20 Jahre alte Fotos zeigen den Kampf mit dem Älterwerden. Deine Sehnsucht nach der Jugend? Versagensängste, wenn die Realität die gemeinen Falten aufdeckt? Nicht sein, wie du wirklich bist? Nicht sagen, was du tatsächlich hast? Hinterher rennen. Zeit bleibt nicht still. Leben ist Geburt und Welken. Bildbearbeitung ist für´n Arsch. Zeige, wer du bist. Oder hast du Angst? Gebisse werden nicht erneuert. Zahnlücken stinken, die Fäulnis in deinem Mund ist ekelhaft. Dick. Ungepflegt. Doch heimlich den Blick auf den Hintern des Jünglings werfen. Der kommt nicht mehr. Nicht, wenn die Brüste Sandsäcken gleichen, die Mundfurchen strack nach unten hängen. Trugschluss. Fanatismus der herrschenden Jugend. Haltlos in vagen Perspektiven. Die Jugend halt.

Inkontinent träumst du vom quick-Fick mit Adonis. Wer will das schon? Beckenboden schlaff, da nützen Liebeskugeln nix. Dickbauch-Besitzer quatscht 24/7 vom Vögeln bis zum schweißnassen Erguss. Vergiss es. Tatsache Leben. Es schmerzt in der rechten Schulter. Es hakt beim Gang die Treppe hoch. Die Bandscheibe ist längst weggerutscht. Du lachst noch. Innerlich heulend. Zerfleischst dich in deiner Illusion. Pickel, die sich eitrig entzünden. Zeugen deines maroden Immunsystems. Sorgen lassen sich nicht durch Botox wegspritzen, Collagen ist längst aus dir raus gequetscht. Erledigt. Alt. Was zeigst du uns, was du einmal warst? Verlogene Farce. Zeugt nicht von Selbstbewusstsein.

Englisch. Deutsch. Du vermischst die Sprachen in einem Satz. Cool ist das nicht. Eher doof. Pflege deinen Wortschatz, erfinde etwas neu. Hirninfarkt. Es platzt aus allen Nähten. Du hältst nicht stand in der realen Welt. Willst ewig Hengst und Stute sein. Hör auf damit. Hör endlich auf, uns zu belügen. Höre auf, etwas zu sein, was du nicht bist.

Reden, sagen, schreiben. Ohne Pause. Donnerst andere zu mit deiner Langeweile. Es ist zu viel, was du verlangst. Andere haben ein Eigenleben. Fluchttier, Flucht vor zu viel Überlagerung, vor zu viel Vereinnahmen des anderen Wesens. Zu viel, lass mich doch in Ruhe. Ich ringe um mein eigenes Leben. Versuche, mein Leben lebenswert zu leben.

Tatsache jung, bleibt nicht so. Rasiere dir deinen Nacken aus, wenn du eine Glatze hast. Mehr kannst du nicht tun. Wer will das schon? Wer will denn Kahlrasur? Fühlt sich beim Streicheln an wie ein nackter Schweinearsch.

Kopf heben, tue es, verdammt nochmal! Erhebe dich über deine Ängste. Sehe der Wahrheit ins Gesicht, es gibt Schlimmeres. Es gibt immer Schlimmeres als Schlimmes. Was ist so schlimm, alt zu werden?

Sag ihnen ins Gesicht, wenn sie Falsches tun. Öffne deinen Mund, wenn sie dir auf den Wecker gehen. Zieh die Rettungsleine, wenn es nicht anders geht. Drehe dich um und laufe weg, wenn sie dir die Seele rauben. Aber sag ihnen endlich, wer du bist.

Was tust du, wenn du dich online wie eine Nutte zeigst? Was tust du, wenn du in der Parallelwelt nicht zeigen kannst, wer du bist? Die Welt verarschen. Reine Verarschung. Und du erwartest Streicheleinheiten, die du nicht mehr bekommst.

Fragmente: Leben, Verstehen. Akzeptieren. Lieben. Liebe ist das Wort, das keiner kennt. Liebe ist das Wort, das jeder will. Liebe dich, liebe ich dich. Liebe nicht, lebst du nicht. Hör doch endlich auf mit den Illusionen und zeige uns wie kaputt du bist. Ja, warum denn nicht? Warum denn eigentlich nicht?

                                                       

© Petra M. Jansen

 

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

 

 

 

 

Liebe Petra,

gestern hast du mich verdonnert, einen positiven Brief zu schreiben. Kann man das überhaupt, wenn die Stimmung, wie es bei mir der Fall ist, von Schmerzen bedrückt wird? Ja, das kann man und ich möchte mir keinesfalls diktieren lassen, wie ich zu funktionieren habe. Ich lehne diesen bedrückenden Zustand ab und strecke meinem Leiden die Zunge raus wie ein trotziger Bub. Ich vertrete noch immer die Meinung, dass ich der Kapitän an Bord bin und habe keine Nachsicht zu den Rebellen, die an meinem Stuhl sägen. Eine Haltung, die – so willkürlich sie sein mag – ihr Gutes hat. Wenn ich, wie jetzt, am Laptop, einen Text verfasse, bin ich derart geistig beschäftigt, dass sich jede Art von physischer Folter weit weg verschanzt und ist der Beweis, dass der Kopf noch immer das Sagen haben kann, vorausgesetzt, man lässt sich nicht gehen. Es ist schon erstaunlich, was der Körper imstande ist, zu leisten. Auch wenn, wie es bei mir der Fall zu sein scheint, er nicht mehr so richtig mitmacht. Nein, ich möchte weiter meinen Spaß haben, das Leben genießen und lieben. Das bedeutet aber nicht, dass ich blind bin, denn das wäre auch keine adäquate Methode. Ich bin der Auffassung, dass der Kampf gegen die Widrigkeiten des Alters nur abgemildert werden können, wenn man nicht die Augen schließt. Ja, das ist eine unumkehrbare Tatsache, dass der Zahn der Zeit an uns nagt, ob wir es wollen oder nicht. Also sollte man das tun, was am meisten Spaß macht. In meinem Fall ist es das Schreiben, das Arbeiten mit jüngeren Kollegen, wie du liebe Petra, und natürlich auch das Zusammensein mit der Familie und mit den Freunden. Sich austauschen, nur nicht sich einigeln! Das war immer mein Ziel, denn Isolation führt zur Bitterkeit. Nein, ich bin keineswegs ein Misanthrop, auch wenn man heute Anlass hätte es zu sein. Die Öffnung gegenüber jungen Leuten empfinde ich als einen Generationsauftrag, den ich bis zu Ende durchführen will und eine ältere Schachtel wie ich ist durchaus in der Lage, noch etwas von sich zu geben und das nicht mit dem Zeigefinger, ganz im Gegenteil! Ich blicke nie nach hinten, da ich weiß, dass die Vergangenheit auch eine Last sein kann. Mich interessiert nur die Zukunft, wenn sie auch sehr begrenzt sein mag.

Was ich dir schon oft geschrieben habe, liebe Petra, ist es eine Tatsache, dass der Kopf oft nicht in Einklang mit dem Körper arbeitet. Einerseits fühle ich mich blutjung, auf der anderen Seite wie ein Greis und das macht mich verrückt. Ich würde mental gerne rennen, aber meine Beine schaffen es nicht, allso virtualisiere ich solche Vorgänge und siehe da, ich schaffe es doch. Vor allem, wenn mein Hund nach einem Weib schnüffelt. Gestern noch ist er wegen einer Lady abgehauen. Das Potential, das jeder Mensch in sich trägt, ist viel größer als vermutet. Ich habe mir deshalb vorgenommen, mentale Reisen zu machen, wo ich wie Casanova, noch etliche Damen befriedigen kann. Mit den 72 Jungfrauen im Paradies habe ich noch nichts am Hut, da meine Zeit hier unten noch längst nicht abgeschlossen ist. Du wirst mit Recht behaupten, dass ich vor einer Realität fliehe und dass ich meine restliche Zeit jetzt damit verbringen sollte, meine Seele für den großen Abgang in Ordnung zu bringen. Viel zu früh, damit kann ich mich später beschäftigen.

Kurzum, liebe Petra, ihr werdet mich noch eine Weile ertragen müssen. Ich möchte euch nicht den Gefallen tun, abzudanken, wenigstens nicht jetzt. Du, liebe Petra, wir haben noch zahlreiche Projekte auf der Werft, die wir zu Ende führen wollen, nicht wahr? Ich war schon immer ein Wesen, das nur sehr ungern aufgegeben habe, deshalb macht es mich sauer, wenn sich der Allmächtige sin meine Dinge einmischt. Ich bleibe hier, basta – auch wenn ich euch auf den Senkel gehe.

 

Liebe Petra, ich umarme dich – das kann ich durchaus.

Alles Liebe aus Berlin, wo ich zurzeit verweile,

 

Pierre

//pm