Lieber Pierre,

ich werde heute nicht analysieren, warum und wieso die Gewalt – und ebenso die sexuelle Gewalt – männlich ist. Und das ist sie – maskulin! Gewalt ist in den seltensten Fällen weiblich und schon in der Sozialisierungsphase der Kindheit kämpft ER gegen Dämonen, spielt Wikinger und ist Star Wars-Krieger während SIE die Prinzessin weich bettet oder ihre Püppchen kämmt. Auch spielt die unterschiedliche Wahrnehmung der eigenen Gefühle bei Jungs und Mädchen eine große Rolle. Männer tun sich schwerer zu erkennen, wo sie stehen und die Attribute „sei stark“, „sei mutig“, „setz dich durch!“ werden ihnen ab der Geburt mitten ins Gehirn gehämmert. Dabei bleibt die Empathie oft auf der Strecke und die Kommunikationsmöglichkeiten sind nicht so stark ausgeprägt wie bei Mädchen. Aber ich wollte ja nicht analysieren, das überlasse ich den professionellen Therapeuten, die sicher schon ausreichend oft versucht haben, Sexualtäter zu kurieren. Zweifellos aber ist Gewalt männlich und das belegt die Statistik. Ich hatte gerade ein Beispiel aus meinem direkten Umfeld und sofort fiel auf, dass Männer ein echtes Bedürfnis nach sexuellem Abreagieren haben und der Zwang, sich zu „erleichtern“ eine immens große Rolle spielt. Ob das nun der Testosteron-Spiegel ist, der dafür verantwortlich ist und die männlichen Triebe oder besagtes, mangelndes Empathie-Empfinden, lasse ich offen. Fakt ist, wer sich selbst versteht und eine Art Ego-Empathie empfindet  – sich also selbst in normalem Maß liebt und wertschätzt – ist auch in der Lage, einem anderen Menschen Empathie entgegenzubringen. Ist dies der Fall, dürfte der sexuelle Übergriff als aggressive und demütigende Handlung ein anderes Gewicht bekommen. Empfindet der Täter Achtung und Respekt vor seinem „Opfer“, wird es nicht zu einem tatsächlichen Opfer kommen (sofern die natürliche Barriere funktioniert). Solange Männer in jungen Jahren anerzogen bekommen, dass sie sich – zur Not mit der Faust – durchsetzen sollen, sehen sie oft keinen anderen Weg als den einer Grenzüberschreitung.

Wichtig ist, dass Frauen lernen laut und deutlich „Nein“ zu sagen und sich abzugrenzen. Sie sind niemals Beute eines jagenden Platzhirsches dessen Eier überlaufen und der sich schlicht und einfach nehmen darf, was ihm vor die Büchse kommt. Für Frauen muss gelten: Sei autark und stark statt immer nur hübsch! Wehre dich und setze eindeutige Grenzen. Aber lieber Pierre, ich denke viele Frauen tun das oder haben es getan und trotzdem mussten sie ungewollte sexuelle Handlungen über sich ergehen lassen. So lange es Mann und Frau gibt, gab es das und es hat sehr viel mit Machtausübung und auch der körperlichen Überlegenheit des Mannes zu tun.

Während sich Frauen z.B. emotional einer neuen Beziehung nähern und ihn beschnuppern wollen, denken Männer in erster Linie sexuell… wie sie im Bett sein könnte, wie sie nackt aussieht, ob sie stöhnt oder ihm den Rücken voller Ektase kratzt und wie sie sich anstellt, ihn zu befriedigen. Daran sehen wir, wie weit beide Geschlechter eigentlich voneinander entfernt sind in ihrer ersten Kennenlernphase. Nicht immer natürlich, das soll kein Rundumschlag gegen Männer sein, aber leider eben sehr oft. Ich kann das langsam nicht mehr hören diesen Unsinn, wenn Männer lachend über die Ärsche von Frauen reden oder wie sie sich selbst als Super-Lover sehen. In den meisten Fällen handelt es sich bei diesem Typ von Mann um einen sich maßlos selbstüberschätzenden Kerl oder um einen emotional Gestörten. Die Damenwelt wartet nun mal nicht darauf, dass endlich mal jemand kommt, der es einem so richtig „besorgt“ und der schon im Vorfeld auf seine ausgewachsenen Zentimeter hinweist.

Auffallend in diesem Zusammenhang ist, dass nahezu alle Erotik-Etablissements, Sex-Clubs und mehr oder weniger die gesamte Porno-Filmindustrie auf den Mann ausgerichtet sind. Es gibt Kabinen, Peep Shows, Sexpuppen und vieles mehr – alles, um den Mann zu befriedigen und seine Triebe in erträgliche Bahnen zu lenken. Ist da vielleicht etwas schiefgelaufen mit der Chromosomen-Verteilung und der genetischer Belastung? Muss wohl so sein, lieber Pierre – anders kann ich mir diese „Ständerbauweise“ nicht erklären.

 

Mit herzlichen Grüßen

Petra

 

© Petra M. Jansen

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Liebe Petra,

und jetzt spielt der französische Philosoph Alain Finkielkraut auch noch verrückt. Schon eine merkwürdige Welt in der Sex nur noch ein Synonym von Gewalt zu sein scheint. Haben wir nur noch mit Impotenten zu tun?

Verbale oder reale Vergewaltigung?

Als der Philosoph Alain Finkielkraut in einer Talkshow äußerte: „Ich sage den Männern, vergewaltigt die Frauen. Jede Abend tue ich das Gleiche mit meiner Gattin!“ Auch wenn es polemisch gemeint ist, hat diese Aussage in Frankreich für Wirbel gesorgt. Die Feministin Caroline de Haas hat behauptet, dass er Roman Polanski, der zahlreichen Frauen belästigt hätte, unterstützt. Der Filmregisseur wurde in den USA verurteilt, mit dem Verdacht, sexuelle Handlungen mit einem Mädchen gehabt zu haben. Deshalb kehrt er seit Jahrzehnten nicht mehr nach Amerika zurück, wo er im Knast landen würde. Valentine Monnier, ein früheres französisches Model, hat ihm vorgeworfen, sie 1975 sexuell angegriffen zu haben und das einige Tage vor der ersten Ausstrahlung von „J‘accuse!“, ein Streifen über den Fall Dreyfus. Der 83jährige widersprach dem, aber alle Termine wurden daraufhin abgesagt. Unter diesen Umständen finde ich den Satz von Alain Finkielkraut völlig deplatziert und kann mir schon vorstellen, was ihn dazu bewegt hatte, solch einen Ausbruch zu wagen. Manchmal hat man den Eindruck, dass immer mehr Prominente somit angegriffen werden, um sie irgendwie loszuwerden und dass jedes kleinste Zeichen einer Zuneigung zur Sünde wird. Beim Fall Polanski, wie es die Presse wiedergegeben hat, trifft dies nicht zu. Es gibt zu viele Beweise, um das Gegenteilige zu behaupten und das war keine Bagatelle. Um jede Art von Hexenjagd zu vermeiden, sollte jeder Verdacht persönlich recherchiert werden und wenn es zu konkreten Indizien kommt, sollte eine Anzeige erfolgen. Was ich aber negativ finde, ist das Ganze als eine gesellschaftliche Plage zu stilisieren. Es wäre dringend nötig, die Lage generell zu definieren, um dann wirklich wirken zu können. Ich weiß, es ist äußerst schwer dies nicht emotional zu betrachten, aber keine Diskussion sollte tabu sein. Wollte der Philosoph Finkielkraut das äußern? Ich weiß nicht, welcher Geist ihn gebissen hat!

Die soziologischen und historischen Gründe des Frauenaufstandes

Die Frauen wurden und werden häufig wie Leibeigenen unterdrückt und misshandelt. Ein Zustand, der für mich unerträglich ist. Ich verstehe nicht, wie Männer so mit den Müttern ihrer Kinder umgehen können und wieso noch heute zahlreiche Wesen von den Machos umgebracht werden. Unter dieser Prämisse ist es sehr wohl verständlich, dass die Wut sehr groß und dass selbst ein Gefühl der Rache nicht auszuschließen ist. Das zeigt, dass auf diesem Sektor noch fast alles zu machen ist. Anstatt Männer vor Gericht zu zerren, wenn es zu spät ist, sollte festgestellt werden, was im Vorfeld zu tun ist. Ich denke, dass solche Auswüchse in der Mehrzahl an einer verfehlten Erziehung liegen. Es wäre die Rolle der Eltern, ein gutes Beispiel zu zeigen, immer respektvoll gemeinsam umzugehen, auch wenn der Segen schief hängt. Ist das zu machen, wenn die Emotionen jederzeit explodieren könnten? Können Aggressionen alleine durch Vernunft abgewandt werden? Dies ist fast nicht machbar. Die Kids befinden sich auch unter Strom, wenn die Eltern auseinandergehen, deshalb ist es notwendig, in einem Land, in dem mehr als 50% der Ehen kaputt gehen, dass Lehrer und Erzieher diese Problematik in der Schule thematisieren. Man könnte durchaus annehmen, dass man durch Rollenspiele zu mehr Erkenntnissen kommt, aber es müsste zuerst definiert werden, was Liebe ist. Ist es nicht vor allem der Grundstock zu einer respektvollen Lebensgemeinschaft und der Versuch mit dem Partner oder der Partnerin das Leben zu meistern? Ich würde zuerst pragmatische Argumente herauspicken um die Vorteile einer partnerschaftlichen Bindung zu definieren und im ersten Abschnitt eines Unterrichtes, den Sinn und den Unsinn einer Annäherung darstellen. Dies um den Kids klarzumachen, wie eine Existenz zu zweit aussehen sollte und was zu beachten ist, um Spannungen zu mildern. Dass Aggressivität zustande kommt, weil für viele nicht klar ist, was eine Bindung bedeutet und vielleicht auch hervorzubringen, was der Geist der Familie ausmachen sollte. Das heißt, nicht bei dem kleinsten Konflikt das Handtuch zu werfen.

L‘éducation sentimentale, der Roman eines jungen Mannes

Gustave Flaubert hat bewiesen, wie feinfühlig er die Psyche der Menschen analysiert. Es geht vor allem um Gefühle und wie man mit denen umgeht, ganz speziell wenn es um Mann und Frau geht. Wenn sich eine Liebschaft anbahnt, ist man zuerst blauäugig, hat den Hang schwärmerisch zu werden. Man sieht nur die Sonnenseite des Verhältnisses. Jede Art von Hürde wird bewusst beiseitegeschoben, weil sie als Hindernis zur Vollendung der Liebe betrachtet werden. Das könnten sie in der Tat sein, aber besser vorher als danach. Sehr schnell erweist sich, dass die Interessengemeinschaft nicht vernachlässigt werden darf, dass die Zuneigung sehr wohl mit konkreten Fragen verbunden ist. Es ist klar, man möchte nicht, dass die Schmetterlinge den Bauch verlassen und dass man sehr wohl die Realität nicht vernachlässigt. Da wären wir beim zweiten Teil der Aufklärung angekommen. Zuerst sollten Knaben und Mädchen sich besser kennenlernen. Es herrscht viel Unwissen über die Charakterzüge innerhalb der Geschlechter. Welcher Zusammenhang ist zwischen den Körper und dem Mentalen zu machen? Wie kann man eine Symbiose von beidem fördern und ein Zusammenschweißen hervorbringen? Wenn Einklang in uns herrscht, führt das zu einer Stabilisierung der Gefühle. Sie müssen auf dem Weg zur Vollendung vorhanden sein, um eine zwischengeschlechtliche Beziehung in Betracht zu ziehen. Ich denke, dass viele Vergewaltigungsfälle davon resultieren. Der Aufbau von Gefühlen kann viel Zeit in Anspruch nehmen und daher zu Ungeduld führen. Irgendwie zu einer Art Wut, die verursacht wird, wenn man nicht unbedingt willkommen ist. Das heißt, der notwendige Rhythmus ist nicht vorhanden. Die Jungen – vor allem – sollten erfahren, wie die Mädchen ticken. Es gibt durchaus Muster, an die man sich halten kann. Umgekehrt sollten die Mädchen keine Provokation anzetteln, was auch der Fall sein kann, denn sehr oft ist es der Frust, der zur Vergewaltigung führt, nicht die Lust.

Der Liebesakt als Waffe

Sie ist ambivalent und durchaus zweigeschlechtlich anwendbar. Man kann sich gegenseitig vernichten. Das geschieht bei manchen Männern, in dem sie Damen sexuell angreifen. Sie sind viel weniger subtil als Frauen, die den Hang zur Ironie haben und die Worte anwenden, die töten können. Auf der einen Seite handelt es sich in vielen Fällen um physische Angriffe, auf der anderen Seite um seelische Torturen. Wenn eine Frau einen Mann angreift, indem sie ihn als impotent darstellt, kann es durchaus negative Konsequenzen haben. Damit ist nicht zu spaßen, weil es letztendlich zur Vergewaltigung oder zum Selbstmord führen kann. Ich will keineswegs die Angriffe entschuldigen, deren Opfer viele Frauen sind, aber in der ganzen Diskussion, die wir heute erleben, fehlt mir diesen  Aspekt, der auch zur Bekämpfung der Vergewaltigung jeder Art gehört. Nur mit Hilfe offener Gespräche, kann es möglich sein, diese Welle an Scheußlichkeiten besser in den Griff zu bekommen – umso mehr, wenn es im Schulalltag geschieht. Es ist erforderlich, dass nicht der Biolehrer aufklärt sondern Sexualpsychologen, die mit der Materie bestens vertraut sind. Anders zu handeln wäre genauso absurd, wie einen Klempner ein Symphonie-Orchester ohne Ausbildung dirigieren zu lassen. Es ist nicht sinnvoll die Zeitungen oder die Sendungen mit Horrornachrichten zuzupflastern, wenn keine umfangreiche Aufklärung stattfindet und es wäre aufrichtig, wenn die Me-too-Bewegung dies fördern würde. Es reicht bei weitem nicht aus, die Vergewaltiger in den Knast zu stecken. Wir müssen mehr für die Kids in Sachen Sexualerziehung agieren und auch die Eltern in die Verpflichtung ziehen bzw. sie ermuntern, sich mit dieser heiklen Frage zu befassen, egal ob Bub oder Mädel.

 

Das Gedicht

 

Ich bin ganz durcheinander, sagt das Mädchen.

Macht mir die Pubertät zu schaffen, fragt sich der Junge.

Ich hätte schon Lust, aber mit dem Richtigen, sagt sie.

Warum errötet sie, wenn wir uns treffen, fragt er.

Er sollte sich den Mut nehmen, mich in seine Arme zu schließen!

Ich will aber keine Abfuhr erleben, sagt er sich.

Habe ich es mit einem Weichei zu tun? Eine heikle Frage.

Warum ist sie so zickig? Manchmal so abwertend, meint er.

Pass auf, wenn du dich nicht rührst, fliegen die Schmetterlinge weg.

Sieh Paul, sie macht mich an, sagt er zu seinem Freund.

Greif zu, ich stelle dir meine Bude zur Verfügung, antwortet er.

Soll ich, sag? Ich habe Angst voll daneben zu sein.

Die Typen sind doch noch unreif, sagt sie.

Deshalb mache ich meinen Lehrer an, antwortet Susanne.

Hast du mit ihm gepoppt, fragt die Freundin.

Er hat mich in die Besenkammer gezerrt, flüstert sie ihr.

Und wie war es, hat es du wenigstens Spaß dabei?

Galaktisch war es, erzählt ihr ihre Freundin.

Was hat er dir gesagt? Schweinereien zugeflüstert?

Er hat behauptet, dass ich seine kleine Maus sei.

Warum erzähle ich ihr diesen Blödsinn, fragt sie sich.

Was ist dir passiert? Bekamst du eine gute Note?

Sein Penis, ein Traum, mehr brauche ich dir nicht zu sagen.

Werde ich Jungfrau bleiben? Das quält sie.

Eines Tages kam die Polizei in die Schule und nahm den Lehrer fest.

Das wurde zum Thema auf den Schulhof. Es wurde gesagt, dass

er beschuldigt wurde, ein Mädchen vergewaltigt zu

haben. „Susanne, weißt du mehr darüber?“ fragte die Freundin.

Sie wurde knallrot und suchte das Weite. Hatte er sie ohne ihren

Willen angegriffen? Eines war sicher, sie bekam

nicht die gute Noten, die sie erpressen wollte. War es

sie, die der Staatsanwaltschaft einen anonymen Brief sandte?

Da er das Gegenteilige nicht beweisen konnte, wurde er gefeuert.

Ein Vorkommen, dass sich immer mehr wiederholt. Fazit: Heute ist

ratsamer Klempner zu werden als Lehrer. Man bekommt es in

der Regel mit älteren Ladys zu tun.

 

Einmal wieder plagen mich die Schmerzen.

 

Ich wünsche dir alles Liebe und umarme dich!

 

Pierre

//pm

Lieber Pierre,

Selbstreflexion ist dringend von Nöten und manchmal hilft das auch. Um mich herum sind viele Menschen mit diversen Auffälligkeiten. Dem einen machen sie zu schaffen, der andere merkt es gar nicht und denkt, er sei völlig normal. Was immer wir tun im Leben, wir sind angewiesen auf eine harmonische Balance zwischen unserem Seelenleben (der Psyche) und der körperlichen bzw. geistigen Funktionalität. Ob es nun Sinnesfindung, Esoterik, Schamanismus, Yoga oder Selbstfindungs-Workshops sind oder der geschulte Psychologe, spielt keine Rolle, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden, um mich sich selbst im Einklang zu sein. Ich halte weder etwas von Schamanismus und Globuli, noch von esoterischen Dingen und eigentlich auch wenig von Psychologen. Wenn jemand etwas ändern und bewegen kann, dann zweifellos immer nur der Mensch selbst. Dazu bedarf es einer kritischen Fokussierung auf das, was, wie und warum man so oder so ist. Man muss einen Schritt zurücktreten und versuchen, sich objektiv zu betrachten. Das fällt den meisten Menschen wirklich schwer, obwohl ein Außenstehender mit einer Portion Menschenkenntnis und Empathie den Knackpunkt schon längst erkannt hat. In deinem Fall, lieber Pierre – und ich möchte dir wahrhaftig nicht zu nahe treten, aber ich kenne dich nun viele, viele Jahre – steht an erster Stelle stets dein „Ich“. Jeder Satz beginnt mit „ich“ und jede Zeile beginnt mit „ich“. Und weil das „Ich“ wohl kaum wahrgenommen wird, setzt du hinter jede deiner Aussagen ein Ausrufezeichen, so als ob deine Worte keinerlei Gewichtung hätten. Dabei bist du ein ausgezeichneter Unterhalter, ein kluger Mann und ein hilfsbereiter Mensch, dem es nicht an Einfühlungsvermögen und Wissen fehlt. Doch du spürst dich nicht. Du spürst dich nur, wenn du Leistung bringst und nur dann, wenn du einen sichtbaren Output hervorbringst. Bist du als Mann tatsächlich nur anerkannt, wenn du etwas Kluges tust und leistest?

Es ist nicht neu, aber die Lösung liegt im Verstehen, sich fühlen, entspannen, loslassen, sich Fehler eingestehen, einmal nichts tun und auch um Hilfe bitten. Ich fühle mich nicht unbrauchbar, wenn ich einen freien Tag im Bett verbringe und Musik höre. Und wenn es mal einen Tag gibt, an dem ich nicht besonders produktiv war, dann ist es eben der nächste, na und? Es ist der „Flow“, den man zulassen muss und alles Erzwungene lässt den Menschen scheitern.

Sicherlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Depressionen oder psychische Erkrankungen kommen häufiger innerhalb des familiären Umfelds vor, das ist erwiesen. Kommt es jedoch zu ernsthaften psychosomatischen Störungen – wie in deinem Fall – werden die Ärzte nichts Organisches finden können, denn es ist in der Tat psychisch bedingt und liegt mit seiner Wurzel sehr lange zurück.

Was soll ich dir raten? Ich lebe nach dem Prinzip „Think positive“ und nutze die Kraft der positiven Gedanken. Das heißt, du musst etwas verinnerlichen und wirklich fühlen, sonst klappt es nicht. Niemals konzentrieren auf das, was Angst macht oder blockiert, das steht fest. Eine gesunde Abwägung ist ok…aber alles Negative macht krank. Lieber Pierre, ich kann dir leider ebenso wenig helfen wie alle Ärzte, die du in den vergangenen Jahren besucht hast. Das Problem liegt in deinem Kopf und so lange du dich sträubst, das „Ich“ mehr in den Hintergrund zu rücken, also der narzisstischen Auffälligkeit entgegenzuwirken, wird es weitergehen. Zudem bedeutet „loslassen“ echte Entspannung und auch tatsächlich loslassen. Das sind keine Worte, es sind Gefühle, die befreiend sind und Raum für Selbstreflexion bzw. „sich-selbst-Gutes-tun“ zulassen. So lange solche besprochenen Dinge aber nicht emotional nachgefühlt werden können, ist es schwierig.

Schau dir einen Drogensüchtigen an, der genau weiß, welchen Raubbau er mit seiner Gesundheit betreibt und sich bewusst in den Zustand des sich-zugrunde-Richtens gebracht hat. Wir wissen, dass hinter nahezu 90% der Fälle ein mangelndes Selbstwertgefühl steckt und eine starke Tendenz sich schlecht zu behandeln (unterbewusst). Aber jeder Mensch hat es verdient, dass er gut mit sich selbst umgehen kann und sich auch den nötigen Freiraum verschaffen darf, einmal „Nein“ zu sagen oder sich zurückzuziehen bzw. einfach mal nichts zu tun. Lass los, lieber Pierre und fühle deine eigene Wertigkeit, die man dir vielleicht vor vielen Jahren unbeabsichtigt genommen oder auch nie gegeben hat. Traue dir zu, dass du weiterlebst und gemocht wirst, auch wenn du nicht funktionierst wie sie es alle gewohnt sind. Nimm dir Zeit, in dich zu fühlen und das genau in dem Moment, an dem du rein gar nichts tust. Fühlt sich das schlecht an? Bringt es dich durcheinander und hast du das Gefühl, du musst sofort in blinden Aktivismus verfallen? Das hatten wir schon, du erinnerst dich? Blinder Aktivismus als Kompensation, um sich nicht ehrlich fühlen zu müssen. Wenn du dort ansetzt und mehr an dem „Du“ interessiert bist als an dem „Ich“, dann glaube ich – ohne ein Psychologe zu sein – dass du auf dem besseren Weg bist.

Siehst du meine gedrückten Daumen?

 

Herzliche Grüße

Petra

 

© Petra M. Jansen

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

Liebe Petra,

mit Verspätung dieser Brief. Zurzeit haben sich meine Schmerzen zurückgemeldet und das macht mich mürbe.

Der Schraubstock

Seit meiner Kindheit bin ich von Schmerzen befallen. Bis heute konnte kein Arzt erklären, warum ich das erleiden sollte, denn meine Organe waren und sind gesund. Bin ich ein Hypochonder? Das kann nicht sein, weil meine Mutter diese Gattung Menschen hasste. Wollte ich von ihr gehasst werden, um wenigstens das Gefühl zu haben, einen Platz zwischen ihr und meinem Vater zu haben, um genauso Liebe erfahren zu können? War das der Grund meiner Schmerzen? Haben sie sich derart in mich gefräst, dass sie noch heute vorhanden sind? Ist der Ursprung psychisch? Es schaudert mich daran zu denken, weil das bedeuten würde, dass sich der Mensch durch eine selbst ausgeführte Gehirnwäsche – wie bei einer Autoimmunkrankheit – vernichten kann. Ich weiß heute nicht, ob meine Wahnvorstellungen begründet sind oder nicht, aber eines steht fest, ich habe mich bisher nicht von ihnen trennen können. Ich habe mich bemüht, ein neues Verhältnis zu meiner Jugend aufzubauen und war am Ende meiner Psychoanalyse ganz nah, meine Haltung zu ändern und endlich loszulassen, aber ich musste feststellen, dass dies nicht möglich war. Von einem Tag zum anderen wurden meine Schmerzen immer intensiver. Ich wollte mir einreden, dass es nur physische Gründe hatte, was eine Lüge ist.  Während der letzten Jahre habe ich gelernt, dass man sich nichts vorlügen sollte. Meine Tochter hat das wohl gespürt und das war der Grund warum sie mich bat, ein Theaterstück darüber zu schreiben. Das erzeugte bei mir eine Krise mit noch nie erreichten Schmerzen und doch war mir klar, dass ich diesem Weg folgen sollte für den Versuch, mich wieder mit meiner Seele in Einklang zu setzen, mich vor meinen Tod zu bewahren und von meinen Alpträumen Abschied zu nehmen.

Schmerz aus Mangel an Liebe?

Irgendwann im Laufe meiner Schmerztherapie musste ich mir die Frage stellen, ob mein Leiden einen Zusammenhang mit der Liebe haben konnte? Wie konnte es sein, dass ein Mensch wie ich, dem so viel Zuwendung geschenkt wurde, seitens meiner Frau und meiner Tochter, in dieses Elend geraten konnte? Es hat mir nie an Zuwendung in meinen Ehejahren gefehlt. Was konnte die Ursache sein? Irgendwann machte ein Arzt folgende Bemerkung, als er erfuhr, dass ich zwei Monate zu früh auf Erde kam. Eine der Ursachen meines Leidens war sehr wohl die Isolation, die ich empfand als ich im Brutkasten war. Anders als heute, konnten weder die Mutter noch der Vater Nähe zeigen. Es wäre nicht vorstellbar gewesen, Frühchen in die Arme oder auf den Bauch zu nehmen oder auf der Brust krabbeln zu lassen. Sehr wahrscheinlich entwickelte sich ein Trauma, das bis heute in mir vorhanden ist und das als eines der Verursacher meiner Schmerzen betrachtet werden kann. Deshalb stehe ich heute auf dem Standpunkt, dass sowohl die Liebe als auch die Sexualität eine entscheidende Rolle in der Schmerztherapie haben sollten. Libido kann kein Tabu sein, wenn damit Menschenleben gerettet werden können, wie man es in der Onkologie feststellte. Das Leiden mit der Liebe bekämpfen, ist bei weitem keine Mär. Als ich merkte, dass die Opiate meine Lust derart beeinträchtigten, machte ich Schluss damit. Sie hatten sich in das Intimste eingedrungen, was ich nicht hinnehmen wollte. Reine Manipulation – auch wenn der Schmerz damit verringert wurde. Ich könnte heute vor Wut schreien, mich derart verführt haben zu lassen. Lieber den Schmerz als diese Betäubung, er ist ehrlicher!

Der Glaube als Lebensversicherung?

Im Laufe meines Leidensweges gab es große Schwankungen, was mein Verhältnis mit meiner Seele anging. Zuerst rief ich Gott zur Hilfe, musste aber feststellen, dass er taub war. Hatte er seinen Sohn nicht kreuzigen lassen? Es versetzte mich in einem Ärger-Zustand. Ich hätte wahrscheinlich einen Schlusspunkt mit dem Glauben gemacht, wenn ich nicht Jesus getroffen hätte. Er gab mir zu verstehen, dass auch er schwer enttäuscht von Vater Gott gewesen sei, aber, dass es auf die eigene innere Haltung ankommen würde. Es ging um Liebe, nicht um Dogmen. Wenn man von Schmerzen derart heimgesucht wird wie ich es erlebe, macht man einen Kreuzweg. Ich denke deshalb, dass die Suche nach dem Geist in einer Leidensphase gegeben ist und dass ein sensibler Mensch keinen Umweg machen kann. Voraussetzung für mich ist die Ehrlichkeit. Ich habe verbergen wollen, dass ich auch von Zweifeln heimgesucht wurde. Heute stehe ich dazu, auch wenn ich sauer bin. Allmählich merkte ich, dass meine Schmerzen zu meinen Glauben gehören, dass sie auch ein fester Bestandteil meiner Gefühle sind. Kann man sie einfach beiseitelegen und so tun, als ob sie alleine aus pathologischen Gründen vorhanden sind? Wenn ich den Weg zu Gott wieder finden wollte, geht er nur über das Leid. Ist das nicht die Bedeutung von Golgatha? Auch wenn ich mit den Märtyrern meine Schwierigkeiten habe, ist es für mich schwer vorstellbar, dass die Suche nach der Seele anders geschehen kann. Hätte ich mich ohne Schmerzen damit befasst?

Frieden mit sich machen

Gesegnet sind die Menschen, die den Frieden innerlich erleben können! Wird das geschehen, wenn ich das Handtuch werfe? Werden die Schmerzen dazu beigetragen haben, dass ich mich besinne, dass ich mich offen für den Frieden seelisch einsetzen kann? Das ist bei weitem nicht sicher. Der Schmerz – machen wir uns nichts vor – ist kein Friedenstifter. Er hat mir die Augen geöffnet, mir das Bewusstsein verliehen, dass wir uns in einer Welt befinden, die eher das Böse propagiert und – wenn es dennoch zum Frieden kommt – dass das mehr ein Zufall ist, als eine göttliche Vorsehung. Ich muss leider zugeben, dass ich vom Zweifel heimgesucht bin, dass ich eigentlich vom Leben keine Wunder erwarte. Ich habe mich bemüht, meine Gedanken so zu formulieren, dass sie dennoch eine offene Tür zulassen, die zu mehr Hoffnung führen kann. Aber eines bin ich mir heute sicher, der Schmerz lässt keine Lügen zu. Er ist total ehrlich, was mir auch zu schaffen macht. Die Frage stellt sich, ob man überhaupt damit leben kann? Ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, solch eine Botschaft zu ertragen? Beim Calvinismus heißt es, dass alleine Gott verzeihen kann? Was nun, wenn der Kontakt abgebrochen ist? Wird er die Größe haben uns dennoch die Hand zu reichen? Darüber äußert er sich nicht. Warum ist er so streng zu Menschen, die gefoltert werden? Ist das in seinem Sinn? Ist er überhaupt in der Lage, uns Sünder zu verstehen oder will er uns in das Verderben hineinziehen? Ist es zulässig, uns durch die Schmerzen gefügig zu machen? Nein, ich lehne das ab.

 

Das Gedicht

 

Leidet der Mensch, weil er gesündigt hat?

Flucht er, weil er keinen Ausweg mehr

findet? Schreit er, weil er am Ende seiner

Kraft ist? Spuckt er seinen Groll aus, weil

er den Schmerz hasst? Muss er sich den

Trost anhören, der ihn mehr nötigt als

befreit? Kann er sich auf den Weg

nach Golgatha besinnen? So weit kommen,

dass er seinen Henkern vergeben soll?

Muss er Gott für seine Folter danken?

Ihn verehren, dass er ihn kaputt macht? Soll

er so unterwürfig sein? Soll er es?

Ich stemme mich gegen die Ungerechtigkeit.

Kann sie nicht als Segen betrachten, so wie

die Pfaffen uns einreden wollen. Es blutet in

mir, weil ich mir nichts mehr vorlügen will.

Muss ich mich dem Henker fügen, als

Zeichen meines Glaubens? Muss ich

mir Leid aus Liebe zu Gott zufügen? Soll

ich meine Würde verlieren, um meine Ergebenheit

zu beweisen? Kann Gott überhaupt Menschen

lieben, die ihren ganzen Rückhalt verschenkt

haben? Wenn das der Glaube ist, pfeife ich

mit Verlaub auf ihn.

Wenn der Schmerz Menschen zu Lakaien

macht, würde das bedeuten, dass es

mit Jesus nicht anders sein konnte, der

Mensch aus Liebe geworden ist. Ist das, das

was sich Vater Gott wünscht? Ist er ein

Rächer geworden, der sein Ego nur durch

Gewalt ausdrücken kann? Wenn es so wäre,

welch einen Hass verursacht er? Werde

ich vom Schmerz heimgesucht, weil ich solch

eine Haltung ablehne? Ich würde mich so

sehnen, ihn lieben zu können. Bei ihm den

Trost finden können, den ich so brauche.

 

Alles Liebe, Umarmung!

Pierre

 

//pm

 

Lieber Pierre,

„You can grab them by the pussy“, sagte das nicht öffentlich Mr. Donald Trump? Zuerst mal die Fakten: Die tatsächliche Rate der falschen Beschuldigungen liegt bei verschwindend geringen 3% unter Berücksichtigung, dass wir immer von real angezeigten Fällen reden und nicht von der Dunkelziffer, bei denen es nie zu einer Anzeige gekommen ist. Es ist also äußerst unwahrscheinlich, dass Männer beschuldigt werden, obwohl nichts vorgefallen ist. Sollten Frauen wirklich eine falsche Anschuldigung machen, ist das auch für sie nicht einfach und sie haben mit gravierenden Folgen zu rechnen, würde ihre Falschaussage höchstwahrscheinlich aufgedeckt werden. Ich kenne keine Frau, die sich der unbarmherzigen und extrem detaillierten Befragung über eine sexuelle Belästigung freiwillig aussetzen würde und diejenigen Fälle, bei denen es (selten) vorkommt, sind bereits definiert. Es handelt sich hierbei oft um psychisch kranke Frauen oder sehr junge Frauen, die vielleicht ungewollt schwanger wurden und Frauen, die schon in der Vergangenheit straffällig geworden sind und gelogen haben, dass sich die Balken biegen. Zur Verurteilung bedarf es eindeutiger Beweise und taucht auch nur der kleinste Zweifel an dem Übergriff auf, gibt es keine strafrechtliche Verfolgung. Insofern gehen wir davon aus, dass all diese Frauen, die offen über sexuelle Belästigung und Übergriffe sprechen, dies auch tatsächlich erfahren haben. Sie sind kein Freiwild und haben absolut das Recht, sich zu wehren, Grenzen zu setzen und weltweit die „Mee Too-Bewegung“ als Zeichen nach außen zu tragen. So muss es sein. Finger weg von den Frauen, wenn sie es nicht wollen und gestatten! Das übrigens rate ich auch allen Menschen anderer Kulturen, die ihre Frauen leider immer noch wie Vieh behandeln, unterdrücken und sich sexuell untertan machen. Wer hat jemals einem Mann erlaubt, sich erhabener zu fühlen? Mit welchem Recht denken Männer, dass die Freiheit haben, Frauen anzutatschen und zu benutzen wie sie es wollen? Die Gewalt, lieber Pierre, ist eine rein maskuline Angelegenheit (wenige Ausnahmen gibt es, aber die sind echt gering). Gewalt kommt von Männern, Unterdrückung kommt von Männern, Machtgehabe kommt von Männern, in die Kriege zogen Männern. Männer sind schwanzgesteuert und gehen in die Bordelle. Die Pornoindustrie arbeitet fast nur für Männer. Gestatte mir bitte die Aussage, dass ich den Respekt vor Männern schon manchmal verliere. Sei es der Gehemmte, der nur nuscheln statt reden kann, sei es der Exhibitionist, der sich vor der Kleinen einen runterholt, sei es der Schwachkopf, der mit dem dicken Schlitten an der Ampel einen auf dicke Eier macht, sei es der aufgepumpte Muskelprotz, dem es an Hirn fehlt.

Wenn Frauen sich freiwillig zum Opfer machen und sich durch die Chefetage vögeln, damit sie eine Rolle oder eine gute Position bzw. überhaupt eine Chance bekommen, dann sind sie für mich nicht weit entfernt davon, sich billig zu verkaufen (das wäre deine andere Seite, die du kennengelernt hast). Das, was du beschrieben hast, mag zwar gang und gäbe gewesen sein, entbehrt aber jeglicher Grundlage der Ethik, des Respekts und der Selbstachtung. Ich würde es niemals tun, habe es nie und werde es nie und – mag ich am Hungertuch nagen – aber ich bin keine Frau, die sich gefügig zeigt, um auf der Erfolgsleiter ein Stück weiter nach oben zu klettern.

Schönheit kann ein Fluch sein, lieber Pierre. Als Frau wirst du dein ganzes Leben lang belagert, verfolgt, beneidet und neidvoll betrachtet – egal, was du tust oder nicht tust. Je schöner und intelligenter du als Frau bist, umso enger zieht sich die Schlinge um deinen Hals. Und ich mache einen großen Bogen um Knebel, Seile, Angeln, Zwänge und dem MUSS.

Aber Frau-Sein ist wunderschön und ich wollte nie etwas anderes sein. Es tut mir Leid für all die Frauen, denen so etwas Schwerwiegendes widerfahren ist und sie haben Recht, sich öffentlich zu wehren und den/ die Schuldigen vor den Richter zu bringen, damit er seine Strafe bekommt, die er verdient. Aber vor allem muss in den Männerköpfen aller Nationalitäten etwas klargestellt werden: Frauen und Männer sind auf gleicher Ebene und kein Mann hat das Recht, sich einer Frau gegenüber abschätzend, beleidigend, diskriminierend zu verhalten. Leider ist dies nicht überall auf der Welt selbstverständlich und wir alle sehen, dass von oben bis unten verschleierte Frauen neben ihren Männern bei 40°C über die Straße laufen (müssen!?). Ist das eigentlich gleichberechtigt? So lange Männer nicht begriffen haben, dass sie nicht besser oder mächtiger sind als Frauen, wird es weiterhin respektloses Verhalten seitens der Männer geben.

Kurz noch ein Wort zu deiner erwähnten Ideal-Liebe: Auch diese hat mit Hierarchien zu tun. Auch in der Liebe ist einer der Dominante und der andere der Devote (schau mal bei Paaren hin). Auch in der Liebe gibt es immer wieder elende Diskussionen um Eifersucht und „darf ich?!“ oder „darf ich nicht?!“ Die Wenigsten sind in der Lage eine Beziehung voller Respekt, auf Augenhöhe und mit dem notwendigen Vertrauen und der Achtsamkeit zu führen, wie es für eine erfüllende Liebe angemessen wäre. Was ist das für eine Liebe, wenn ein Mann einer Frau droht, sie die Treppe hinunter zu stoßen oder ihr kurz vor dem Orgasmus sagt, sie habe faule Zähne im Mund? Das ist schlichtweg erniedrigend und wenn solche Frauen dann trotzdem bei ihrem Partner bleiben, sind sie selbst Schuld und wollen gar nicht respektiert und gut behandelt werden. Aber das wäre ein anderes Kapitel… Borderline oder innerlich verunsicherte Frauen, die alles mit sich machen lassen… aber das können wir gerne ein anderes Mal als neues Thema aufgreifen.

 

In diesem Sinne,

eine herzliche Umarmung zurück,

Petra

 

 © Petra M. Jansen

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

 

 

Liebe Petra,

wie du siehst, habe ich andere Gedanken als nur die große Politik. Es geht immer wieder um Menschen und die Gefühle, die nicht immer klar sichtbar sind. Wie du sehen wirst, befürchte ich, dass die Dogmatiker immer mehr das Sagen haben werden und uns total einengen wollen.

Ich bin verärgert

Dass das klar gestellt ist, ich bin gegen jeden sexuellen Angriff – egal, von wem er kommt. Es kann nicht sein, dass sich ein Mann berechtigt fühlt, mit einer Frau alles zu tun, was ihm durch den Kopf geht und es war gut, dass die MeToo-Bewegung solch ein Verhalten anprangert. Aber das darf nicht zur Hexenjagd werden, wie es sich bei Plácido Domingo erweist. Er hat nicht verneint, dass er gerne flirtet und dass er seine damalige Position nutzte, um einen besseren Zugang zu den Frauen zu haben. Das ist zwar kritikwürdig, aber das geschah in den 90ziger Jahren und seitdem wurden keine ähnlichen Vorfälle bekannt. Hätten seine Kolleginnen damals geklagt, wäre es glaubwürdiger gewesen. Ich kannte den Opernbetrieb ganz gut. In den 60ziger Jahren war es üblich, dass jeder Theaterdirektor einen Diwan in seinem Büro hatte, um sich zu entspannen, angeblich. Jede Dame seines Geschmackes, die ein Engagement haben wollte, musste den Umweg über die Liege machen, um den Vertrag unterschreiben zu können. Szenen wie bei Georges Feydeau waren Alltag. Diese Hurerei finde ich widerlich, aber viele Sängerinnen, Tänzerinnen oder Schauspielerinnen betrachteten diese Schäfer-Stunden als üblich. Natürlich muss das entschieden bekämpft werden, aber nicht Zweijahrzehnte später, wie es bei Domingo der Fall ist. Diese Gangart ist ein tolles Instrument, um Menschen kaputt zu machen und gerade das ärgert mich unheimlich. In meiner Umgebung wurden somit Existenzen kaputt gewalzt. In dem Fall, an den ich denke, war es reine Verleumdung, alles erwies sich als falsch. Ich befürchte, dass solche Praktiken immer gängiger werden und das menschliche Zusammenleben, zu einer Qual werden könnte. Manchmal wäre ein wenig mehr Offenheit wünschenswert.

Ständig in Gefahr sein

Wenn ich die Me-Too-Bewegung  ernst nehme – und das tue ich – gibt es Berufe, die man nicht mehr ausüben dürfte. Schauspieler-Sein scheint mir sehr gefährlich zu sein. Sollte man in einer Szene seine Partnerin zu stark an sich drücken, kann das durchaus als Anmache betrachtet werden und as Gleiche gilt beim Film-Kuss. In diesem Fall gibt es nur zwei Lösungen: Entweder man verbietet per Gesetz, dass solche Szenen, sei es im Theater oder im Kino, gespielt werden dürfen oder die Schauspielerei wird staatlich verboten. Es wäre toll, dass Shakespeare vor Gericht ziehen müsste, um als mieser Anreger von Pornoszenen, wie bei Romeo und Julia, lebenslang den Knast beziehen müsste. Natürlich wäre ich auch ein Anreger einer neuen Bücherverbrennung. Liebe Freunde, was ich hier schreibe ist Satire, also bitte keine Zensur! Was ich hier ausdrücke ist ein Zeichen meines Zorns, was die Dogmen von MeToo angeht. Spaß beiseite, wer kann als Schauspieler noch sicher sein, dass man sein Spiel nicht für ein böses Grapschen hält? Und wer es böse meint, kann dazu beitragen, dass ein Kollege arbeitslos wird, indem Märchen erzählt werden, einfach um ihn los zu werden. Die Anhänger dieser Bewegung, sollten sich die Frage stellen, ob das Gefühlsleben sich so gestalten lässt? Das würde bedeuten, dass jeder, der eine Liebeserklärung macht, angeklagt werden kann und dasselbe gilt für den Geschlechtsverkehr. Jede Frau kann nachträglich behaupten, dass sie vergewaltigt worden ist, wenn sie einfach ein Mannsbild loswerden will. Auch solche Fälle habe ich gekannt, die zur Vernichtung des unschuldigen Angeklagten geführt haben. Das Ganze fördert die Denunzierung und in solch einer Gesellschaft möchte ich nicht leben.

Und wo steckt die Liebe?

Ich sage es ganz ehrlich, die Dogmatiker töten die Liebe. Wenn jede Zuwendung als Angriff betrachtet wird, sollte man sich kastrieren lassen und wenn es um die Frauen geht, wäre eine Sterilisation auch angebracht. Ich habe mir die Hölle von Dante so vorgestellt. Lauter hübsche Jungfrauen mit zugenähtem Geschlecht. Nein, ich bin kein alter Bock, der seine sexuellen Gefühle hier schriftlich ausdrücken möchte, eher ein Mensch, der über die heutige Boshaftigkeit sehr traurig ist. Was passiert ist eine Generalisierung, die nur Unrecht mit sich bringt? Klar, ein Monster wie Harvey Weinstein soll die totale Härte der Justiz erfahren, aber er kann nicht als Maßstab für das Benehmen der ganzen Männerwelt betrachtet werden. Ich finde, dass der Absolutismus des Me Too ganz gut in unsere autoritäre Welt passt, bei der leichtfertig Menschen verfolgt werden, die man loswerden will. Ich weiß, dass ich sehr massiv reagiere aber das sollte gesagt werden. Der Mann ist nicht von Geburt an nur ein Schwein! Ich befürchte, dass es unseren Töchtern eingeimpft wird. Ich hatte eine Reportage über die Vernichtung eines Vaters in einem Scheidungsfall gedreht. Die Mutter behauptete, dass er ihre Tochter als Baby missbraucht hätte. Seine Gattin wollte damit Kapital schlagen und ihn fertig machen. Der ständigen Erpressung, der er ausgesetzt war, machte ihn zum Invaliden. Natürlich muss jeder Missbrauch verfolgt werden, aber es muss auch gesagt werden, wie man die Wahrheit manipulieren kann. Ich würde begrüßen, wenn die Me-Too-Anhängerinnen auch über solche Missständen berichten würden.

Liebe kann nicht nur platonisch sein

Die schiere Wahrheit hat uns eingeholt. Die Vorstellung, dass die ideale Liebe nur platonisch sein kann, ist einfach an den Fakten zerbrochen. Ich möchte hier über die Missbrauchsfälle schreiben, die dabei sind, die Kirche zu vernichten. Egal ob Kind oder Erwachsene, innere Gefühle sind eng mit dem Körperlichen verbunden. Das wurde uns angeboren und ist keineswegs trennbar, was die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne, die 1669 in Paris veröffentlicht wurden, bestätigen. Eine sinnliche Korrespondenz, die uns anregen sollte umzudenken. Was will ich damit sagen? Der Sex ist untrennbar von der Seele zu betrachten. Hier sollte man sich erzieherische Gedanken machen und nicht ständig Trennungslinien ziehen. Es geht um eine Symbiose, die für mich das Leben bedeutet. Ich denke, dass viel Brutalität durch die Wortlosigkeit entsteht und dass die Menschen derart gehemmt sind, dass sie sich nicht, wie König David  im hohen Lied, offen darstellen. Sehr oft sind die Vergewaltiger total gehemmte Menschen, die sich nur durch Gewalt ausdrücken können, die jedes intimen Worts vermeiden, aus Angst sich zu blamieren. Um konstruktiv gegen den Missbrauch zu kämpfen, fände ich gut, dass Me-Too sich mit der Erziehung befasst, neue Wege der Aufklärung anregen sollte. Nur mit der Keule zu hantieren – so berechtigt sie auch in vielen Vorgängen ist – wird auf lange Zeit nichts nützen. Die Kinder müssen endlich angesprochen werden, um vor der Liebe kein Tabu entstehen zu lassen als etwas Verbotenes. Das wäre ein höchst wichtiger Beitrag zu mehr Eintracht.

 

 Das Gedicht

 

Liebe als Dogma zu bezeichnen,

führt zum Tod der Gefühle, letztendlich

zur Gewalt. Das „Ich“ derart auf Grund

der Sexualität zu symbolisieren ist

Willkür, Sex-Faschismus, der nur an Hand

de Virilität eingestuft wird, nicht auf Grund

der Sensibilität, die eines Paares zum

Paradies führen sollte. Barsche Handlungen,

die mit Recht von Me-Too angeprangert

werden, die die Liebe in den Dreck ziehen,

die sie als anrüchig erscheinen lassen und

doch ist sie ein Geschenk Gottes!

 

Alleine der Geistesaustausch reicht nicht aus.

Er muss innerlich empfunden werden und

durch eine absolute Nähe gestärkt werden.

Die Haut streicheln, sie in sich durch die Hand

zu verinnerlichen. Der sanfte und erotischer

Geschmack des Kusses auf sich wirken zu

lassen, ihn als Zeichen des Unendlichen

empfangen zu können. Und das Eindringen

als Apotheose, die die Liebe als unsterblich

erscheinen lassen sollte. Spielt sich das so ab?

Nein, weil sie immer mit dem Makel des Totes

konfrontiert wird, was zur Gewalt führt.

 

Und jetzt steht er da, wie ein begossener Pudel.

Da er keine passende Worte fand, um seinen Trieb

auszudrücken, wurde er handgreiflich. Da

er nicht lieben kann, glaubt er den Macho spielen zu

müssen. Ein Mann, der in der Wüste steht, der unfähig

ist eine Zuwendung zu erfahren, der zum Grapscher

wird, was ihn völlig banal macht. Merkt er nicht,

dass er seine Würde somit weggeworfen hat,

dass er nur schwanzgesteuert ist? Und das er

somit verdorrt, ohne sich darüber bewusst zu

sein. Vielleicht der wahre Grund, dass er sich

in seiner Zelle erhängt hat.

 

Alles Liebe Petra.

Trotz Me-Too umarme ich dich!

 

Pierre

//pm

 

Lieber Pierre,

in Zeiten der Unsicherheit, der sozialen Diskrepanz, der Sorge um Wohnraum, gesicherte Renten, der tiefen politischen bzw. sozialen Krise, greifen rechtspopulistische Parteien wie die AfD an. Unzufriedenheit, Sorge, Existenzängste bieten den Nährboden für ihr gefährliches Schaffen. NOCH halten sie einigermaßen Ruhe, aber wir dürfen uns nicht weismachen lassen, dass die AfD sich dies zu Nutze macht und auch nur annähernd etwas mit sozialer Gerechtigkeit und Toleranz zu tun hat. Im Gegenteil: Sie sind höchst marktradikal und dulden in ihren Reihen Faschisten, Antisemiten und Rassisten. Was wir brauchen ist außerparlamentarischer Druck, eine Neujustierung der Demokratie, frischen Wind in der Politik statt rassistische Hetze. Doch um tatsächlich die wahren Machenschaften der erstarkenden Rechten/ des rechten Flügels zu erkennen, bedarf es Bildung und ein Auseinandersetzen mit der aktuellen Politik. Ich wage zu bezweifeln, dass die Fließbandarbeiterin mit beschränktem geistigem Horizont dazu in der Lage ist. Vielmehr hört man aus diesen Klatschreihen die neuesten reißerischen Boulevardpresse-Zitate, die allesamt auf der Welle der Angstmache und Verunsicherung reiten. Vielleicht wissen die nicht einmal was Björn Höcke so von sich gegeben hat bezüglich des Holocaust Mahnmals oder sonstiger verbaler  Entgleisungen. So lange aber unsere Politiker solchen Bullshit – wie die Damen in den Ämtern in Brüssel oder im Bundesverteidigungsministerium – verzapfen und Frau Merkel ihre sich häufenden Zitteranfälle in aller Öffentlichkeit nicht im Griff hat, dürfen wir ernsthaft an der Qualität unserer Politik zweifeln und öffnen somit die Türen für AfD & Co. Hass hat in der Geschichte gezeigt, wie zerstörerisch er sein kann und dass unglaublich viele Menschen schwer leiden und sterben mussten. Darüber müssen wir uns im Klaren sein und deutlich mit dem Finger nach Berlin zeigen, wo die Basis gelegt wird. Lieber Pierre, wir haben unter Merkel einiges verschlafen in den vergangenen Jahren – Beispiel Ausbau des Schienennetzes, bezahlbare Wohnungen, Rentensicherung, schneller, flächendeckender Internetzugang für alle, anständige Autobahnen, korrekter Lohn bei steigenden Kosten, Pflege etc. Wie soll der Bürger bei den angedachten, zusätzlichen Kosten das alles bezahlen, wenn jetzt bereits viele – trotz eines Vollzeitjobs – nicht in der Lage sind, eine Familie zu ernähren? DAS zumindest haben die in Berlin nun endlich auch kapiert, aber anstatt Lösungen zu bringen, die Hand und Fuß haben, diskutieren sie sich zu Tode, wirken extrem unglaubwürdig in der Besetzung ihrer Ämter und wer mag ihr Geschwätz noch weiter hören? Ich hoffe, dass die zukünftige Generation den Mund aufmacht, auf die Straße geht für ihre Ziele und neue politische Strukturen entstehen lässt. Es ist eine schleppende Veränderung, es hakt an allen Ecken und Enden – das jedenfalls steht außer Frage. Eigentlich ein echtes Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland, wie ich finde. Fazit: Wir werden nur Herr über die angespannte Lage, wenn unsere Politiker wieder anfangen, konstruktiv, menschennah und sinnvoll zu regieren. Aber wie es so ist bei uns… Frau Merkel macht lieber einen braven Knicks vor den Automobilgiganten, anstatt eine ökologisch sinnvolle Geschwindigkeitsbegrenzung auf maximal 130 km/ h umzusetzen. Ach, Deutschland…das Land der bescheuerten Autobahnraser, die ihre Wut an deiner Heckscheibe ausleben – weil ihnen nichts Besseres übrig bleibt!? Übrigens, Gas geben können alle….nur beim Bremsen an der richtigen Stelle hakt´s manchmal – siehe Politik.

 

In diesem Sinne,

herzliche Grüße aus Frankfurt

 

Petra

© Petra M. Jansen

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

Liebe Petra,

dieses Thema beschäftigt mich sehr. Ich würde gerne etwas Heiteres schreiben, aber schaffe es zurzeit nicht.

Immer Radikaler!

Hier ist die Rede von der AfD, die sich in einer Zerreißprobe befindet. Der rechte Flügel der Partei wird immer radikaler. Immer mehr Elemente, die von der NPD – auch von Neonazi-Gruppierungen stammen – sind dabei, die Einheit der AfD zu zersprengen. Wir erleben eine große Destabilisierung der internen Strukturen, die in den Landesverbänden zu Spaltungen führen. Darüber kann sich niemand freuen, weil es bedeutet, dass die Gewalt immer mehr Anhänger findet. Das hat zu einem politischen Mord, wie dem von Walter Lübcke geführt. Es ist schlimm zu sehen, dass die AfD extremistischen Elementen noch immer eine Heimat bietet, auch wenn sie solche Aggressionen verurteilt. Das heißt, dass der Vorstand keine Autorität hat und sich daher überrumpeln lässt. Wenn Anarchie herrscht, gibt es keine Grenzen und noch etwas kommt zum Vorschein: Viele Bürger, die von Haus aus frustriert sind, haben sich für die Provokation entschieden. Nach mir die Sintflut! Wären sie bereit, die Reichskriegsflagge wieder aus dem Keller herauszuholen und Parolen, die dem Stürmer ähneln, zu verkünden? Und mit einer brutalen Art, das „Sieg Heil“ wieder aufleben lassen? Dies mit Pogromen verbunden, um zu beweisen, wer das Sagen hat? Das entsteht, wenn eine Partei wie die AfD, die Zügel aus der Hand lässt. Es wäre in der Tat gut, dass diese Formation, die ich nicht in meinem Herz trage, diese Elemente in die Wüste schickt. Das sind Sie Deutschland schuldig, nicht wahr Herr Gauland?

Der Zweck der Radikalisierung

Im Zentrum – egal ob Mitte-rechts oder Mitte-links – gibt es eine Menge Leute, die schwankend sind, die sich beeinflussen lassen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie ins Rutschen kommen. Das ist heute vor allem der Fall in Frankreich, wo die Republikanische Partei, die ehemalige Gaullisten, im Freifall sind, wie übrigens auch die Sozialisten im linken Spektrum. Einige von ihnen liebäugeln mit Marine Le Pen und sind bereit, mit ihr gemeinsame Sache zu machen. Wie die Ratten verlassen sie das sinkende Schiff, in dem sie Charles de Gaulle verraten. Sie machen gemeinsame Sache mit manchen Radikalen, die den General auf dem Kicker hatten und versucht haben ihn zu eliminieren. Das ist nicht der Fall von einer Mehrheit dieser Partei, aber wie bei der AfD, werden die Mäßigeren in den Zog der Gewalt von Neonazis – auch sie gibt es in Frankreich – gezogen. Der Grund ist der Gleiche wie bei der Weimarer Republik. Das Zentrum glaubt immer noch, dass sie die Totalitären in ihre Tasche stecken können. Dass das Gegenteilige passieren kann, kommt ihnen nicht im Sinn. Die Bourgeois lassen sich von ihrer „glorreichen Vergangenheit“ blenden und sehen nicht ein, dass sie zu den Verlierer gehören. Eine Fehleinschätzung, die zum 2. Weltkrieg geführt hat. Egal ob in Frankreich oder in Deutschland, die schiere Brutalität zieht mehr Leute an, als man denken könnte.

Die Pflege des Feindbilds

Vielleicht ist das der Irrtum der Demokraten – zu denen ich gehöre – das Gute im Menschen hervorzuheben und zu denken, dass die Eintracht und die Brüderlichkeit uns angeboren sind. Das entspricht keinesfalls der Realität. Der Mensch ist wie ein Raubtier, dass, um überleben zu können, jeden zerreißt, der sich in sein Revier wagt. In unserem Fall in Europa sind das die Ausländer und diejenigen, die sich an unseren Reichtum wagen, unsere Frauen vergewaltigen. Das wäre der Urinstinkt, den wir durch unsere Erziehung versuchen zu widerlegen. Ich nenne das Rassismus, Willkür, Grausamkeit. Ein widerliches Benehmen, das ich schärfstens verurteile. Aber um diese Neigungen zu bekämpfen, kann ich mir keine Illusionen machen, wie rachsüchtig der Mensch ist. Wenn er freie Zügel hat – wie unter Hitler – ist es kein Wunder, dass Schöngeister zu Bestien werden. Toleranz ist ein ständiger Kampf mit sich selbst, das sollen wir uns einpauken. Vielleicht macht uns das Wunschdenken einer besseren Gesellschaft irgendwie blind. Um die Nazis zu bekämpfen, können wir keine Samthandschuhe nehmen und wir müssen bereit sein zurückschlagen. Die andere Backe zu reichen, ist eine Symbolik, die sie nicht kapieren können. Und kommt mir nicht mit der These, dass jeder Mensch auch gut sein kann. Nein, das sind sie nicht – das sollten wir uns endlich einprägen.

Für die Einen bedeutet Gewalt, Freiheit

Um zu kapieren, wie die Extremisten ticken, muss ich auf den Begriff Freiheit zurückkommen. Viele verwechseln ihn mit Macht, was ich für einen Irrtum halte. Wer das Sagen hat, ist nicht unbedingt frei. Sehr viel mehr derjenigen, die sich um sie scheren, sie ablehnen, auch wenn man unter einer Brücke landet. Aber was ich hier referiere stimmt nicht für die Halbstarken, die die Ansicht vertreten, dass alleine der Terror sie von ihrer Minderwertigkeit befreien kann. Indem sie diejenigen verfolgen, die sie in Frage stellen, haben sie den Eindruck, ihrem Willen freien Lauf zu geben. Das haben sowohl die Nazi als auch die Kommunisten angewandt, um ihre Truppen zu motivieren. Verlierer wurden zu Helden gemacht und je brutaler sie waren, desto angesehener wurden sie. Was jetzt passiert ist leider eine Wiederholung. Nicht der Geist und der Verstand zählen, nur die Fäuste. Das scheint in den neuen Bundesländern zu funktionieren. Das Volk lässt sich von den schlimmsten Gestalten einfangen, weil sie sich vor ihnen fürchten. Das ist wie in einem Western, bei dem die Schurken eine ganze Stadt nötigen. Das Gleiche galt für die „Befreier“ des IS oder heute noch für die Taliban. Nicht anders funktionieren die Neonazis oder die Neofaschisten. Die Faszination des Stärkeren – auch wenn sie eine Fata Morgana ist – hat immer die Schwächeren angezogen, deswegen gilt es, solche Strömungen im Keim zu ersticken. Aber mit den Politikern, die uns zur Verfügung stehen, ist eine harte Methode verpönt, weil sie den Kodex einer falsch interpretierten Toleranz verletzt. Wenn es um den Tod von Unschuldigen geht, pfeife ich auf gute Manieren!

 

Das Gedicht

 

Er war wohl erzogen, entstand aus

einer wohlhabenden Familie, aus der

viele Akademiker stammen. Er wurde

Doktor der Philosophie, spielte Klavier,

vor allem Bach, der ihn beflügelte. Er

trat in eine studentische Verbindung ein,

wurde ein glühender Nationalist und

wenn er besoffen war, zerbrach er

die Schaufenster der Juden, nötigte

sie, indem er sie zwang, mit ihrer Zahnbürsten

den Gehsteig zu reinigen. Und wer sich

widersetzte, wurde bespuckt.

 

Er war wohl gebildet, las Immanuel Kant,

konnte die Hintergründe seiner Philosophie

erklären. Er vertrat die Meinung, dass nur durch

Züchtigung, das deutsche Volk der Rasse

der Übermenschen angehören könnte.

Er wurde Offizier der Waffen-SS, wurde nach

Warschau verfrachtet, um dort Ordnung herrschen

zu lassen. Er nahm an Säuberungen teil,

erschoss diejenigen, die er die Ratten nannte.

Sagte ihnen vor dem Gnadenschuss, dass es

für sie eine Ehre sei, sich von einem Akademiker

töten zu lassen. So war es…

 

Er war wohl menschlich, als er vor dem Gericht

stand, weil er in seine Hose machte. Schuldig

war er nicht, der gebildete Akademiker, aber die

Schurken des Regimes. Er flehte den Richter an,

Milde zu zeigen. Unter Doktoren sollte der Geist

siegen, nicht die Rache. Auch behauptete er, einen

Juden gerettet zu haben, Widerständler fliehen

gelassen zu haben. Aber nichts nützte, der Galgen

erwartete ihn, den feinfühligen Intellektuellen, der

Kant gut kannte und Bach liebte. Die deutsche

Kultur an einem Strick baumeln zu lassen,

welch eine Verschwendung, oder?

 

Alles Liebe, Petra.

Ich umarme dich!

 

Pierre

//pm