Liebe Petra,

Pierre und Mathias schicken sich neuerdings Briefe. Hier ein Vorgeschmack: Es stinkt mir! 

Lieber Mathias, 

es gibt eine Menge Dinge, die mir in den Sinn kommen, wenn man älter wird und ich habe das Gefühl, dass meine Wohnung mir fremd geworden ist und dass ich mit den Gegenständen, die sie füllen, zunehmend mehr ein distanzierteres Verhältnis haben werde. Ich denke, dass ich irgendwie schon auf den Weg bin, Abschied zu nehmen und nur noch versuche, das Dingende zu erledigen. Immer mehr können mir Sachen, die in der Vergangenheit so wichtig waren, den Buckel runterrutschen und manchmal habe ich Lust, alles um mich herum zu vernichten, meine Erinnerungen in den Müll zu schmeißen. Weit entfernt die Greis der Fernsehwerbungen, die immer blöde lächeln, weil sie so happy sind und die so tun, als ob sie sich in ganzer Ewigkeit nicht vom Fleck rühren werden. Als ob das Leben nicht von Geburt an ein Schlusspunkt ist. Nein, mir ist sehr bewusst, dass ich irgendwann abkratzen werde. Ich hänge zwar am Leben, aber verdammt noch einmal, man muss auch loslassen können! 

Diese Art von Gefühlen ist neu für mich, weil ich vielleicht eine große Müdigkeit verspüre und weil es mir bewusst geworden ist, dass ich nicht unsterblich geworden bin. Indem ich das hier schreibe, habe ich das Gefühl, dass ich mich ständig neu erfinde. Eine Disziplin, die mir das Überleben ermöglicht. Weil ich die Lust empfinde, die Erinnerungen auf den Mond zu schießen. Jetzt weiß ich mehr denn je, dass es vielleicht besser ist, ein Mensch ohne Eigenschaften zu sein. Lieber Musil, sie haben so Recht gehabt, ihn zu erfinden. Die ständige Suche nach Gedanken, die letztendlich in den Müll landen werden, macht mich mürbe. Besser niemand zu sein, als sich ständig unter die Lupe nehmen zu müssen. Du Wurm, hast du eine Seele? Oder hast du sie an den Satan verscherbelt? Gib zu, er hat dich über den Tisch gezogen! Tatsache ist, dass ich ständig blöder werde, mich immer wieder selbst vergesse und das macht mich wütend, weil ich nicht als Depp die Würmer besuchen will. Er hat einen wohlverdienten Ruhestand verdient? Ich pfeife darauf.

Jetzt stellt sich die Frage, wie ich mit meinem Greisen-Dasein fertig werde? Wenn man mir sagen würde “hau so schnell wie möglich ab“, würde ich Nein sagen. Leute, das Leben ist so schön beschissen, dass man es mit Leidenschaft leben muss und as habe ich mir bis zum letzten Atemzug versprochen, auch wenn das eine bescheuerte Absicht ist. Man muss schon total verrückt sein, sich das zu wünschen, da niemand dem Mann mit der Sense aus dem Weg gehen kann. Wäre es nicht besser in ein Heavy-Metal-Konzert in Berlin zu gehen? Eine Veranstaltung, bei der man mit Garantie taub hinauskommt? Ich liebe Metal, weil er kreischend ist und die blöde Sentimentalität kleistert, auch wenn Metaller sehr weiche Gemüter sind. Leute, ich spucke auf eure Gräber, weil sie die Gedenkstätten der Banalität sind. Erwartet nicht, dass ich mit einer Gießkanne im Friedhof meine Zeit verplempern werde. Ich liebe viel zu sehr die Existenz, um das Leben derart zu schildern. Hart, herb, manchmal bitter – aber so schön.

Und jetzt setze ich mich unter die Weide am See, wie sich das auf einer Trauerkarte gehört und schaue in die Unendlichkeit. Kitschig, glattgebügelt. Ihr könnt mich alle mal gern haben!

 

Antwort von Mathias an Pierre 

Du denkst, dass ich wie ein modriges Stück faules Fleisch im Sarg landen will! Lieber vom Feuer erfasst werden, lieber Pierre. Du siehst, auch ich bin fähig, makabres Zeug zu verzapfen. Wenn du denkst mein Freund, dass du mich in die Niederungen deines Blues mitziehen kannst, irrst du dich. Ich habe Lust, trotz Corona zu feiern, die Zunge in Richtung der Misanthropen zu ziehen. Das Einzige, was uns noch verbindet, scheint der Heavy Metal zu sein, sonst kann ich auf dein ganzes Geschwätz verzichten. Ich bin nicht von den Wehen eines unwiderruflichen Abschieds erfasst. Lasse mir noch Zeit, um abzukratzen. Und das auch, wenn mein Körper am Verfaulen ist. Nicht sehr appetitlich. Er säuft ständig wie eine alte Dampfmaschine. Keine Spur eines Apollos zu erfassen, aber macht nichts. Wenn ihr es wissen wollt, es ist mir völlig wurscht, so zu sein wie ich bin. Ich bin ein alter, stinkender Bock geworden, der die Brunftzeiten aus Mangel an Energie versäumt. Habt ihr es, Herr Jäger, mit Viagra versucht, um mehr Wild in eurem Revier zu erzeugen?

Du Pierre, ich kann sehr wohl verstehen, dass du die Nase gestrichen voll hast, aber erspare mir das! Wenn es mir wohl tut – wie eine Antiquität – meine Zeit zu verbringen, tue ich das und glaube mir, ich pfeife wie du auf die Eigenschaften der ewigen Jugend, aber ich will auf etwas anderes hinweisen. Anstatt Blumen würde ich Kürbisse auf die Gräber pflanzen, wie die Bauern es auf den Misthäufen tun. Du würdest feststellen, dass die glänzend gedeihen, weil wir auch zum Mist gehören, den wir ständig verbreiten. Ich würde endlich den Sterberitualen ein Ende setzen, weil es sowieso nur Heuchelei ist. Genügend gesponnen, die Sonne scheint, wir freuen uns, das Familienleben erleben zu können.

Lebe wohl, Pierre!

 

Antwort von Pierre an Mathias 

Ob der Tod uns einholt oder nicht, er könnte sich noch viel Zeit lassen, weil er uns – ob du willst oder nicht, Mathias – gewaltig auf den Geist geht. Ich kann auf die ewige Ruhe verzichten, weil es nicht meine Absicht ist, brav zu sein. Mist machen, macht halt mehr Spaß. Wenn es mir danach ist, den heutigen Tag zu verdammen, tue ich es, weil es für mich ein Zeichen der Unabhängigkeit ist. Ich möchte die Freiheit haben, mein Dasein zu verdammen, wenn es mir danach ist und das tue ich auch wenn es meine Leser stören könnte. Jetzt scheint aber die Sonne und ist ein Anlass, Freude zu empfinden.

Und wenn ich Kürbisse auf eure Gräber pflanze, tue ich es, weil ich tief überzeugt bin, dass es die beste Lösung ist, seine restliche Zeit auf Erde zu verbringen. Und der Tod? Er muss heute nicht im Mittelpunkt stehen. Er wird noch genügend Zeit haben, um uns zu quälen. Aber eines glaube ich nicht: Von ihm befreit zu werden. „Hör doch auf zu grinsen!“

 

Antwort von Mathias an Pierre 

Und jetzt reicht es für heute. Sieh zu, dass du auf andere Gedanken kommst, wie zum Beispiel die Blumenmädchen zu vernaschen. Und jetzt hau ab!

 

Liebe Petra, ich umarme dich!

 

Pierre

//pm

 

 

 

 

Da gibt´s jetzt auf Twitter den Hashtag „#kiffersindkeinelooser“ und ich musste erst einmal laut lachen über all den Unfug, der da geschrieben steht. Leute, Kiffer s i n d Looser! Sie sind nichts weiter als Drogenkonsumenten, die glauben cool zu sein und sich für einen Moment aus der Realität weichspülen oder wegschießen wollen. Ich kann Kiffen absolut nicht für harmlos einstufen, denn oftmals ist das Kiffen die Einstiegsdroge in eine Welt der härteren Sachen. „Just for fun“, „einfach mal ausprobieren“, „ist doch nicht so schlimm“, „haben wir doch alle früher mal getan“, so die Ausrede derer, die noch nicht erkannt haben, dass Kiffen antriebslos, träge und perspektivenlos macht und bei längerem Gebrauch eine psychische Abhängigkeit nach sich zieht. Ziele werden nicht mehr verfolgt, klare Wege verschwimmen und das Ganze ist obendrein absolut uncool.

Früher drehte der Joint die Runde und jeder zog mal dran, oder an der Bong (Herpes Zoster, Hepatitis und heute Covid-19-Viren inklusive). Die Jugend hat anscheinend auch heute nichts Besseres zu tun als sich den Kopf zu benebeln mit Marihuana, aber die Zeiten der Hippie-Ära sind lange vorbei. Erinnern wir uns noch an die Kommunen, in denen Gruppensex im süßlichen Nebel der Marihuana-Schwaden Up to Date war?

Auf Twitter versuchen sich die User eine weiße Weste anzuziehen und rechtfertigen sich mit Top-Berufswerdegängen und zu was sie es im Leben gebracht haben  – trotz Kiffen. Mag sein, dass der eine oder andere die Kurve kriegt und es bei ab und an bleibt. Bei der Mehrheit der Kiffer jedoch wendet sich das Blatt recht schnell und ihre Toleranzentwicklung spricht Bände. Sie müssen nicht mehr nur mal am Wochenende im Freundeskreis einen Joint durchziehen, sondern er wurde zum (mehr-)täglichen Begleiter – sogar schon vor dem Frühstück. Wie das so ist bei Drogen – sie alle verlangen im Belohnungs-Gehirn nach positivem Feedback und einer Dosissteigerung.

Ich höre immer wieder „Die Holländer haben es legalisiert und auch keine Probleme“. Das stimmt so nicht, denn ich habe gute Freunde in Holland nach der realen Zahl gefragt und bekam immer wieder die gleiche Antwort: Holland hat exakt das gleiche Drogenproblem wie andere Länder und Städte auch. Da ist nicht von „überlegtem Konsum“ die Rede und nicht davon, dass jedermann Herr über seine Sucht ist.

Nun können die auf Twitter schreiben und posten was sie wollen – Kiffer ist Kiffer und Kiffer ist Looser! Und darauf stolz sein, dass man noch einigermaßen einen Job machen kann und auch sonst nicht kriminell geworden ist, ist Schönrederei. Wer keine Realitätsflucht sucht, wird auch nicht kiffen und auch nicht dafür anfällig sein. Mögen es die Freundeskreise sein, schlechte Perspektiven, die Lust auf einen Kick, mangelndes Selbstwertgefühl oder Probleme mit dem realen Leben – es steht immer eine tiefere, ernste Angelegenheit dahinter, ob jemand kifft oder die Finger davon lässt.

Für mich ist jeder Kiffer ganz klar eine Niete, ein Versager, ein echter Looser. Denn er hat nicht begriffen, dass diese Substanz antriebslos macht und bei Absetzen für ein sehr schlechtes Allgemeinbefinden sorgt. Meist psychisch. Meist bis zur tiefen Depression. Meist allerdings steigen viele Kiffer auf eine Steigerung um und es bleibt nicht dabei. Wer dann noch davon redet, dass er kein Looser ist, verdrängt die offensichtlichen Tatsachen und ist weit entfernt davon, ein drogenfreies Leben zu führen und auch Marihuana ist eine Droge. Und was für eine! Zu unterschätzt bei den Konsumenten, aber stets präsent bei späteren Drogentherapien. Aber wer gibt schon gerne zu, dass er süchtig ist und es alleine nicht schafft, von dem Dreck loszukommen? Das sieht nur der „Gewinner“, während der kiffende Looser sich noch einbildet, er sei erfolgreich und alles gar nicht so schlimm, was zweifellos ein großer Irrtum ist. Fazit: Kiffen ist nur etwas für Verlierer und echte Looser (und natürlich erwarte ich keine positiven Reaktionen von den umnebelten Kiffern, die kichernd oder abgedriftet in der Ecke hocken und weiter träumen).

 

© Petra M. Jansen

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

 

Nein, keine Sackgasse

Pierre:

Heute früh fühle ich mich wie in einer Sackgasse angelangt und ich sehe keine Möglichkeit weiterzukommen. Vor mir ist eine Betonmauer, glatt, unpersönlich, abweisend. Soll ich mich damit abfinden, mich gedanklich zu begraben?

Mathias:

Oh, oh, heute blühen bei dir keine Maiglöckchen! Du bläst Trübsinn, was die Sache nicht besser macht. Spricht dich aus. Spucke aus, was du auf der Seele hast und entlade dich von dem ganzen Dreck, der dich erstickt!

Pierre:

Das Corona-Virus verwandelt uns in Bestien. Die Menschen werden von Tag zu Tag aggressiver. Ich habe das Gefühl, dass sie wie in einem Kessel eingesperrt sind und versuchen, durch ihren Groll, die erstickende Luft aus ihrer Seele zu verbannen.

Mathias:

Pierre, du solltest das als einen Hilferuf betrachten, auch wenn es für dich in diesem Augenblick schwer ist, dies zu erkennen. Sollte man aber warten bis die Wunden verheilt sind? Das ist eine Frage, die ich mich im Konfliktfall immer wieder stelle.

Pierre:

Die Gefahr besteht, dass der Eiter aus der Wunde nicht entfernt wird und dass der Konflikt unterschwellig weiter brennt. Das passiert tagtäglich in der Politik und deswegen sollte man – um sich Ruhe zu verschaffen – nicht nachgeben, so hart es auch ist.

Mathias:

Wenn man aber diesem Weg nachgeht, muss man starke Nerven haben. Vergiss nicht, dass sich die Menschheit durch ihre Sturheit lähmt. Sich, durch das Nicht-Nachgeben, die Existenz verdirbt. Kein leichter Weg, gebe ich zu.

Mit der Zeit kommt Rat?

Pierre:

Wenn ich inmitten eines Konflikts stecke, empfinde ich die Pflicht, mich zurückzubesinnen und mir die Frage zu stellen, was ich falsch gemacht habe. Ich möchte nicht meinen Kontrahenten belasten und nicht ohne Grund wird er auf mich so böse sein, sage ich mir.

Mathias:

Es kann auch ganz anders gelaufen sein. Vielleicht warst du ganz einfach der Auslöser einer Wut, die nicht unbedingt auf deinen Mist gewachsen ist? Du befandest dich vielleicht im falschen Moment an der falsche Stelle, wer weiß?

Pierre:

Mathias, danke für den Trost, den du mir schenkst, aber ich zweifle trotzdem an mir. Ich zerbreche mir den Kopf, was ich falsch gemacht habe, denn ich habe niemanden angegriffen. Vielleicht habe ich mich zu neutral verhalten, was als Attacke betrachtet wurde?

Mathias:

Ich bin völlig sicher, dass das, was geschehen ist, nur eine Lappalie war, denn das ist oft der Fall, wenn es knallt. Es geht um eine Ansammlung von Fakten, die mit der Sache nicht direkt zu tun haben, um Stimmungen. Deshalb will ich die Ursache nicht kennen.

Pierre:

Ich hatte nicht vor sie dir zu verraten, weil es der Sache nicht dienen würde, da es um einen tieferen Schmerz geht. Es wäre meine Aufgabe ihn zu ermitteln und zu sehen was ich aus meiner Sicht machen kann. Auf jeden Fall irgendjemand überzeugen zu wollen, an sich zu arbeiten, scheint mir in einer heiße Phase vergeben.

Mathias:

Du hast das richtig erfasst. Wenn der Verletzte kein Zeichen von sich gibt, sich auf einen Dialog einzulassen, lass die Hände davon. In solch einem Fall liegt der Spielzug nicht bei dir. Aber wie soll der Andere spüren, dass du offen für eine Aussprache bist?

Das Recht, auf Frieden zu pfeifen

Pierre:

Im jetzigen Alter bin ich der Ansicht, dass der Friede nicht mit der Brechstange erzwingt  werden soll, das ist nicht dienlich. Wäre es nicht vernünftiger den Faktor Zeit für sich sprechen zu lassen? Ich beobachte, dass jeder das Recht hat auf ihn zu pfeifen.

Mathias:

Damit hast du eine düstere Sicht der Eintracht zwischen den Menschen. Ich denke, wenn es so geschehen sollte, wäre es besser wäre sich gleich die Kugel zu geben. Wir sind nicht so gestaltet, dass wir unser Schicksal derart gleiten lassen können.

Pierre:

Aber du musst erkennen, Mathias, dass passiv da zu sitzen auch nichts bringt. Warum würden wir beide einen Dialog führen, wenn wir keine Verbesserungen herbeiführen wollten? Ich weiß, ich widerspreche mir – ein Zeichen, dass ich verwirrt bin!

Mathias:

Wir drehen uns im Kreis und doch hätte ich einen Anhaltspunkt, der uns helfen könnte. Da die Ursache eines Konfliktes fast immer emotional ist, kann er kaum mit realen Fakten bekämpft werden. Wie wäre es, wenn du dich von deiner Sachlichkeit befreien würdest?

Pierre:

Soll ich mich auf den Marktplatz stellen, mir die Klamotten zerreißen und meinen Frust loslassen? Mich auf dem Boden herumwälzen, um meinen Kummer Ausdruck zu geben? Nein, es bleibt mir noch ein Rest an Stolz, den ich nicht aufgeben will.

Mathias:

Wenn ich betrachte wieviel Blut wegen geflossen ist, wird es mir ganz einfach schlecht. Kann das als Nabelschau betrachtet werden? Ich denke schon, aber der Preis ist schauderhaft, denn der Stolz bedeutet in diesem Fall Mord und Totschlag.

Ist Wut Leidenschaft?

Pierre:

Könnte ich, wenn ich keine Wut verspüren würde, überhaupt kreativ sein? Wäre ich in der Lage meine Gedanken weiterzuentwickeln, wenn ich keinen Widerstand verspüren würde? Würde das bedeuten, dass ich den Konflikt benötige, um weiterzukommen?

Mathias:

Ja, du brauchst ihn wie jeder Mensch. Du musst anecken, um dein Du zu erbauen.  Wenn jemand auf dich wütend ist,  ist der gleiche Reflex in Gange. Also sei nachsichtig gegenüber deinen Kontrahenten, es ist auch ein Entwicklungskurs.

Pierre:

Wenn es so ist, wie können wir zur Ruhe kommen? Es gibt doch noch ein Element, dass man nicht außer Acht lassen sollte – die Erziehung. Sie dient dem gegenseitigen Umgang, der Etikette. Altmodisch aber sehr dienlich.

Mathias:

Auch wenn ich sie oft als Vollbremse – was den Geist angeht – betrachte, erkenne ich, dass es ohne humane Umgangsformen einfach nicht klappen kann. Konflikte entstehen, wenn niemand mehr bereit ist, auf die Argumente der Anderen einzugehen.

Pierre:

Deshalb ist das Zuhören solch eine Kunst. Ich tue mir damit schwer, aber arbeite daran. Der Beweis dafür ist, dass ich von dir Meinungen serviert bekomme, die ich nicht unbedingt teile und siehe da, es ist bei weitem nicht schlecht, sie anhören zu müssen.

Mathias:

Was man aber vermeiden sollte, sind Ratschläge zu verteilen, weil sie immer falsch aufgefasst werden, wenn sie nicht als eine Bestätigung einer Meinung betrachtet werden. Pierre, mach letztendlich, was dir dein Bauch sagt, anders geht es ohnehin nicht.

Zum Abschuss bereit?

Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als sich

aufzugeben, sich als Opfer hinzustellen,

das nach Mitleid verlangt. Nein, ich will keine

Nachsicht erleiden, weil die immer erniedrigend

ist. Wenn sich Wut gegen mich ballt, soll sie ihre

ganze Wucht erleben, weil das der Beweis ist,

dass man sie verdient hat – positiv gesehen.

 

Wer allen Konflikten aus dem Weg geht, verneint

das Leben. Hat Jesus nicht die Händler aus dem

Tempel getrieben, was ihn letztendlich das Leben

gekostet hat? Weit weg der Gedanke, nicht für eine

Sache zu kämpfen, sich flach bügeln zu

Lassen – des Friedenswegen! Lieber Wunden einstecken

müssen, als als Wurm in die Geschichte einzugehen!

 

Ohne Hölle geht es nicht, so auch die Erkenntnis der

Frommen. Wissen sie, was Friede, Liebe und

Eintracht bedeuten würden, ohne Hiebe bekommen und

erteilen zu können? Und doch gibt es Grenzen, die nicht

überquert werden sollten, weil es sonst keine Menschen

mehr geben könnte, die den Willen hätten, Frieden zu

verteilen. Also ab in den Kompromiss? Tut mir verdammt weh!

 

//pm

Lieber Pierre,

dein letzter Brief hat bei mir für Entsetzen, Sorge, Kopfschütteln und Lächeln gesorgt. Immerhin – wenn man die ersthaften Sorgen und den offenkundigen Verfall nahestehender Menschen miterlebt. So hart es klingen mag und wir es niemandem wünschen, so wahr ist es auch, dass wir alle eines Tages den Hut nehmen und uns verabschieden müssen. Der eine früher, der andere später. Der eine mit langjährigen Schmerzen und Entbehrungen, der andere plötzlich und unerwartet oder durch einen tragischen Unfall. Wie schnell es gehen kann, sehen wir derzeit an der unglaublichen Pandemie des Corvid-19-Virus, der weltweit um sich greift und bereits mehrere tausend Menschen das Leben gekostet hat. Dennoch: Lebewesen sind angreifbar und alles, was lebt, stirbt eines Tages. Ich komme zurück zu dir und bitte, Pierre gestatte mir die ehrliche Aussage, dass es mir unendlich leid tut, einen dermaßen hochintelligenten, intellektuellen Mann, der so vieles in seinen Fernseh-Dokumentationen und Bühnenstücken bewegt hat, in den Abgrund rudern zu sehen. Wie viele Jahre haben wir beide philosophiert und uns auf hoher geistiger Ebene ausgetauscht, Themen nachts am Telefon gewälzt und höchst kreative Outputs gehabt? Wenn mir einer in den letzten Jahren das Rüstzeug für gute Regiearbeit oder kulturelles Wissen oder auch in psychologischen Dingen mitgegeben hat, dass warst du im Wesentlichen auch daran beteiligt. Es war ein wahres Wunderwerk an gemeinsamer Arbeit, die wir in den Jahren, seitdem du auf mich aufmerksam wurdest, erschaffen haben. Doch es fehlt mir seit einiger Zeit sehr, denn diesen Pfad haben wir nun verlassen. Es geht seit über zwei Jahren ausschließlich um deine Gesundheit und ich verstehe das absolut. Das alles überschattet die Kreativität, den Impuls, der einst fiktive und reale Welten bewegte und aus dem überaus fruchtbare Projekte entstanden sind. Du erinnerst dich? Es fehlt mir, das sage ich aus vollem Herzen, denn mein Bekanntenkreis hat nicht viele solcher Menschen, die auf jedem Parkett aktiv und firm sind und mit denen man sich so hochqualitativ und inspirierend austauschen kann. Leider haben die Wenigsten ernsthaft was selbst zu sagen – sie saugen auf, was andere sagen.

Ach, Pierre – es tut mir so leid, zu sehen, wie dein brillanter Geist Federn lässt, du zu einer „Ich-Figur“ mutierst und der Mittelpunkt nur noch für dich selbst geworden bist. Austausch adé, Philosophie adé, Kreativität adé. Aber solche geistig verwöhnten Menschen wie ich müssen wohl akzeptieren, dass es nur wenige Mentoren gibt, die einen im Leben begleiten. DU bist einer davon und dafür nochmals meinen ehrlichen Dank. Übrigens: Ich sehe keinen Affen, der Viagra schluckt. Ich sehe einen verzweifelten Mann, der die Hoffnung nie aufgeben möchte, aber ich sehe auch eine letzte Etappe deines Weges, der unserer langjährigen Freundschaft noch einiges abverlangen wird. Sei sicher – ich bin dabei!

 

Eine herzliche Umarmung,

 

Petra

© Petra M. Jansen

 

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

 

Liebe Petra,

Kann das Jucken mich anregen, etwas zu schreiben?

Leute, ich will euch nicht verschaukeln, aber ich bin ein Affe geworden. Nicht einer, der den Urwald durchkreuzt, eher einer, der sich unter Menschen wohlfühlt. Deshalb habe ich mich entschlossen, ein Zoo-Affe zu werden, der die anderen aufklärt, was mit ihrem kleinen Pimmel zu leisten ist. Ich habe dies im Gehege bei den Kommilitonen, die in der Lage sind, den ganzen Tag erregt zu sein (und dies ohne Hilfe des Viagra), angesprochen. „Du, es geht nur um die Fantasie!“ Im zoologischen Garten bekommt man eine Menge mit, vor allem über das Verhalten der Menschen. Ich erfuhr sehr bald, dass ohne Sexspiele für die meisten unter ihnen die Welt sehr öde wäre. Jetzt kommt er wieder mit seinen Mätzchen, der Pierre! Wäre er nicht in einem Alter, sich um seine Seele zu kümmern, sie wieder auf Trab zu bringen? Und dies vor der Begegnung mit den Würmern? Was führt mich dazu die Erotik zur Hilfe zu rufen? Vielleicht das Bedürfnis nicht alleine vor dem Tod zu stehen. Mit zunehmendem Alter ist die Hilflosigkeit, die durch einen Mangel an Kräften verursacht wird, eines der größten Hindernisse. Und wenn darüber hinaus Ruhe im Puff angesagt ist, kann Verzweiflung entstehen. Wenn wir alten Böcke uns treffen, geht es hauptsächlich darum, sich in die Jugend zu versetzen, in die Zeiten, in denen alles wie geölt ging – so auch die Erinnerung, die ich über die erste Liebe hatte. Dass das nicht so harmonisch ging, habe ich versucht zu vergessen. Nur die Affen haben mich darauf angesprochen. Ich hätte mich wie sie gerne ausgetobt, aber wenn gestreikt wird, kann man einpacken. Scheiß Schwanz!

Fingerspiele?

Zurück zu den Affen. Sie schauten mich melancholisch an, wie es nur die Primaten fertig bringen. Es war ihnen nicht zum Lachen, denn in der Gefangenschaft kommt man auf falsche Gedanken. Für Wesen, die es gewohnt sind, sich in ihrem natürlichen Umfeld frei herumzutreiben, muss es schrecklich sein, Tag für Tag auf eine paar Quadratmetern Beton leben zu müssen und dies vor einer Kulisse grinsender Menschen, die sie wie Voyeure anstarren. Sie geben sich dem Spektakel hin, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ich bin mir sicher, dass die Affen – wie wir auch – sehr auf ihre Intimität achten. Wie sollten sie den Liebesakt ohne Bäume verborgen vollbringen? Ist man sich nicht bewusst, dass man meinen Brüdern und Schwestern die seelische Freiheit raubt? Sie in Pornoakteure verwandelt hat? Die Menschen haben noch die Gelegenheit nein zu sagen, die Affen nicht. Wer für die Menschenrechte kämpfen will, muss sich auch für die Affen einsetzen. Ich empfinde es immer als schrecklich, wenn Leute sich über Tiere lustig machen und sie missachten und da kommen wir zu dem vorhergesehenen Verbot, sie im Zirkus spielen zu lassen. Ich wollte von einem Zirkusaffen erfahren wie er dazu steht. Er konnte nicht verstehen, was ich von ihm wollte, weil er sich für einen Menschen hielt und bis heute bleibt er mir eine Antwort schuldig. Auch wenn ich es schade finde, dass der Zirkus sich von seinen Tieren trennen wird, denke ich immer mehr, dass sie dort nichts zu verlieren haben. Wer Spaß hat, einen Affen onanieren zu sehen, sollte sich die Fragen stellen, wie spaßig es wäre, das Gleiche für sich selbst in der Fußgängerzone vor den Passanten auszuüben.

Wenn wir schon beim Affen sind, bleiben wir bei ihm.

Wer sich mit Fabeln befasst, kommt von der Tierwelt einfach nicht los. In diesem präzisen Fall vom Affen-Dasein, war es klar, dass wir zu den Primaten gehören. Ein Gelehrter schaute mich mit Argwohn an. „Wenn es der Fall wäre, müsste ich mich ständig kratzen!“ Wer als Mensch etwas von sich hält, kratzt sich schon an der Oberfläche, wie der Affe auch und jetzt weiß ich nicht genau, wie ich diese Geschichte fortsetzen soll. Wie wäre es mit der Liebe? Der Senior der Affen und ich mussten feststellen, dass sie eher eine Quelle der Grausamkeiten sein kann – wie im Krimi, den ich vorhin gesehen habe, ohne ausnahmsweise einzuschlafen. Das bedeutet, dass ich die Story halbwegs verstanden habe. Es ging um den Mord an einer Frau durch Eifersucht. Von einer höchst komplizierten Aktion war die Rede, die alles andere war, als spannend zu sein. Freunde, jetzt weiß ich was ich euch mitteilen will. „Schieß los!“ sagte mir der Affe. „Ich glaube, dass es besser gewesen wäre zu pennen, als mir diesen Unsinn anzusehen.“ Und dann stockte meine Stimme, weil mir nichts mehr einfiel. Ich ging zu Bett mit der Hoffnung auf andere Gedanken zu kommen, aber sie machten nur Faxen, um mich zu ermuntern. Als sie sahen, dass ich zu müde war, um zu reagieren, fragten sie mich: „Wie wäre es mit etwas Poppen?“ Würde ich davon nicht verschont bleiben? Ich schlief sofort ein und nahm somit Abschied vom Sex. Das ist das Los derjenigen, die nicht wissen wohin sie den Karren führen sollen.  Affen-Geschichten, die nicht schweinisch sind, wenn sie den tierischen Ernst nicht in die Wüste schicken. Und das ist wahr.

 

Das Gedicht

 

Wenn die Gedanken in die Falle fallen,

weil der Kopf zu müde ist, weiter Blödsinn

zu verzapfen, wäre nicht eine Feuerpause

von Nöten? Das Fatale dabei ist die Angst,

dass meine Fantasie versandet, dass ich

dabei leicht senil werden könnte. Gut, dass

die Affen zur Hilfe geeilt sind, mich umarmt haben.

Die Müdigkeit klammert sich an mich, lässt

mich in ihrer Trägheit nicht los! Ist das nicht

die Botschaft, dass ich langsam zum Tod

gleiten werde? Ist das nicht das, was der weise

Affe mir klarmachen will? Der Realität in die

Augen blicken. Aber um ihr zu entwischen,

habe ich mich in Affen-Geschichten geflüchtet.

Nur mit einer gewissen Ironie, habe ich mir

Vorgenommen, von dem Affen-Dasein Abschied

zu nehmen. Aber was ich als eine Verarschung

meiner selbst betrachte, ist der bittere Ernst. Geht es

mir nicht darum, einen halbwegs ehrenvollen

Abschied zu vollziehen? Wird das mir vergönnt

werden? Kann der Affe dazu etwas beitragen?

Ohne Kommentar.

Ich umarme Dich, liebe Petra!

 

Pierre

//pm

 

Sie kleben fest.

Die Wellen des Weite tragenden Ozeans weit hinter sich gelassen.

Heile Welt, kleine Welt.

Tägliche Maloche lässt tiefe Furchen in ihren Gesichtern entstehen.

Der Gartenzwerg stemmt zur inneren Befriedigung Hanteln und Gewichte,

um nicht als Hühnerbrust dazustehen.

Zischende Laute von sich gebend zeigt die sich überschlagende Zunge –

gehetzt vom inneren Zerriss.

Versteht das denn der Logopäde?

Es bleibt Raum für Interpretation zwischen jedem genuscheltem Ton.

Wie bitte? Was sagtest du?

Niemals von dem heimischen Logenplatz rutschend –

der ist zweifellos das Paradies auf Erden.

Draußen wartend ist doch nur der Spieß der Herden.

Hänge einen Faden an einen Ast und lass ihn baumeln.

Ja, er fällt immer wieder runter.

Die Ignoranz ist ihre Waffe.

Waffe derer, die nichts zu sagen haben.

Innere Null, draußen Fassade.

Tausende Kippen versuchen das beruhigende Spiel der emotionalen Balance

zu spielen.

Scheiß auf dich, Hühnerbrust.

Scheiß auf dich, qualmende Qualle –

den weiten Ozean zur Pfütze machend.

Und nie mit dem Wind getragen wird.

Scheiß auf dich, Hähnchen mit sich überschlagender Stimme.

Du bist ein Gassenheld.

Scheiß auf dich, Qualle.

Du verdienst die Möglichkeit des Schwimmens nicht.

Stemmend, nuschelnd, qualmend.

Nur drei Attribute, die für Zwang –

und n i c h t für Freiheit stehen.

 

 

© Petra M. Jansen

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Dein Tag ist erfüllt vom Unerfülltsein. Und du kaufst teuerste Sachen, die dann zerknittert in der Tüte liegen. Scheiß drauf, was es gekostet hat, es gab dir wieder mal ein gutes Gefühl, etwas vollbracht zu haben, dich zu heben und den Schein zu wahren. Verwahrlost gammelst du mit Jogginghosen, unrasiert mit gelben Zähnen. Für so ein paar Kröten den ganzen Tag malochen? Das tust du sicher nicht, denn es gibt ohnehin keinen Job, der dich interessiert. Steck dir eine Kippe an, versuche die Leere in deinem Kopf schön zu reden. Du bist der Held, auf den alle warten und in drei Jahren startest du dann endlich durch. Sobald du dich damit auseinandergesetzt hast, dass dieses System – das in deinen Augen eine große Kacke ist – vielleicht doch etwas Interessantes zu bieten hat. In der Zwischenzeit zockt und lockt die Playstation, Netflix hat auch rund um die Uhr was zu bieten. Aufstehen am frühen Morgen? Ja, wozu denn? Was sollst du denn mit all der freien Zeit anfangen, in der jeder andere arbeiten geht? Erst am Abend und am Wochenende haben sie wieder Zeit, also kannst du getrost tagsüber weiterschlafen. Lethargie statt Empathie ist die Devise und sollte es dir mal dreckig gehen, sind genügend Türen offen, wo du schnellen, warmen Unterschlupf finden kannst und sie deine Lügen glauben. Sie alle warten nur darauf, dir zu helfen und sind doch schlichtweg überfordert. Du bist hübsch. Du bist klug. Du bist ein wundervoller Mensch. Sich nur daran festzuhalten und auf dem Entwicklungsschritt eines Teenagers stehen zu bleiben, gibt dir die Illusion, du hättest alles im Griff und noch so unendlich viel Zeit. Dein Leben ist eine Jauchegrube und du merkst es nicht. Frei sein willst du? Du träumst davon, alles hinter dir zu lassen und hinaus in die Welt zu ziehen? Sei sicher, deine Probleme nimmst du mit. Sie kommen mit dir, kleben wie Ballast an deinem Hintern und niemand, niemand ist der Sündenbock für deine Lage. Du alleine kannst dir helfen, nur du alleine. So lange du in ausgebeulten Jogginghosen den einzigen Weg am Tag zum nächsten Supermarkt schaffst, wird sich das nicht ändern. Die Schmerztabletten versagen, wenn dein Kopf täglich hämmert und nach Änderung schreit. Begreife endlich, dass du dir eine kleine, sehr beschränkte Welt erschaffen hast. Sie gab dir einst den Kick und eröffnete dir illusorische Dimensionen, die das normale Leben in deinen Augen dir nicht bieten kann. Falsch. Dein Freiraum ist begrenzt und engt sich kontinuierlich ein, bis du nach Luft japst, wenn du merkst, dass sich die Schlinge um deinen Hals zugezogen hat. Kurze Momente der Euphorie, dann der Absturz, mit dem du nicht klarkommen kannst. Der Sog nach unten hat dir die Weite nach oben geraubt. Hast du es je bemerkt? Hast du überhaupt realisiert, dass du ein schlimmerer Gefangener in deinem System bist, als es die reale Welt je schaffen würde? Der Kick, der Endorphine, Glückshormone und Energie freisetzt, ist der schrittweise, garantierte Untergang. Er fesselt dich in die Antriebslosigkeit und zeigt dir niemals eine Perspektive, die du dringend brauchst, um wirklich stark zu werden. Sieh es ein, vor dir ist deine Leere, die unendlich Angst macht und dich immer wieder straucheln lässt. Fülle sie mit dem Mut, sich auf dich selbst zu verlassen und alles zu schaffen, was du wirklich willst. Schmeiß die Jogginghose in den Abfall und schau in den Spiegel, was du siehst. Schwarze Augenringe, bleiche Haut, ein runtergekommener Körper. Einst ein Held, der alle Berge erklimmen wollte. Lachend, strahlend, voller Ideen. Willst du ein Penner sein, unrasiert in Jogginghosen? Steh auf, wach auf – deine Welt ist eine Welt mit Realitätsverlust und ohne Lebensziele, die dir am Anfang die rosarote Brille zeigte und dich kurz, immer nur kurz und immer kürzer in gigantische Höhen katapultierte. Doch am Ende gibt es keine Steigerung, am Ende bist du ganz alleine und der Tod lacht dir in die Fresse.

  

© Petra M. Jansen

 

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Lieber Pierre,

Selbstreflexion ist dringend von Nöten und manchmal hilft das auch. Um mich herum sind viele Menschen mit diversen Auffälligkeiten. Dem einen machen sie zu schaffen, der andere merkt es gar nicht und denkt, er sei völlig normal. Was immer wir tun im Leben, wir sind angewiesen auf eine harmonische Balance zwischen unserem Seelenleben (der Psyche) und der körperlichen bzw. geistigen Funktionalität. Ob es nun Sinnesfindung, Esoterik, Schamanismus, Yoga oder Selbstfindungs-Workshops sind oder der geschulte Psychologe, spielt keine Rolle, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden, um mich sich selbst im Einklang zu sein. Ich halte weder etwas von Schamanismus und Globuli, noch von esoterischen Dingen und eigentlich auch wenig von Psychologen. Wenn jemand etwas ändern und bewegen kann, dann zweifellos immer nur der Mensch selbst. Dazu bedarf es einer kritischen Fokussierung auf das, was, wie und warum man so oder so ist. Man muss einen Schritt zurücktreten und versuchen, sich objektiv zu betrachten. Das fällt den meisten Menschen wirklich schwer, obwohl ein Außenstehender mit einer Portion Menschenkenntnis und Empathie den Knackpunkt schon längst erkannt hat. In deinem Fall, lieber Pierre – und ich möchte dir wahrhaftig nicht zu nahe treten, aber ich kenne dich nun viele, viele Jahre – steht an erster Stelle stets dein „Ich“. Jeder Satz beginnt mit „ich“ und jede Zeile beginnt mit „ich“. Und weil das „Ich“ wohl kaum wahrgenommen wird, setzt du hinter jede deiner Aussagen ein Ausrufezeichen, so als ob deine Worte keinerlei Gewichtung hätten. Dabei bist du ein ausgezeichneter Unterhalter, ein kluger Mann und ein hilfsbereiter Mensch, dem es nicht an Einfühlungsvermögen und Wissen fehlt. Doch du spürst dich nicht. Du spürst dich nur, wenn du Leistung bringst und nur dann, wenn du einen sichtbaren Output hervorbringst. Bist du als Mann tatsächlich nur anerkannt, wenn du etwas Kluges tust und leistest?

Es ist nicht neu, aber die Lösung liegt im Verstehen, sich fühlen, entspannen, loslassen, sich Fehler eingestehen, einmal nichts tun und auch um Hilfe bitten. Ich fühle mich nicht unbrauchbar, wenn ich einen freien Tag im Bett verbringe und Musik höre. Und wenn es mal einen Tag gibt, an dem ich nicht besonders produktiv war, dann ist es eben der nächste, na und? Es ist der „Flow“, den man zulassen muss und alles Erzwungene lässt den Menschen scheitern.

Sicherlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Depressionen oder psychische Erkrankungen kommen häufiger innerhalb des familiären Umfelds vor, das ist erwiesen. Kommt es jedoch zu ernsthaften psychosomatischen Störungen – wie in deinem Fall – werden die Ärzte nichts Organisches finden können, denn es ist in der Tat psychisch bedingt und liegt mit seiner Wurzel sehr lange zurück.

Was soll ich dir raten? Ich lebe nach dem Prinzip „Think positive“ und nutze die Kraft der positiven Gedanken. Das heißt, du musst etwas verinnerlichen und wirklich fühlen, sonst klappt es nicht. Niemals konzentrieren auf das, was Angst macht oder blockiert, das steht fest. Eine gesunde Abwägung ist ok…aber alles Negative macht krank. Lieber Pierre, ich kann dir leider ebenso wenig helfen wie alle Ärzte, die du in den vergangenen Jahren besucht hast. Das Problem liegt in deinem Kopf und so lange du dich sträubst, das „Ich“ mehr in den Hintergrund zu rücken, also der narzisstischen Auffälligkeit entgegenzuwirken, wird es weitergehen. Zudem bedeutet „loslassen“ echte Entspannung und auch tatsächlich loslassen. Das sind keine Worte, es sind Gefühle, die befreiend sind und Raum für Selbstreflexion bzw. „sich-selbst-Gutes-tun“ zulassen. So lange solche besprochenen Dinge aber nicht emotional nachgefühlt werden können, ist es schwierig.

Schau dir einen Drogensüchtigen an, der genau weiß, welchen Raubbau er mit seiner Gesundheit betreibt und sich bewusst in den Zustand des sich-zugrunde-Richtens gebracht hat. Wir wissen, dass hinter nahezu 90% der Fälle ein mangelndes Selbstwertgefühl steckt und eine starke Tendenz sich schlecht zu behandeln (unterbewusst). Aber jeder Mensch hat es verdient, dass er gut mit sich selbst umgehen kann und sich auch den nötigen Freiraum verschaffen darf, einmal „Nein“ zu sagen oder sich zurückzuziehen bzw. einfach mal nichts zu tun. Lass los, lieber Pierre und fühle deine eigene Wertigkeit, die man dir vielleicht vor vielen Jahren unbeabsichtigt genommen oder auch nie gegeben hat. Traue dir zu, dass du weiterlebst und gemocht wirst, auch wenn du nicht funktionierst wie sie es alle gewohnt sind. Nimm dir Zeit, in dich zu fühlen und das genau in dem Moment, an dem du rein gar nichts tust. Fühlt sich das schlecht an? Bringt es dich durcheinander und hast du das Gefühl, du musst sofort in blinden Aktivismus verfallen? Das hatten wir schon, du erinnerst dich? Blinder Aktivismus als Kompensation, um sich nicht ehrlich fühlen zu müssen. Wenn du dort ansetzt und mehr an dem „Du“ interessiert bist als an dem „Ich“, dann glaube ich – ohne ein Psychologe zu sein – dass du auf dem besseren Weg bist.

Siehst du meine gedrückten Daumen?

 

Herzliche Grüße

Petra

 

© Petra M. Jansen

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