortigen Biologen sind in Aufruhr! Man erwartet Flüchtlingsmassen aus der Tierwelt, die den kleinen Staat überrennen. Hast Du gewusst, Tagebuch, dass der Waschbär eigentlich kein Deutscher, sondern Amerikaner ist?! Nee, nicht gewusst? Die hier vorkommenden Waschbären gehen auf Tiere zurück, die im 20. Jahrhundert aus Pelztierfarmen und Gehegen ausgebüxt sind oder ausgesetzt wurden. Sie gelten als Gefangenschaftsflüchtlinge. Da staunste, was?! Sollen sich nicht so haben, die Niederländer!

Wie immer viel los, heute am siebten Oktober 2015.

© Thomas Dietsch

05.10.2015

Ich weiß nicht, warum ich den Gedankenkram eigentlich hierein schreibe. Tagebuch … Früher, zumindest unsere Jugendsprache: Ausquetschbuch. Das waren auch die Poesiealben der Mädels. Und da war der Begriff schon alt. Ausquetschbuch klingt mistig! Was soll ich ausquetschen? Etwa mich selbst?! Ich bin mir nicht so sicher, ob meine eigenen Gedanken momentan Sinn machen …

Die Türkei fängt einen russischen Jet an der türkisch-syrischen Grenze ab. Gefahr für den türkischen Luftraum? Keine Ahnung! Könnte mich einlesen; aber mal ehrlich: was interessiert es mich? Ist die Information wichtig, gar lebenswichtig? Nein! Ist morgen schon wieder überholt. Allein die Diskussion: Gegen den Islamischen Staat. Yeap! Alle sind sich einig. Ob mit Assad oder ohne? Keiner ist sich einig! Erste Stimmen kommen schon wieder auf, er wäre ja an sich ganz „nett“ – salopp ausgedrückt – Zusammenarbeit also nicht ausgeschlossen! Die Putin-Anhänger klatschen, die Amerikaner und der Westen reagieren verschnupft. Wen oder was bombardiert Putin? Den IS oder auch Rebellen, die gegen Assad kämpfen? Und was ist mit dem Krankenhaus in Kundus, im Hinblick auf den amerikanischen Angriff? Alles nur Propaganda … Wessen? Der Russen? Was ist mit unserer? Haben wir keine? Wem soll ich glauben? Blickst Du noch durch, Tagebuch?! Schüttelst auch den Kopf, kann ich verstehen!

Es gibt einen Film. Der ist neu! „Leberkäseland“. Die Problematik, die darin geschildert wird ist die, wie ich eine fortschrittliche türkische Familie in einer rückständigen Kleinstadt integriere. Integrieren heißt nicht assimilieren. Gut so! Aber integrieren bedeutet doch, einfügen eines Fremden in das Bestehende. Mal grob gesagt … Heißt das jetzt auch, dass man sich degenerativ entwickeln muss, um sich zu integrieren? Nach dem Motto: Zurück ins Mittelalter?! Alter, das halte ich für eine ganz schöne Zumutung. Man stelle sich den integrationswilligen Flüchtling vor. Der hat doch Anspruch darauf, dass ich ihm erkläre, wie das bei uns funktioniert. Wenn die Person jetzt einen Universitätsabschluss hat: Kann ich die dann in irgendein Kuhdorf setzen? „Internet kommt in 5 Jahren …“. Die müssen doch denken, wir haben sie nicht mehr alle. Integration gut und schön, aber hat schon jemand einmal über die Definition nachgedacht? Wenn viele an der Integration scheitern, dann eventuell, weil ihnen der Maßstab fehlt. An was soll man sich anpassen?! Nee, Tagebuch, die Frage muss man mal stellen …

Henning Mankell, der geistige Vater von Kommissar Wallander, ist tot. Seine Bücher bewegten nicht nur Schweden, er wurde weltweit verlegt. Ich hab nicht alle seine Bücher gelesen. Die, die ich gelesen habe, waren super. Die Wallander-Filme kenne ich alle. Die sind auch spitze! Ich denke, wir sind kulturell ein Stück ärmer geworden. Dabei sagte er noch letzten Monat in einem Interview, es ginge ihm soweit gut. Das Leben und die Zeit können grausam sein. Er möge in Frieden ruhen! Jedes Mal, wenn ich ein Buch von ihm aufschlage oder wenn Krimitime ist, wird er im Gedanken dabei sein. Tagebuch, verneigen wir uns vor einem großen Geist!

Hast Du die Bilder in den sozialen Netzwerken gesehen, Tagebuch? Aus England und Italien, Piemont? Dort hatte es schon geschneit! Alter, ich glaube, wir gehen einem langen und harten Winter entgegen. Im August war noch heißer Sommer … Über 40° Celsius. Was heißt hier: „Ach, nee“?! Ja, die Zeit, sie rinnt einem wie Sand durch die Finger. Ich habe einfach noch keine Lust, mich für den Winter einzumotten. Aber die Pflicht ruft! Nicht mehr lange und es heißt morgens wieder Eiskratzen, im Schnee zur Arbeit, Stau wegen Glätte, und, und, und.

Ein Vierteljahrhundert Wiedervereinigung. Radio, Fernsehen, Zeitung, Internet. Wo du hinguckst! Die Reise in die Konsumwelt! Ich glaube, es steckte nicht immer das Paradies dahinter … Jedenfalls nicht für jeden.

Die Jugendlichen sind uns, was gendergerechte Sprache angeht, voraus. Im Radio hab ich neulich aufgeschnappt: „Äi, Du bist voll die Opferin!“. Na, Ihr Sprachwissenschaftler!? Das ist doch mal was! Ohne viel Gedöns und Regelgeschnörkel …

Heute, an diesem fünften Oktober diesen Jahres.

© Thomas Dietsch

Die Flüchtlinge werden uns noch überrennen. Sag ich Dir! Wo wollen die denn alle hin?!

Jetzt mach mal langsam! Es sind viele, und wie die Ministerpräsidenten der Länder sagen, gibt es ein großes Unterbringungsproblem. Das ist der Hauptgrund, warum die Lage momentan so prekär ist. Der Flüchtling als solcher ist null Problem. Eher eine Chance …

Chance?! Die werden uns noch die restlichen Arbeitsplätze wegnahmen! Kommen und unsereiner hat das Nachsehen. Die werden eingestellt, denen wird das Geld hinterhergeworfen und wir gammeln auf dem Arbeitsamt rum …

Warum bist Du denn so aggressiv und unsachlich?

Weil´s mich aufregt! Kommen hierher und wollen nur …

Die wollen etwas, ja! Frieden, Sicherheit, eine Zukunft für sich und ihre Kinder! Was Dich betrifft: Stehst Du bei Deinem Arbeitgeber auf der Abschussliste, weil Du so viel von der Bundesagentur redest?!

Nein, war so auf die Gesellschaft bezogen …

Und was ist da? Hast Du irgendwelche Nachteile wegen der Menschen?

Ich doch nicht. Aber Deutschland wird sich verändern.

Ja, das wird es!

Genau! Deswegen sind die von Pegida doch auf die Straße …

Die „guten Deutschen“ … Was ist das eigentlich? Deutsch?

Was soll das jetzt?

Was ist deutsch? Wer ist deutsch? Nicht nach juristischen Begriffen … Einfach mal: Was ist für Dich deutsch?

Blöde Frage! Ja, halt die, die hier sind, hier leben.

Tun Ausländer auch …

Na gut! Die, die hier halt geboren wurden …

Ok.! Kinder von Ausländern, die hier geboren wurden, sind Deutsche …

Mensch, nimmst Du es aber genau!!!

Tu ich! Weil ich entdeckt habe, dass ich nichts und niemanden von etwas ausgrenzen kann, wenn ich den Maßstab noch nicht einmal definieren kann.

Ach, und Pegida ist also Mist????

Einfache Geister, die die Veränderung fürchten! Nichts was heute ist, kann morgen so sein. Wir verändern uns ständig. Oder willst Du so leben wie im Mittelalter oder gar in der Steinzeit?

Du übertreibst!

Nein! Nimm Australien und vor allem die Vereinigten Staaten. Deren Völker sind ein Gemisch aus verschiedenen Nationen.

Bleib mir mit den Amis weg!

Wieso?

Halt so, …

Aha! Das zerbombte Deutschland hat in den End-1940ern 14 Millionen Menschen, die auf der Flucht waren, aufgenommen. Allein das damalige Thüringen 800.000! Als dritt- oder viertreichstes Land der Erde sollten wir ein Zehntel davon heute stemmen können, oder?!

Immer die Deutschen, immer wir!

Die anderen nehmen doch auch welche auf! Lass die Kirche mal im Dorf! Stand wieder etwas in der Bildzeitung?

Werd nicht frech, ja?! Wer soll denen denn Arbeit geben? Die können doch nichts …

Falsch! Die tatsächliche Einschulungsrate in Syrien lag vor dem Krieg bei Mädchen mit 98 Prozent knmapp unter der der Jungen von 99 Prozent. Mehr als zwei Drittel der Kinder besuchten dann weiterführende Schulen. Frankreich hatte zwischen 1922 und 1943 ein Völkerbundmandat für Syrien und damals das Land stark geprägt.

Heißt was?

Die Syrer haben einen sehr hohen Bildungsgrad. Ich bezweifle, dass mancher von Pegida einen Satz in deutsch geradeaus schreiben kann.

Puuh, starker Tobak!

Die deutsche Bevölkerung nimmt ab. Es sterben mehr, als geboren werden. Wer soll unsere Rente bezahlen?

Keine Ahnung. Sollen die in Berlin machen …

Ja klar!

Wir brauchen Beitragszahler, sonst sind wir „alten Säcke“ finanziell nicht mehr tragbar …

Toll! Syrer etwa?

Mir egal. Ich will meine Rente. Wer sie bezahlt, ist mir wurscht!

Darauf trink ich ein Bier!

Gehe mit!

© Thomas Dietsch

Klaviersonate f dur. Ich lausche … Spiel´s nochmal, Sam.

Sie kommen von Süden über die Autobahn. Die, die wir in den letzten fünf Jahren vergessen haben.

Sie strömen über den Standstreifen der Autobahn Richtung Norden. Eine Völkerwanderung! Zur gleichen Zeit wandern andere durch die Straßen. Die ewig zu kurz Gekommenen … Das Gehege ihres Gehirns ist zu klein, um neue Horizonte zu erforschen. Bei ihnen herrscht die Angst, die Angst vor Veränderungen. Mancher Geist ist zu klein, um Veränderungen zu verkraften. Man möchte stehenbleiben, nur dann ist die Welt in Ordnung. Hilfsorganisationen verteilen Güter an Flüchtlinge, Hirn an Nazis. Unsere Gesellschaft wird sich verändern, das fordert die Zeit. Wappnen wir uns für den Umbruch …

Spiel´s nochmal, Sam!

Da, wo die fremden Menschen herkommen, ist es wüst. Krieg zerstört Siedlungen, Äcker, Hab und Gut. Einer herrscht, absolut, über ein Volk, das entweder tot ist oder auf der Flucht nach Europa. Legitimation ist ihm egal, er ist krank, klebt am Stuhl. In den Weiten des Landes streitet man sich um die Trümmer, man bezahlt mit dem Tod. Der Grund ist egal, wenn Kampf zum Selbstzweck wird. Und sie töten weiter! Ohne Sinn und ohne Ziel. Streit um die Unterstützung des Tyrannen ohne Volk. Er ist selbst in Bedrängnis, Terror klopft an die Tür der Tyrannei.

Spiel´s nochmal, Sam!

Ich bin satt, Du bist satt, wir sind satt. Selbstgefälligkeit, wo man hinschaut! Die Wanderer sind weit weg, kein rechtes Gegröle in unserer Straße. Alles bestens, ich gefalle mir. Der gute Bürger! Kinder lernen, kleine Bürgerlein. Regeln lernen ist etwas für brave Kinder. Brav sollen sie auch sein, die guten Staatsbürger. Die Politiker denken über vieles nach im Moment, in alle Richtungen. Kluge Menschen! Wir sind gut aufgehoben. Dafür haben wir sie gewählt. Habe aufgehört zu denken, Outsourcing ist der neue Trend. Zu handeln haben wir über das Zugucken, während die Politik denkt, längst verlernt. Des Volkes kritische Stimme hat ihren Resonanzkörper verloren. Hilft Denken Menschen in Not? Ich denke darüber nach …

Es ist alles viel zu kompliziert!

Spiel´s nochmal, Sam. Lauter, ganz laut!

© Thomas Dietsch