Lieber Pierre,

dein letzter Brief hat bei mir für Entsetzen, Sorge, Kopfschütteln und Lächeln gesorgt. Immerhin – wenn man die ersthaften Sorgen und den offenkundigen Verfall nahestehender Menschen miterlebt. So hart es klingen mag und wir es niemandem wünschen, so wahr ist es auch, dass wir alle eines Tages den Hut nehmen und uns verabschieden müssen. Der eine früher, der andere später. Der eine mit langjährigen Schmerzen und Entbehrungen, der andere plötzlich und unerwartet oder durch einen tragischen Unfall. Wie schnell es gehen kann, sehen wir derzeit an der unglaublichen Pandemie des Corvid-19-Virus, der weltweit um sich greift und bereits mehrere tausend Menschen das Leben gekostet hat. Dennoch: Lebewesen sind angreifbar und alles, was lebt, stirbt eines Tages. Ich komme zurück zu dir und bitte, Pierre gestatte mir die ehrliche Aussage, dass es mir unendlich leid tut, einen dermaßen hochintelligenten, intellektuellen Mann, der so vieles in seinen Fernseh-Dokumentationen und Bühnenstücken bewegt hat, in den Abgrund rudern zu sehen. Wie viele Jahre haben wir beide philosophiert und uns auf hoher geistiger Ebene ausgetauscht, Themen nachts am Telefon gewälzt und höchst kreative Outputs gehabt? Wenn mir einer in den letzten Jahren das Rüstzeug für gute Regiearbeit oder kulturelles Wissen oder auch in psychologischen Dingen mitgegeben hat, dass warst du im Wesentlichen auch daran beteiligt. Es war ein wahres Wunderwerk an gemeinsamer Arbeit, die wir in den Jahren, seitdem du auf mich aufmerksam wurdest, erschaffen haben. Doch es fehlt mir seit einiger Zeit sehr, denn diesen Pfad haben wir nun verlassen. Es geht seit über zwei Jahren ausschließlich um deine Gesundheit und ich verstehe das absolut. Das alles überschattet die Kreativität, den Impuls, der einst fiktive und reale Welten bewegte und aus dem überaus fruchtbare Projekte entstanden sind. Du erinnerst dich? Es fehlt mir, das sage ich aus vollem Herzen, denn mein Bekanntenkreis hat nicht viele solcher Menschen, die auf jedem Parkett aktiv und firm sind und mit denen man sich so hochqualitativ und inspirierend austauschen kann. Leider haben die Wenigsten ernsthaft was selbst zu sagen – sie saugen auf, was andere sagen.

Ach, Pierre – es tut mir so leid, zu sehen, wie dein brillanter Geist Federn lässt, du zu einer „Ich-Figur“ mutierst und der Mittelpunkt nur noch für dich selbst geworden bist. Austausch adé, Philosophie adé, Kreativität adé. Aber solche geistig verwöhnten Menschen wie ich müssen wohl akzeptieren, dass es nur wenige Mentoren gibt, die einen im Leben begleiten. DU bist einer davon und dafür nochmals meinen ehrlichen Dank. Übrigens: Ich sehe keinen Affen, der Viagra schluckt. Ich sehe einen verzweifelten Mann, der die Hoffnung nie aufgeben möchte, aber ich sehe auch eine letzte Etappe deines Weges, der unserer langjährigen Freundschaft noch einiges abverlangen wird. Sei sicher – ich bin dabei!

 

Eine herzliche Umarmung,

 

Petra

© Petra M. Jansen

 

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Liebe Petra,

Kann das Jucken mich anregen, etwas zu schreiben?

Leute, ich will euch nicht verschaukeln, aber ich bin ein Affe geworden. Nicht einer, der den Urwald durchkreuzt, eher einer, der sich unter Menschen wohlfühlt. Deshalb habe ich mich entschlossen, ein Zoo-Affe zu werden, der die anderen aufklärt, was mit ihrem kleinen Pimmel zu leisten ist. Ich habe dies im Gehege bei den Kommilitonen, die in der Lage sind, den ganzen Tag erregt zu sein (und dies ohne Hilfe des Viagra), angesprochen. „Du, es geht nur um die Fantasie!“ Im zoologischen Garten bekommt man eine Menge mit, vor allem über das Verhalten der Menschen. Ich erfuhr sehr bald, dass ohne Sexspiele für die meisten unter ihnen die Welt sehr öde wäre. Jetzt kommt er wieder mit seinen Mätzchen, der Pierre! Wäre er nicht in einem Alter, sich um seine Seele zu kümmern, sie wieder auf Trab zu bringen? Und dies vor der Begegnung mit den Würmern? Was führt mich dazu die Erotik zur Hilfe zu rufen? Vielleicht das Bedürfnis nicht alleine vor dem Tod zu stehen. Mit zunehmendem Alter ist die Hilflosigkeit, die durch einen Mangel an Kräften verursacht wird, eines der größten Hindernisse. Und wenn darüber hinaus Ruhe im Puff angesagt ist, kann Verzweiflung entstehen. Wenn wir alten Böcke uns treffen, geht es hauptsächlich darum, sich in die Jugend zu versetzen, in die Zeiten, in denen alles wie geölt ging – so auch die Erinnerung, die ich über die erste Liebe hatte. Dass das nicht so harmonisch ging, habe ich versucht zu vergessen. Nur die Affen haben mich darauf angesprochen. Ich hätte mich wie sie gerne ausgetobt, aber wenn gestreikt wird, kann man einpacken. Scheiß Schwanz!

Fingerspiele?

Zurück zu den Affen. Sie schauten mich melancholisch an, wie es nur die Primaten fertig bringen. Es war ihnen nicht zum Lachen, denn in der Gefangenschaft kommt man auf falsche Gedanken. Für Wesen, die es gewohnt sind, sich in ihrem natürlichen Umfeld frei herumzutreiben, muss es schrecklich sein, Tag für Tag auf eine paar Quadratmetern Beton leben zu müssen und dies vor einer Kulisse grinsender Menschen, die sie wie Voyeure anstarren. Sie geben sich dem Spektakel hin, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ich bin mir sicher, dass die Affen – wie wir auch – sehr auf ihre Intimität achten. Wie sollten sie den Liebesakt ohne Bäume verborgen vollbringen? Ist man sich nicht bewusst, dass man meinen Brüdern und Schwestern die seelische Freiheit raubt? Sie in Pornoakteure verwandelt hat? Die Menschen haben noch die Gelegenheit nein zu sagen, die Affen nicht. Wer für die Menschenrechte kämpfen will, muss sich auch für die Affen einsetzen. Ich empfinde es immer als schrecklich, wenn Leute sich über Tiere lustig machen und sie missachten und da kommen wir zu dem vorhergesehenen Verbot, sie im Zirkus spielen zu lassen. Ich wollte von einem Zirkusaffen erfahren wie er dazu steht. Er konnte nicht verstehen, was ich von ihm wollte, weil er sich für einen Menschen hielt und bis heute bleibt er mir eine Antwort schuldig. Auch wenn ich es schade finde, dass der Zirkus sich von seinen Tieren trennen wird, denke ich immer mehr, dass sie dort nichts zu verlieren haben. Wer Spaß hat, einen Affen onanieren zu sehen, sollte sich die Fragen stellen, wie spaßig es wäre, das Gleiche für sich selbst in der Fußgängerzone vor den Passanten auszuüben.

Wenn wir schon beim Affen sind, bleiben wir bei ihm.

Wer sich mit Fabeln befasst, kommt von der Tierwelt einfach nicht los. In diesem präzisen Fall vom Affen-Dasein, war es klar, dass wir zu den Primaten gehören. Ein Gelehrter schaute mich mit Argwohn an. „Wenn es der Fall wäre, müsste ich mich ständig kratzen!“ Wer als Mensch etwas von sich hält, kratzt sich schon an der Oberfläche, wie der Affe auch und jetzt weiß ich nicht genau, wie ich diese Geschichte fortsetzen soll. Wie wäre es mit der Liebe? Der Senior der Affen und ich mussten feststellen, dass sie eher eine Quelle der Grausamkeiten sein kann – wie im Krimi, den ich vorhin gesehen habe, ohne ausnahmsweise einzuschlafen. Das bedeutet, dass ich die Story halbwegs verstanden habe. Es ging um den Mord an einer Frau durch Eifersucht. Von einer höchst komplizierten Aktion war die Rede, die alles andere war, als spannend zu sein. Freunde, jetzt weiß ich was ich euch mitteilen will. „Schieß los!“ sagte mir der Affe. „Ich glaube, dass es besser gewesen wäre zu pennen, als mir diesen Unsinn anzusehen.“ Und dann stockte meine Stimme, weil mir nichts mehr einfiel. Ich ging zu Bett mit der Hoffnung auf andere Gedanken zu kommen, aber sie machten nur Faxen, um mich zu ermuntern. Als sie sahen, dass ich zu müde war, um zu reagieren, fragten sie mich: „Wie wäre es mit etwas Poppen?“ Würde ich davon nicht verschont bleiben? Ich schlief sofort ein und nahm somit Abschied vom Sex. Das ist das Los derjenigen, die nicht wissen wohin sie den Karren führen sollen.  Affen-Geschichten, die nicht schweinisch sind, wenn sie den tierischen Ernst nicht in die Wüste schicken. Und das ist wahr.

 

Das Gedicht

 

Wenn die Gedanken in die Falle fallen,

weil der Kopf zu müde ist, weiter Blödsinn

zu verzapfen, wäre nicht eine Feuerpause

von Nöten? Das Fatale dabei ist die Angst,

dass meine Fantasie versandet, dass ich

dabei leicht senil werden könnte. Gut, dass

die Affen zur Hilfe geeilt sind, mich umarmt haben.

Die Müdigkeit klammert sich an mich, lässt

mich in ihrer Trägheit nicht los! Ist das nicht

die Botschaft, dass ich langsam zum Tod

gleiten werde? Ist das nicht das, was der weise

Affe mir klarmachen will? Der Realität in die

Augen blicken. Aber um ihr zu entwischen,

habe ich mich in Affen-Geschichten geflüchtet.

Nur mit einer gewissen Ironie, habe ich mir

Vorgenommen, von dem Affen-Dasein Abschied

zu nehmen. Aber was ich als eine Verarschung

meiner selbst betrachte, ist der bittere Ernst. Geht es

mir nicht darum, einen halbwegs ehrenvollen

Abschied zu vollziehen? Wird das mir vergönnt

werden? Kann der Affe dazu etwas beitragen?

Ohne Kommentar.

Ich umarme Dich, liebe Petra!

 

Pierre

//pm

 

Sie kleben fest.

Die Wellen des Weite tragenden Ozeans weit hinter sich gelassen.

Heile Welt, kleine Welt.

Tägliche Maloche lässt tiefe Furchen in ihren Gesichtern entstehen.

Der Gartenzwerg stemmt zur inneren Befriedigung Hanteln und Gewichte,

um nicht als Hühnerbrust dazustehen.

Zischende Laute von sich gebend zeigt die sich überschlagende Zunge –

gehetzt vom inneren Zerriss.

Versteht das denn der Logopäde?

Es bleibt Raum für Interpretation zwischen jedem genuscheltem Ton.

Wie bitte? Was sagtest du?

Niemals von dem heimischen Logenplatz rutschend –

der ist zweifellos das Paradies auf Erden.

Draußen wartend ist doch nur der Spieß der Herden.

Hänge einen Faden an einen Ast und lass ihn baumeln.

Ja, er fällt immer wieder runter.

Die Ignoranz ist ihre Waffe.

Waffe derer, die nichts zu sagen haben.

Innere Null, draußen Fassade.

Tausende Kippen versuchen das beruhigende Spiel der emotionalen Balance

zu spielen.

Scheiß auf dich, Hühnerbrust.

Scheiß auf dich, qualmende Qualle –

den weiten Ozean zur Pfütze machend.

Und nie mit dem Wind getragen wird.

Scheiß auf dich, Hähnchen mit sich überschlagender Stimme.

Du bist ein Gassenheld.

Scheiß auf dich, Qualle.

Du verdienst die Möglichkeit des Schwimmens nicht.

Stemmend, nuschelnd, qualmend.

Nur drei Attribute, die für Zwang –

und n i c h t für Freiheit stehen.

 

 

© Petra M. Jansen

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Dein Tag ist erfüllt vom Unerfülltsein. Und du kaufst teuerste Sachen, die dann zerknittert in der Tüte liegen. Scheiß drauf, was es gekostet hat, es gab dir wieder mal ein gutes Gefühl, etwas vollbracht zu haben, dich zu heben und den Schein zu wahren. Verwahrlost gammelst du mit Jogginghosen, unrasiert mit gelben Zähnen. Für so ein paar Kröten den ganzen Tag malochen? Das tust du sicher nicht, denn es gibt ohnehin keinen Job, der dich interessiert. Steck dir eine Kippe an, versuche die Leere in deinem Kopf schön zu reden. Du bist der Held, auf den alle warten und in drei Jahren startest du dann endlich durch. Sobald du dich damit auseinandergesetzt hast, dass dieses System – das in deinen Augen eine große Kacke ist – vielleicht doch etwas Interessantes zu bieten hat. In der Zwischenzeit zockt und lockt die Playstation, Netflix hat auch rund um die Uhr was zu bieten. Aufstehen am frühen Morgen? Ja, wozu denn? Was sollst du denn mit all der freien Zeit anfangen, in der jeder andere arbeiten geht? Erst am Abend und am Wochenende haben sie wieder Zeit, also kannst du getrost tagsüber weiterschlafen. Lethargie statt Empathie ist die Devise und sollte es dir mal dreckig gehen, sind genügend Türen offen, wo du schnellen, warmen Unterschlupf finden kannst und sie deine Lügen glauben. Sie alle warten nur darauf, dir zu helfen und sind doch schlichtweg überfordert. Du bist hübsch. Du bist klug. Du bist ein wundervoller Mensch. Sich nur daran festzuhalten und auf dem Entwicklungsschritt eines Teenagers stehen zu bleiben, gibt dir die Illusion, du hättest alles im Griff und noch so unendlich viel Zeit. Dein Leben ist eine Jauchegrube und du merkst es nicht. Frei sein willst du? Du träumst davon, alles hinter dir zu lassen und hinaus in die Welt zu ziehen? Sei sicher, deine Probleme nimmst du mit. Sie kommen mit dir, kleben wie Ballast an deinem Hintern und niemand, niemand ist der Sündenbock für deine Lage. Du alleine kannst dir helfen, nur du alleine. So lange du in ausgebeulten Jogginghosen den einzigen Weg am Tag zum nächsten Supermarkt schaffst, wird sich das nicht ändern. Die Schmerztabletten versagen, wenn dein Kopf täglich hämmert und nach Änderung schreit. Begreife endlich, dass du dir eine kleine, sehr beschränkte Welt erschaffen hast. Sie gab dir einst den Kick und eröffnete dir illusorische Dimensionen, die das normale Leben in deinen Augen dir nicht bieten kann. Falsch. Dein Freiraum ist begrenzt und engt sich kontinuierlich ein, bis du nach Luft japst, wenn du merkst, dass sich die Schlinge um deinen Hals zugezogen hat. Kurze Momente der Euphorie, dann der Absturz, mit dem du nicht klarkommen kannst. Der Sog nach unten hat dir die Weite nach oben geraubt. Hast du es je bemerkt? Hast du überhaupt realisiert, dass du ein schlimmerer Gefangener in deinem System bist, als es die reale Welt je schaffen würde? Der Kick, der Endorphine, Glückshormone und Energie freisetzt, ist der schrittweise, garantierte Untergang. Er fesselt dich in die Antriebslosigkeit und zeigt dir niemals eine Perspektive, die du dringend brauchst, um wirklich stark zu werden. Sieh es ein, vor dir ist deine Leere, die unendlich Angst macht und dich immer wieder straucheln lässt. Fülle sie mit dem Mut, sich auf dich selbst zu verlassen und alles zu schaffen, was du wirklich willst. Schmeiß die Jogginghose in den Abfall und schau in den Spiegel, was du siehst. Schwarze Augenringe, bleiche Haut, ein runtergekommener Körper. Einst ein Held, der alle Berge erklimmen wollte. Lachend, strahlend, voller Ideen. Willst du ein Penner sein, unrasiert in Jogginghosen? Steh auf, wach auf – deine Welt ist eine Welt mit Realitätsverlust und ohne Lebensziele, die dir am Anfang die rosarote Brille zeigte und dich kurz, immer nur kurz und immer kürzer in gigantische Höhen katapultierte. Doch am Ende gibt es keine Steigerung, am Ende bist du ganz alleine und der Tod lacht dir in die Fresse.

  

© Petra M. Jansen

 

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Lieber Pierre,

Selbstreflexion ist dringend von Nöten und manchmal hilft das auch. Um mich herum sind viele Menschen mit diversen Auffälligkeiten. Dem einen machen sie zu schaffen, der andere merkt es gar nicht und denkt, er sei völlig normal. Was immer wir tun im Leben, wir sind angewiesen auf eine harmonische Balance zwischen unserem Seelenleben (der Psyche) und der körperlichen bzw. geistigen Funktionalität. Ob es nun Sinnesfindung, Esoterik, Schamanismus, Yoga oder Selbstfindungs-Workshops sind oder der geschulte Psychologe, spielt keine Rolle, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden, um mich sich selbst im Einklang zu sein. Ich halte weder etwas von Schamanismus und Globuli, noch von esoterischen Dingen und eigentlich auch wenig von Psychologen. Wenn jemand etwas ändern und bewegen kann, dann zweifellos immer nur der Mensch selbst. Dazu bedarf es einer kritischen Fokussierung auf das, was, wie und warum man so oder so ist. Man muss einen Schritt zurücktreten und versuchen, sich objektiv zu betrachten. Das fällt den meisten Menschen wirklich schwer, obwohl ein Außenstehender mit einer Portion Menschenkenntnis und Empathie den Knackpunkt schon längst erkannt hat. In deinem Fall, lieber Pierre – und ich möchte dir wahrhaftig nicht zu nahe treten, aber ich kenne dich nun viele, viele Jahre – steht an erster Stelle stets dein „Ich“. Jeder Satz beginnt mit „ich“ und jede Zeile beginnt mit „ich“. Und weil das „Ich“ wohl kaum wahrgenommen wird, setzt du hinter jede deiner Aussagen ein Ausrufezeichen, so als ob deine Worte keinerlei Gewichtung hätten. Dabei bist du ein ausgezeichneter Unterhalter, ein kluger Mann und ein hilfsbereiter Mensch, dem es nicht an Einfühlungsvermögen und Wissen fehlt. Doch du spürst dich nicht. Du spürst dich nur, wenn du Leistung bringst und nur dann, wenn du einen sichtbaren Output hervorbringst. Bist du als Mann tatsächlich nur anerkannt, wenn du etwas Kluges tust und leistest?

Es ist nicht neu, aber die Lösung liegt im Verstehen, sich fühlen, entspannen, loslassen, sich Fehler eingestehen, einmal nichts tun und auch um Hilfe bitten. Ich fühle mich nicht unbrauchbar, wenn ich einen freien Tag im Bett verbringe und Musik höre. Und wenn es mal einen Tag gibt, an dem ich nicht besonders produktiv war, dann ist es eben der nächste, na und? Es ist der „Flow“, den man zulassen muss und alles Erzwungene lässt den Menschen scheitern.

Sicherlich kommen mehrere Faktoren zusammen. Depressionen oder psychische Erkrankungen kommen häufiger innerhalb des familiären Umfelds vor, das ist erwiesen. Kommt es jedoch zu ernsthaften psychosomatischen Störungen – wie in deinem Fall – werden die Ärzte nichts Organisches finden können, denn es ist in der Tat psychisch bedingt und liegt mit seiner Wurzel sehr lange zurück.

Was soll ich dir raten? Ich lebe nach dem Prinzip „Think positive“ und nutze die Kraft der positiven Gedanken. Das heißt, du musst etwas verinnerlichen und wirklich fühlen, sonst klappt es nicht. Niemals konzentrieren auf das, was Angst macht oder blockiert, das steht fest. Eine gesunde Abwägung ist ok…aber alles Negative macht krank. Lieber Pierre, ich kann dir leider ebenso wenig helfen wie alle Ärzte, die du in den vergangenen Jahren besucht hast. Das Problem liegt in deinem Kopf und so lange du dich sträubst, das „Ich“ mehr in den Hintergrund zu rücken, also der narzisstischen Auffälligkeit entgegenzuwirken, wird es weitergehen. Zudem bedeutet „loslassen“ echte Entspannung und auch tatsächlich loslassen. Das sind keine Worte, es sind Gefühle, die befreiend sind und Raum für Selbstreflexion bzw. „sich-selbst-Gutes-tun“ zulassen. So lange solche besprochenen Dinge aber nicht emotional nachgefühlt werden können, ist es schwierig.

Schau dir einen Drogensüchtigen an, der genau weiß, welchen Raubbau er mit seiner Gesundheit betreibt und sich bewusst in den Zustand des sich-zugrunde-Richtens gebracht hat. Wir wissen, dass hinter nahezu 90% der Fälle ein mangelndes Selbstwertgefühl steckt und eine starke Tendenz sich schlecht zu behandeln (unterbewusst). Aber jeder Mensch hat es verdient, dass er gut mit sich selbst umgehen kann und sich auch den nötigen Freiraum verschaffen darf, einmal „Nein“ zu sagen oder sich zurückzuziehen bzw. einfach mal nichts zu tun. Lass los, lieber Pierre und fühle deine eigene Wertigkeit, die man dir vielleicht vor vielen Jahren unbeabsichtigt genommen oder auch nie gegeben hat. Traue dir zu, dass du weiterlebst und gemocht wirst, auch wenn du nicht funktionierst wie sie es alle gewohnt sind. Nimm dir Zeit, in dich zu fühlen und das genau in dem Moment, an dem du rein gar nichts tust. Fühlt sich das schlecht an? Bringt es dich durcheinander und hast du das Gefühl, du musst sofort in blinden Aktivismus verfallen? Das hatten wir schon, du erinnerst dich? Blinder Aktivismus als Kompensation, um sich nicht ehrlich fühlen zu müssen. Wenn du dort ansetzt und mehr an dem „Du“ interessiert bist als an dem „Ich“, dann glaube ich – ohne ein Psychologe zu sein – dass du auf dem besseren Weg bist.

Siehst du meine gedrückten Daumen?

 

Herzliche Grüße

Petra

 

© Petra M. Jansen

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Liebe Petra,

mit Verspätung dieser Brief. Zurzeit haben sich meine Schmerzen zurückgemeldet und das macht mich mürbe.

Der Schraubstock

Seit meiner Kindheit bin ich von Schmerzen befallen. Bis heute konnte kein Arzt erklären, warum ich das erleiden sollte, denn meine Organe waren und sind gesund. Bin ich ein Hypochonder? Das kann nicht sein, weil meine Mutter diese Gattung Menschen hasste. Wollte ich von ihr gehasst werden, um wenigstens das Gefühl zu haben, einen Platz zwischen ihr und meinem Vater zu haben, um genauso Liebe erfahren zu können? War das der Grund meiner Schmerzen? Haben sie sich derart in mich gefräst, dass sie noch heute vorhanden sind? Ist der Ursprung psychisch? Es schaudert mich daran zu denken, weil das bedeuten würde, dass sich der Mensch durch eine selbst ausgeführte Gehirnwäsche – wie bei einer Autoimmunkrankheit – vernichten kann. Ich weiß heute nicht, ob meine Wahnvorstellungen begründet sind oder nicht, aber eines steht fest, ich habe mich bisher nicht von ihnen trennen können. Ich habe mich bemüht, ein neues Verhältnis zu meiner Jugend aufzubauen und war am Ende meiner Psychoanalyse ganz nah, meine Haltung zu ändern und endlich loszulassen, aber ich musste feststellen, dass dies nicht möglich war. Von einem Tag zum anderen wurden meine Schmerzen immer intensiver. Ich wollte mir einreden, dass es nur physische Gründe hatte, was eine Lüge ist.  Während der letzten Jahre habe ich gelernt, dass man sich nichts vorlügen sollte. Meine Tochter hat das wohl gespürt und das war der Grund warum sie mich bat, ein Theaterstück darüber zu schreiben. Das erzeugte bei mir eine Krise mit noch nie erreichten Schmerzen und doch war mir klar, dass ich diesem Weg folgen sollte für den Versuch, mich wieder mit meiner Seele in Einklang zu setzen, mich vor meinen Tod zu bewahren und von meinen Alpträumen Abschied zu nehmen.

Schmerz aus Mangel an Liebe?

Irgendwann im Laufe meiner Schmerztherapie musste ich mir die Frage stellen, ob mein Leiden einen Zusammenhang mit der Liebe haben konnte? Wie konnte es sein, dass ein Mensch wie ich, dem so viel Zuwendung geschenkt wurde, seitens meiner Frau und meiner Tochter, in dieses Elend geraten konnte? Es hat mir nie an Zuwendung in meinen Ehejahren gefehlt. Was konnte die Ursache sein? Irgendwann machte ein Arzt folgende Bemerkung, als er erfuhr, dass ich zwei Monate zu früh auf Erde kam. Eine der Ursachen meines Leidens war sehr wohl die Isolation, die ich empfand als ich im Brutkasten war. Anders als heute, konnten weder die Mutter noch der Vater Nähe zeigen. Es wäre nicht vorstellbar gewesen, Frühchen in die Arme oder auf den Bauch zu nehmen oder auf der Brust krabbeln zu lassen. Sehr wahrscheinlich entwickelte sich ein Trauma, das bis heute in mir vorhanden ist und das als eines der Verursacher meiner Schmerzen betrachtet werden kann. Deshalb stehe ich heute auf dem Standpunkt, dass sowohl die Liebe als auch die Sexualität eine entscheidende Rolle in der Schmerztherapie haben sollten. Libido kann kein Tabu sein, wenn damit Menschenleben gerettet werden können, wie man es in der Onkologie feststellte. Das Leiden mit der Liebe bekämpfen, ist bei weitem keine Mär. Als ich merkte, dass die Opiate meine Lust derart beeinträchtigten, machte ich Schluss damit. Sie hatten sich in das Intimste eingedrungen, was ich nicht hinnehmen wollte. Reine Manipulation – auch wenn der Schmerz damit verringert wurde. Ich könnte heute vor Wut schreien, mich derart verführt haben zu lassen. Lieber den Schmerz als diese Betäubung, er ist ehrlicher!

Der Glaube als Lebensversicherung?

Im Laufe meines Leidensweges gab es große Schwankungen, was mein Verhältnis mit meiner Seele anging. Zuerst rief ich Gott zur Hilfe, musste aber feststellen, dass er taub war. Hatte er seinen Sohn nicht kreuzigen lassen? Es versetzte mich in einem Ärger-Zustand. Ich hätte wahrscheinlich einen Schlusspunkt mit dem Glauben gemacht, wenn ich nicht Jesus getroffen hätte. Er gab mir zu verstehen, dass auch er schwer enttäuscht von Vater Gott gewesen sei, aber, dass es auf die eigene innere Haltung ankommen würde. Es ging um Liebe, nicht um Dogmen. Wenn man von Schmerzen derart heimgesucht wird wie ich es erlebe, macht man einen Kreuzweg. Ich denke deshalb, dass die Suche nach dem Geist in einer Leidensphase gegeben ist und dass ein sensibler Mensch keinen Umweg machen kann. Voraussetzung für mich ist die Ehrlichkeit. Ich habe verbergen wollen, dass ich auch von Zweifeln heimgesucht wurde. Heute stehe ich dazu, auch wenn ich sauer bin. Allmählich merkte ich, dass meine Schmerzen zu meinen Glauben gehören, dass sie auch ein fester Bestandteil meiner Gefühle sind. Kann man sie einfach beiseitelegen und so tun, als ob sie alleine aus pathologischen Gründen vorhanden sind? Wenn ich den Weg zu Gott wieder finden wollte, geht er nur über das Leid. Ist das nicht die Bedeutung von Golgatha? Auch wenn ich mit den Märtyrern meine Schwierigkeiten habe, ist es für mich schwer vorstellbar, dass die Suche nach der Seele anders geschehen kann. Hätte ich mich ohne Schmerzen damit befasst?

Frieden mit sich machen

Gesegnet sind die Menschen, die den Frieden innerlich erleben können! Wird das geschehen, wenn ich das Handtuch werfe? Werden die Schmerzen dazu beigetragen haben, dass ich mich besinne, dass ich mich offen für den Frieden seelisch einsetzen kann? Das ist bei weitem nicht sicher. Der Schmerz – machen wir uns nichts vor – ist kein Friedenstifter. Er hat mir die Augen geöffnet, mir das Bewusstsein verliehen, dass wir uns in einer Welt befinden, die eher das Böse propagiert und – wenn es dennoch zum Frieden kommt – dass das mehr ein Zufall ist, als eine göttliche Vorsehung. Ich muss leider zugeben, dass ich vom Zweifel heimgesucht bin, dass ich eigentlich vom Leben keine Wunder erwarte. Ich habe mich bemüht, meine Gedanken so zu formulieren, dass sie dennoch eine offene Tür zulassen, die zu mehr Hoffnung führen kann. Aber eines bin ich mir heute sicher, der Schmerz lässt keine Lügen zu. Er ist total ehrlich, was mir auch zu schaffen macht. Die Frage stellt sich, ob man überhaupt damit leben kann? Ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, solch eine Botschaft zu ertragen? Beim Calvinismus heißt es, dass alleine Gott verzeihen kann? Was nun, wenn der Kontakt abgebrochen ist? Wird er die Größe haben uns dennoch die Hand zu reichen? Darüber äußert er sich nicht. Warum ist er so streng zu Menschen, die gefoltert werden? Ist das in seinem Sinn? Ist er überhaupt in der Lage, uns Sünder zu verstehen oder will er uns in das Verderben hineinziehen? Ist es zulässig, uns durch die Schmerzen gefügig zu machen? Nein, ich lehne das ab.

 

Das Gedicht

 

Leidet der Mensch, weil er gesündigt hat?

Flucht er, weil er keinen Ausweg mehr

findet? Schreit er, weil er am Ende seiner

Kraft ist? Spuckt er seinen Groll aus, weil

er den Schmerz hasst? Muss er sich den

Trost anhören, der ihn mehr nötigt als

befreit? Kann er sich auf den Weg

nach Golgatha besinnen? So weit kommen,

dass er seinen Henkern vergeben soll?

Muss er Gott für seine Folter danken?

Ihn verehren, dass er ihn kaputt macht? Soll

er so unterwürfig sein? Soll er es?

Ich stemme mich gegen die Ungerechtigkeit.

Kann sie nicht als Segen betrachten, so wie

die Pfaffen uns einreden wollen. Es blutet in

mir, weil ich mir nichts mehr vorlügen will.

Muss ich mich dem Henker fügen, als

Zeichen meines Glaubens? Muss ich

mir Leid aus Liebe zu Gott zufügen? Soll

ich meine Würde verlieren, um meine Ergebenheit

zu beweisen? Kann Gott überhaupt Menschen

lieben, die ihren ganzen Rückhalt verschenkt

haben? Wenn das der Glaube ist, pfeife ich

mit Verlaub auf ihn.

Wenn der Schmerz Menschen zu Lakaien

macht, würde das bedeuten, dass es

mit Jesus nicht anders sein konnte, der

Mensch aus Liebe geworden ist. Ist das, das

was sich Vater Gott wünscht? Ist er ein

Rächer geworden, der sein Ego nur durch

Gewalt ausdrücken kann? Wenn es so wäre,

welch einen Hass verursacht er? Werde

ich vom Schmerz heimgesucht, weil ich solch

eine Haltung ablehne? Ich würde mich so

sehnen, ihn lieben zu können. Bei ihm den

Trost finden können, den ich so brauche.

 

Alles Liebe, Umarmung!

Pierre

 

//pm

 

Können Sie mit Scheinheiligkeit umgehen? Ich kann es nicht und ich rieche sie schon von weitem. Es stinkt gewaltig nach falscher Empathie, eigentlich tiefgründigem Neid und der unbändigen Lust, zu sehen, wenn es dem anderen dreckig geht oder der ebenso ein verkorkstes Leben hat wie der Neidhammel. Scheinheiligkeit kommt immer freundlich daher und erweckt zunächst den Anschein der Empathie oder des echten Interesses an einem anderen Menschen. Aber schlaue, lebenserfahrene Menschen haben schnell die Antennen ausgefahren und die Alarmglocken signalisieren „Obacht!“. Scheinheilige tun so als ob sie Sie mögen und Spaß an der Unterhaltung mit Ihnen haben. Sie wollen auf der gleichen Welle schwingen, wollen ein Wir-Gefühl vermitteln und wenn sie merken, dass man bei rein oberflächlichem Geplänkel bleibt und stets sein eigenes Ding durchzieht, schnappen sie ein und ringen innerlich nach Luft. Wie konnten Sie es wagen, einen Alleingang zu starten, ohne bereits im Vorfeld ausgiebig darüber geredet zu haben? Wie konnten Sie bloß so herzlos sein und diese neugierige, falsche Person so vor den Kopf zu stoßen und sich zu distanzieren? Wie ist es möglich gewesen, dass Sie sich freigestrampelt haben und ihre eigenen Entscheidungen über den Kopf derer getroffen haben? Ist Ihnen nicht klar, dass man Sie fortan meidet und allerhöchstens noch ein rausgequetschtes „Hi“ übrig bleibt? Also wirklich, wie konnten Sie so gemein sein und diesen Scheinheiligen den Wind aus den Segeln nehmen? Schließlich haben die immer einen guten Rat gegeben – egal, ob Sie es hören wollten oder nicht! Glauben Sie nicht, dass der Rat oder die ungefragten Vorschläge von Herzen kamen. Es kommt den Scheinheiligen gar nicht darauf an, ob Ihnen etwas gefällt oder nicht, Sie sich wohlfühlen und wie Sie mit den Angelegenheiten für sich selbst am besten umgehen. Es geht ihnen einzig und alleine darum, Ihnen deren Willen und Ideen aufzuschwatzen. Und wenn Sie daran kein Interesse haben, wird ein neuer Anlauf gestartet – vielleicht einige Monate später. Die Scheinheiligen verlieren dann ihre aufgesetzte Freundlichkeit, wenn sie merken, dass Sie ihnen entgleiten. Und weil sie insgeheim wissen, dass sie falsche Fuffziger sind, bekommen sie ein schlechtes Gewissen, was sie bestimmt nicht offen zugeben werden. Ab sofort werden Sie also gemieden, es ist vorbei mit der Höflichkeit und gute Wünsche können Sie vergessen. Alles, was Sie je zu solchen Leuten gesagt oder für Sie getan haben, war – salopp gesagt – für die Mülltonne und die kontrollieren die Scheinheiligen heimlich, um nachzusehen, wie Sie so leben, was sie konsumieren und erhoffen sich, dadurch einen Schnipsel ihres Lebens mitzukriegen. Sie müssen 24:7 auf der Hut sein, denn die werden nicht ruhen solange Ihnen alles gelingt und deren Leben höchst unattraktiv bleibt. Aber seien Sie ehrlich: So heilig haben Sie die ohnehin nie empfunden. Eher etwas krank im Hirn, oft konservativ und bieder, unflexibel und wenig empathisch. Und Sie haben es durchschaut: Des Scheinheiligen Freude ist ausnahmslos Ihre Misere oder Ihr Misserfolg und sie leiden unter einem vorgespielten „Ich-will-doch-nur-helfen-Syndrom“ (so eine Art bestimmende Mama oder Papa, die/ der immer das Zepter in der Hand hält und alles im Griff haben will – auch Sie). Doch soweit haben Sie es nicht kommen lassen und sich Menschen gesucht, die Ihnen auf Augenhöhe begegnen. Chapeau!

 

© Petra M. Jansen

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Niemals darf unterschätzt werden, was im Unterbewussten geschieht und selbstverständlich vordergründig von den Betroffenen nicht wahrgenommen wird. Wie denn auch? Sie leiden an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung und wer gibt das schon gerne zu? Vielleicht begann das alles in der Kindheit mit Essstörungen, Magersucht oder anderen Auffälligkeiten und vielleicht vererbte es das eine oder andere Elternteil weiter oder es liegt einfach in der Familie. Es gibt so unendlich viele verschiedene psychische Störungen und allzu schnell wird dem Gegenüber salopp eine egomanische Psychose oder so etwas angedichtet oder man wundert sich täglich über das absurde Verhalten eines Nächsten. Wo aber tatsächlich der genaue Unterschied zwischen Grenzüberschreitung, überzogenem, modernen Egoismus und respektlosem Nicht-Einhalten von einer gesunden Distanz und einer echten psychischen Störung liegt (hier: Manische Störung oder -Depression), ist nicht immer einfach. Bei längerem Hinsehen erkennen wir typische Alarmsignale, wie z. B.

–  übersteigerte Aktivität (stets finden sie was Neues, an was sie rumbasteln      müssen)

–  auffällige Unruhe, ständiger Aktivismus (der/ die muss immer irgendwas     wurschteln)

–   gesteigerte Leistungsfähigkeit und Kreativität (sieht aber nur so aus)   

–  ins Maßlose gesteigerte Selbstbewusstsein (hat alles im Griff, erscheint dominant)

–  Realitätsverlust (der Wahrheit wird nicht auf den Grund gegangen, Gerüchte und Vermutungen sind wichtiger)

– deutlich vermindertes Schlafbedürfnis

– Distanzlosigkeit im Umgang mit anderen Menschen (sie vereinnahmen andere Reviere)

– Enthemmung (sie plappern über alles Eklige bis Widerliche oder ihre Intimsphäre)

– verminderte Rücksicht (breiten sich überall aus, als seien sie alleine)

– verminderte Gefahrenwahrnehmung (oder Überängstlichkeit, wagen sich nicht mehr aus dem Haus)

– mangelnde Sensibilität für die Bedürfnisse und Gefühle der Mitmenschen (merken nicht, wenn sie penetrant vor deiner Nase herum agieren)

– manchmal Vernachlässigung von Nahrungsaufnahme und Körperhygiene (oder Fressattacken und extreme Pingeligkeit. Schrubben sogar die Bodenfugen).

Fakt ist, dass alle manisch Erkrankten unter einer Distanzlosigkeit leiden. Sie fangen mehrere Dinge an, finden kein Ende in ihrem Schaffen (ihnen fällt garantiert immer etwas Neues ein), verfallen oft sogar in einen exzessiven Kaufrausch, der ihre finanziellen Verhältnisse übersteigt. Dabei sammelt sich der ganze Kram überall in jeder Ecke, was zu einer Ausbreitung und Übergriff auf andere „Reviere“ führt. Gedanken machen sich die Manischen allerdings nicht, für sie ist das normal, sie sind sich keiner Schuld bewusst und geben eher den Anderen als sich selbst die Schuld. Dann sind sie mitunter schwer beleidigt und fühlen sich in ihrer Persönlichkeit gekränkt (mangelndes Selbstwertgefühl).

Der Umgang mit manischen Personen ist schwer. Oft bleibt einem nur der Rückzug, die klare Abgrenzung, denn jegliche Form eines konstruktiven Gesprächs wird scheitern. Zwar plagen sie insgeheim das schlechte Gewissen und Schuldgefühle, aber es löst nicht ihre vorhandene, bipolare Störung. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Forscher herausgefunden haben, dass offenbar die Gene verantwortlich sind und so ist es nicht verwunderlich, dass sich psychische Störungen innerhalb einer Familie häufen (z. B. Vater/ Sohn, Mutter/ Tochter). Das Schlimme an dieser Erkrankung ist, dass die Betroffenen sich selbst durchaus gesund fühlen und keinen Grund sehen, ihr Verhalten ändern zu müssen. Ihre Mitmenschen und das Umfeld allerdings haben keine andere Wahl, als kopfschüttelnd mit echtem Mitgefühl das Weite zu suchen. Übrig bleiben dann nur ganz wenige und das Ganze führt in jedem Fall in die soziale Isolation der manisch Kranken. Tja – wie so oft – die Psyche…

 

© Petra M. Jansen

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