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Liebe Petra,

wie du weißt, bewegt es mich sehr, was sich um uns herum abspielt. Ich versuche, einen klaren Kopf zu bewahren, was keine leichte Sache ist. Heute musste ich mich wieder mit dem Terrorismus befassen und habe einige Gedanken niedergeschrieben:

Nach dem Drama von Katalonien, bei dem zahlreiche Opfer getötet oder verletzt wurden, habe ich mir erneut die Frage gestellt, was dazu führen kann, dass junge Leute ihr Leben auf´s Spiel setzen, um irgendwie eine irre Ideologie zu etablieren. Sie wissen sehr genau, dass die meisten unter ihnen solche Terrorakte nicht überleben werden. Der Fahrer, der in den Ramblas in Barcelona den Lieferwagen fuhr, war 21. Selbst, wenn seine Tat schrecklich war, empfinde ich einen üblen Nachgeschmack. Was führt blutjunge Menschen dahin, den Selbstmord als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten? Ist das nicht ein krankhaftes Verhalten? Was ist schief gelaufen? Hier handelte sich in der Mehrheit um Marokkaner, die sich in Spanien etabliert hatten. War ihre Zukunft so düster, dass das Leben für sie keinen Wert mehr hatte? Das ist umso mehr erstaunlich, da der Islam, für den sie kämpfen wollten, den Suizid als Todessünde betrachtet. Und das auch, wenn der Kampf – um ihn zu etablieren – dies verlangt. Die Schriften kann man nicht nach Gusto ändern und einmal mehr war wieder ein Imam am Werk, der die Jugendlichen angeheizt hatte. Aber ohne einen tiefen Frust, könnten die Hetzparolen nicht greifen. Wenn der Hass derart überhandnimmt, steht man hilflos da. Gerade das ist der Bereich, in dem der Antiterrorkampf effektiv sein sollte. Es ginge darum, die Probleme dieser entwurzelten Jugend am Schopf zu greifen. Wenn wir dieses mörderische Phänomen ein wenig eindämmen wollen, muss in diesen Kreisen eine umfangreiche psychologische und soziologische Betreuung stattfinden – das fängt in den Familien an, die oft hilflos da stehen. In einer meiner Reportagen hatte ich bei Paris einen marokkanischen Vater getroffen, der mir sein Leid aussprach. Sein Sohn missachtete ihn, weil er kein Fundamentalist sei, weil er sich einfach in die Gesellschaft integrieren wollte. Der junge Mann war ihm gegenüber respektlos, was in einem patriarchalischen Umfeld unvorstellbar ist, der Bruch innerhalb der Sippe hatte sich vollzogen. Wenn man die Biographie anderer Selbstmordattentäter verfolgt, ist das immer öfter der Fall. Das führt mich zur Annahme, dass diese jungen Menschen ihre Eltern mit ihren Taten strafen wollen, wenn sie nicht die gleichen Ziele des Fundamentalismus verfolgen. Kann das ihre Haltung erklären? Ich fürchte teilweise ja und wie es immer klarer wird, geht es um ein Identitätsproblem, dass ohne einer Familientherapie kaum zu bewältigen ist.

Das Phänomen Terrorismus muss ich in einem breiteren Umfeld betrachten. Es ist zu leicht, ihn nur in einem Bereich zu lagern. Der Vorfall von Charlottesville zeigt, dass unabhängig der Ideologien, ein bestimmtes Verhalten vorgegeben ist. Ich habe zahlreiche Filme bei den Neonazis gedreht und habe festgestellt, dass die Spannungen auch da von einer Identitätskrise stammen. Sie ist vergleichbar mit der, die ich in muslimischen Kreisen erlebt habe. Daher wäre es vernünftig, sie zuerst von jeder politischen oder religiösen Ursache abzukoppeln. Es ist in der Tat immer schwieriger, seine Zukunft in einer kurzweiligen Lebensplanung zu planen und es herrscht eine sehr große Unsicherheit. Dazu gehört auch die Jugendarbeitslosigkeit. Es ist haarsträubend, dass ganz einfach hingenommen wird, dass eine ganze Generation als verloren betrachtet wird und das oft aus reiner Gewinnsucht einiger Zocker. Da ich mich heute mit Spanien befasse, kann ich nicht übersehen, dass durch die Fehlinvestitionen aus Habgier, hunderttausende junge Leute das Nachsehen haben – da darf man sich nicht wundern, dass Aggressivität aufkommt. Man kann sich bisher glücklich sein, dass es nicht zu einem Bürgerkrieg kam. Nein, ich übertreibe keineswegs. Wenn Leute keinen Ausweg mehr finden, greifen sie nach den Mitteln der Willkür und dazu gehört der Terrorismus – egal aus welcher Ecke er auch kommt und man darf sich nicht wundern, dass die Zahl der Brunnenvergifter zunimmt. Wenn wir uns nicht neu erfinden, wird die Lage immer bedrohlicher werden und wenn die jungen Leute feststellen müssen, wie tief die Werte zusammengebrochen sind, ist es nicht erstaunlich, dass es zu Wut kommt. Die Haltung der deutschen Autobranche hat schon kriminelle Züge angenommen, das könnte man als den Terrorismus der weißen Hemden betrachten. Die Art und Weise, wie sie mit der Volksgesundheit umgeht, gleicht einer geplanten Körperverletzung, im Namen des Profits. Wie wollen sie unter diesen Umständen den Jugendlichen moralische Grundsätze einpauken? Solange der Staat mitmischt, ist er völlig unglaubwürdig. Das Geschwätz über den Erhalt unserer Gesellschaft ist völlig überflüssig, solange man sich nicht an die Regeln hält und unter diesen Umständen, darf sich niemand wundern, dass die Gewalt zunimmt. Wäre es angebracht, den Staat als Terroristen einzustufen? Ihr solltet darüber nachdenken, bevor ihr eine Antwort äußert!

Es wäre schön von dir zu wissen, was du davon hältst.

Ich umarme dich und bis sehr bald.

 

Pierre

//pm

 

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Liebe Petra,

es wird mir Angst und Bange, wenn ich sehe, was sich in Hamburg im Schanzenviertel abgespielt hat. Brennende Autos, verwüstete Geschäfte, das war das Ergebnis der Terrorwelle des Schwarzen Blocks. Vielleicht ein wenig mehr als tausend Randalierer gegen eine Übermacht an Polizei – es war die Rede von 20.0000 Männern und Frauen. Wenn ich sehe, dass die Ordnungskräfte so hilflos da stehen, frage ich mich, ob in Deutschland die Sicherheit garantiert ist. Nein, ist meine eindeutige Antwort. Wenn der Staat sich derart blamiert, kann man sich zu Recht die Frage stellen, ob er seine Verpflichtungen gegenüber den Bürgern erfüllt. Was in Hamburg geschah wird die Bundesrepublik erschüttern, weil die Effizienz ihrer Institutionen in Frage gestellt werden muss. Was geschah kann nicht rückgängig gemacht werden, aber es muss gehandelt werden. Es war im Prinzip richtig, die Demonstrationszüge zuzulassen, weil dieses Recht im Grundgesetz verankert ist, aber es müssen Lösungen gefunden werden um die Ordnung zu erhalten. Zuerst hätte die Polizei sehr viel härter gegen die vermummten Gestalten vorgehen sollen, aber die Angst vor einer Eskalation war der Ursprung der Zurückhaltung. Der Bürger hat ein Anrecht auf Sicherheit, denn dafür zahlt er Steuern! Im präzisen Fall der mich hier beschäftigt, denke ich, dass dies Thema des Wahlkampfes werden wird. Es werden Stimmen laut werden, die nach mehr Polizei rufen werden, denn es ist wahr, dass aus Sparmaßnahmen die Zahl der Beamten verringert wurde. Aber wie viele zusätzliche Beamte müssten eingesetzt werden, wenn tausende unter ihnen es nicht fertig bringen den Mob schachmatt zu setzen? Liegt es vielmehr an den Methoden und an der Taktik, die angebracht wird? Es wäre an der Zeit, sich zu fragen, wie man mit der Sicherheit umgeht. Es musste damit gerechnet werden, dass es im Schanzenviertel – eine Hochburg des Linksextremismus in Deutschland – nicht ruhig zugehen würde. Und jetzt, ohne die Verschwörungstheorie in den Vordergrund stellen zu wollen, gibt es Kräfte, die unsere Gesellschaft gewalttätig zerstören wollen. Sie gehören keineswegs nur einer bestimmten Richtung an, und doch geben sie mir den Eindruck – so unterschiedlich sie sind – an einem gleichen Strang zu ziehen. Ich möchte von den Rechtspopulisten, den Islamisten und den Extrem-Linken sprechen. Sehe ich einen Zusammenhang mit den Straßenschlachten der letzten Tage in Hamburg? Soweit würde ich vielleicht nicht gehen wollen, aber ganz ausschließen kann ich es nicht. Was mich stört, ist die Tatsache, dass man uns etwas vorenthalten will. Wer sind die Drahtzieher? Ist dieses Chaos nur im Kopf von Kleinkriminellen entstanden oder wurden sie dazu gelenkt? War nicht die Absicht, Angst zu verbreiten und die Hilflosigkeit des demokratischen Staates zu beweisen? Das geschieht keineswegs anders mit den Islamisten und ihren blutigen Attentaten. Sie erwischen uns im Tiefsten, was wir empfinden. Das zettelt die Neonazis – und all diejenigen, die die Nostalgie eines willkürlichen Staates hegen – an, die Fundamente der Demokratie anzugreifen. Ich kann nur feststellen, dass sich alles wie in einem Räderwerk abspielt und habe den fahlen Nachgeschmack von konzertierten Aktionen, die mehr oder weniger abgesprochen sind. Wenn wir an die Botschaft des 14. Juli glauben, müssen wir auf die Barrikaden steigen, mit dem Ziel unsere Werte zu verteidigen. Um effektiv zu sein müssen wir die Hintergründe kennen, aber das wird kaum geschehen, weil zu viele Menschen mitmischen, wenn es darum geht, das Etablierte zu zerstören. Es kommt bei uns Unsicherheit auf und wir haben Mühe, zu definieren. Das Beispiel der NSU-Affäre zeigt, wie verdunkelt wird. Kurzum: Ich verlange als Weltbürger, dass der Ursprung der Krawalle beim G20 untersucht wird, auch wenn – aus welchem Grund auch immer – alles verschleiert bleiben soll. Gegen Schatten zu kämpfen ist total frustrierend und bringt nichts.

 

In diesem Sinne.

Alles Liebe, Umarmungen

 

Pierre

//pm

Paris, Istanbul, Nizza, Berlin, Manchester, London. Die Metropolen aufzählen heißt auch die Orte nennen, an welchen der Terror wütete. Brutale Terroranschläge haben sich in den letzten zwei Jahren in Europa gehäuft. In den Medien wurde mehr oder minder ausführlich darüber berichtet. Haben sie damit den Schrecken in der Öffentlichkeit weiterverbreitet? Hat man dem zynischen Kalkül der Terroristen Vorschub geleistet? Machen sich Redaktionen gar durch die Publikation verstörender Bilder der Tatorte zum Instrument des Terrors?

Diese Bedenken sind berechtigt. Die Redaktionen der Blätter müssen mit Bedacht damit umgehen. Manche Zeitungen veröffentlichen geschwärzte Seiten oder bilderlose Berichte, andere wiederum zeigen das Gesicht der Gewalt völlig hüllenlos. Führende Tageszeitungen sind zur sachlichen Information ihrer Leser verpflichtet. Deren Leser erwarten zu Recht, dass sie auch über verstörende Ereignisse wie Terroranschläge angemessen und kompetent berichten, sofern diese für Politik und Gesellschaft von Bedeutung sind. Und das ist bei der Welle islamistischer Terroranschläge in Europa ohne Zweifel der Fall.

Das Informationsrecht der Leser ist allerdings nicht das einzige Kriterium, das Redaktionen zu berücksichtigen haben. Abzuwägen sind auch Fragen des Persönlichkeitsschutzes der Opfer, sowie das Risiko einer Propagandawirkung für die Attentäter, welche künftige Gewaltakte wahrscheinlicher machen kann. Dieses Abwägen oft gegenläufiger Interessen kann nicht ein für alle Mal abschließend geregelt werden. Es muss von verantwortungsbewussten Redakteuren in jedem Einzelfall vorgenommen werden.

Während der Korrespondent oder der Kommentator die Güterabwägung im Text oft subtil vornehmen kann, stellt sich das Problem im Fall von Bildern schärfer. Bilder können eine besondere Emotionalität transportieren und den Betrachter mit Wucht treffen. Redakteure stehen also vor der Frage: Publizieren oder zensieren? Ein Dazwischen gibt es nicht. Entsprechend groß muss die Sensibilität und Sorgfalt bei der Selektion von Bildern sein.

Wer mit Pressearbeit zu tun hat, ist nicht nur Transporteur, nein, er ist auch Analytiker und
Kritiker dieses Grauens.

Täglich stellt sich die Anforderung, Entscheidungen richtig zu treffen.

Was ist zu berücksichtigen? Auf was kommt es an? Entscheidend ist der Kontext, in dem ein Bild entstanden ist und in dem es publiziert wird. Verhält man sich journalistisch korrekt, dann darf man Bilder von Schauplätzen des Terrors nur veröffentlichen, wenn sie in Analysen eingebettet sind, die dem Leser die Möglichkeit eines Gesamtbilds vermitteln. Ein Blatt darf mit einem Bild nicht schockieren, sondern muss damit informieren. Es gilt, die Gefahr der Abstumpfung der Leser zu vermeiden, schlechte Pressearbeit zieht oft auch den Verlust von Teilen der Leserschaft nach sich. Sind Personen auf einem Bild zu sehen, muss sich ein Berichterstatter kritisch fragen, ob deren Würde durch die Publikation verletzt wird; Voyeurismus verbietet sich ebenso wie die Verbreitung von Klischees. Werden den Redaktionen Bilder von dritter Seite zugeleitet, gilt es diese kritisch zu beleuchten, insbesondere auf deren genaue Herkunft hin und deren Authentizität. Im Zeitalter der Fake News besteht eine große Gefahr, dass Zeitungsverlage als Propagandainstrument missbraucht werden. Die Gefahr der Propagandawirkung kann eingeschränkt werden, indem diese Fotos auf Herz und Nieren im obigen Sinne untersucht werden. Bilder von Tätern, die sich als Heroen inszenieren, haben bei seriösen Redaktionen keinen Platz.

Gerade heute, in unserer digitalen Informationsgesellschaft, ist es wichtig, dieses notwendige Abwägen von Wirkung und Kontext von Bildern problembewusst vorzunehmen. Sind wir uns im Klaren: es gibt Grauzonen! Das heißt, man kann die Wirkung von Bildern nur prognostisch abschätzen. Trotz aller sorgfältiger Journalistenarbeit kann es dazu kommen, dass die Wirkung eines Fotos dennoch von Teilen der Leserschaft als zu heftig empfunden wird oder gar gefakte Bilder durch die Gazetten unbewusst in Umlauf kommen.

Die Alternative wäre aber, auf die Verbreitung solcher Bilder von Terroranschlägen zu verzichten. Das wäre aber ein gehöriges Minus an Information für die Leser.

Eine Gesellschaft von mündigen Bürgern und Bürgerinnen kann das nicht wollen.

 

 

Die größte Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten! Für den europäischen Fußballverband Uefa, die Sponsoren und Ausrüster ein Milliardengeschäft. Letztes Jahr hatte Adidas im Mannschaftssport 2,2 Milliarden Euro mit Trikots, Fußballschuhen sowie Zubehör umgesetzt – so viel wie noch nie! Und das in einem Jahr ohne fußballerisches Großereignis und 2016 kommt zur EM in Frankreich noch parallel das amerikanische Pendant Copa América dazu.

Damit dürfen sich Adidas, dessen größter US-Konkurrent Nike und der Wettbewerber Puma wirtschaftlich eigentlich bereits als Sieger fühlen, gäbe es nicht die Terrorgefahr.

Keiner der Beteiligten redet gerne darüber. Bei früheren EM-Turnieren hat die Uefa keine Versicherungen für Terrorfälle benötigt. Seit den Attentaten von Paris im vergangenen November sind die Prämien unbezahlbar geworden (Capital). Mehr kann der Verband, der für ein potenzielles Ausfallrisiko ohne Police dasteht, zu dem Thema nicht sagen. Auch die Assekuranzen schweigen Großes Risiko – hohe Prämien lautet die Devise der Versicherungsbranche.

Auch Adidas, das als Hauptsponsor den Spielball stellt und neun Teams im Rennen hat, will nicht über Gefahren reden. Man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet, so eine Unternehmenssprecherin. Puma ist etwas redseliger. „Wir haben immer einen Plan B in der Schublade“, sagt die Firma. Das sei bei Veranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen immer so und gelte diesmal bei der EM besonders für Terrorgefahren. Immerhin sitzt der Puma-Großaktionär Kering in Frankreich. Man spiele im Vorfeld mehrere Szenarien durch, die Evakuierungen einschließen.

Klar ist, dass im Fall eines Anschlags die Werbemaschinerie nicht weiterlaufen kann, als wäre nichts gewesen. Fans dürften kaum noch Lust verspüren, das Trikot der DFB-Elf zu kaufen. Auch dem Handel sind die Risiken bewusst, aber erst einmal wenig zu bestellen, ist keine Lösung, weil man sonst Gefahr läuft, nicht mehr an begehrte Ware zu kommen.

Der Handel hat eigene Taktiken: Ein Verkäufer wirbt sogar damit, dass er den Kaufpreis für das Trikot erstatte, falls Deutschland die EM gewinnt.

In einem normalen EM-Jahr müssten die Verkäufe für Fußballartikel um ein Fünftel wachsen, weiß man bei Intersport. Das wären Mehreinnahmen von rund 150 Millionen Euro, da hierzulande etwa ein Zehntel des Sportartikelumsatzes von 7,4 Milliarden Euro auf Fußball-Produkte entfällt. Was diesmal passiert, kann der Handel aber derzeit nicht prognostizieren.

Nur auf sich zukommen lassen kann es mangels Terrorpolice auch die Uefa. Die Stadien sind ausverkauft. Unter den Erwartungen von 200 Millionen Euro an Einnahmen geblieben ist aber der Absatz edler Businesslogen mit bis zu 8.900,– Euro pro Ticket. Das habe mit strengeren Steuervorschriften, aber auch der „geopolitischen Situation“ zu tun, umschreibt ein Funktionär das Terrorrisiko.

Einen neuen Umsatzrekord von 1,9 Milliarden Euro soll die EM der Uefa dennoch bringen. Mit einer Milliarde Euro schlägt der Verkauf der Medienrechte zu Buche, eine halbe Milliarde Euro bringen die Ticketerlöse, weitere 400 Millionen Euro Sponsoring und Lizenzrechte. Beim Vorgängerturnier 2012 war es etwa die Hälfte. Am Ende kalkuliert die Uefa mit 150 Millionen Euro Reingewinn (Frankfurter Rundschau).

Hauptsponsor Adidas will Mitte Juni den eigenen EM-Effekt genau beziffern. Vorausgesetzt, alles bleibt friedlich, könnte dem Konzern seine schwerste Prüfung ohnehin erst nach dem Finale in Paris drohen. Denn erst nach dem Turnier will der DFB nach entscheiden, ob der 2018 auslaufende Ausrüstervertrag mit Adidas verlängert wird. Mit 25 Millionen Euro jährlich ist dieser bislang dotiert. Konkurrent Nike soll 60 bis 70 Millionen Euro geboten haben. Mit welcher Gegenofferte Adidas beim DFB am Ball bleiben will, ist geheim. „Wettbewerbsfähig“, heißt es offiziell nur.

So sorgt das Turnier und sein Umfeld für ein Ausmaß an Anspannung, auf das man gerne verzichten würde. Das betrifft vor allem die Terrorgefahren.

Hoffen wir, dass alles gutgeht! Darin dürften sich alle einig sein.

In Syrien ist Krieg. Das seit bereits über fünf Jahren. Das Land ist eine einzige Ruine, die Städte sind Schutthaufen, einige Kulturdenkmäler unwiderruflich aus religiösem Eifer zerstört. Viele Menschen sind tot, der Staat ist im Zerfall begriffen. Während die internationale Allianz aus unter anderem amerikanischen und saudi-arabischen Streitkräften einerseits und von russischer Seite andererseits versucht, die Katastrophe zu beenden, geht das Morden und Zerstören weiter. Das Ausland, der Westen und Russland, ist zerstritten, ob man gegen den Islamischen Staat zur Stützung des Assad-Regimes oder ohne dies vorgeht. Putin bekämpft die Rebellen gegen Assad, Amerika hat kürzlich deren Ausbildung erst einmal eingestellt. Solange hier keine Einigung zu erzielen ist – und das wird wohl auch nicht der Fall sein – werden die Menschen weiter leiden und sterben. Viele fliehen nach Europa. Menschenströme auf unseren Autobahnen sind alltäglich zu sehen.

Hilfe vor Ort, die Fluchtursachen stoppen. Kann man etwas tun? Momentan ist es schwierig in Syrien, aber nach dem Fall des IS gäbe es eine Chance. Somalia sei hier als Beispiel genannt!

Auch dieses Land galt lange als Paradebeispiel für einen gescheiterten Staat. Gewalt und Anarchie bestimmen bis heute in weiten Teilen des Landes den Alltag der Bevölkerung. Dennoch kehren immer wieder im Westen gut ausgebildete Somalier zurück, getrieben von dem Wunsch, ihre erste Heimat zum Besseren zu verändern.

Viele Somalier waren Kinder, als sie mit ihren Eltern damals aus den Bürgerkriegswirren nach Deutschland geflohen sind. Sie kennen ihr Herkunftsland eigentlich nicht, kommen mit Vorstellungen in diesen afrikanischen Staat, welche sich in dessen Realität nicht wiederfinden.

Überraschend ist der Fortschritt dort, dass es Nightclubs gibt, und dass die Leute offener sind als von den Rückkehrern erwartet. Im Taxi auf der Fahrt ins Büro läuft 90er-Jahre-Popmusik. Das passt nicht zu den Vorstellungen von einem Land, aus dem die Eltern einst flohen. Man stellt sich das alles strenger vor. Außer den Sicherheitskontrollen ist das Leben eigentlich ganz normal. Somalia galt jahrzehntelang als Synonym für Anarchie und Gewalt. Die vermeintliche Normalität birgt Abgründe, militärische Kontrollen haben ihren Grund: Das Leben in Mogadischu ist immer noch lebensgefährlich. Erst Ende September starben am Präsidentensitz wieder zwölf Menschen, sie wurden Opfer eines Selbstmordanschlags. Jetzt finden sich dort Panzersperren und Wälle von Sandsäcken. Wer in den Palast will, muss seine Taschen mit Metalldetektoren durchsuchen, sich gründlich abtasten lassen. Somalia, gerade der Sitz des Präsidenten, bilden die Front des Krieges gegen den Terror. Kämpfer der islamistischen Shabaab-Miliz verüben regelmäßig schwere Attentate.

Was bewegt junge Menschen, als Kind nach Deutschland gekommen oder gar dort geboren, die hiesige Sicherheit aufzugeben und in ein Bürgerkriegsgebiet zurückzukehren? Aufbauhilfe, mit dem Know-How, erworben in Deutschland. Etwas der alten Heimat zurückgeben. Einer Heimat, die man nur aus Erzählungen der Alten kennt, deren Realität sich mittlerweile von diesen Erzählungen meilenweit entfernt hat. Ist der Begriff „Heimat“, dessen Inhalt, vielleicht doch stärker, als wir alle denken?! Spüren wir unsere Wurzeln, ohne uns derer rational bewusst zu sein? Eventuell ja! Nicht umsonst nehmen die jungen Somalier ein Leben in Gefahr auf sich, um Menschen in ihrem Herkunftsland zu helfen. Das bedeutet Aufgabe von allem Bekannten, je nachdem auch die Aufgabe eines früheren Lebens. Und man ist nirgendwo richtig zu Hause: in Somalia gelten sie als die „Deutschen“, bei uns waren sie die mit „Migrationshintergrund“. Und dennoch: die jungen Leute sind hier aufgewachsen, haben sich hier integriert, es bei uns zu etwas gebracht. Sie gehen größtenteils fertig ausgebildet nach Afrika, um den Menschen dort eine Chance zu geben. Ihren Anteil am Wiederufbau des Landes zu leisten, nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Viele gestehen die Angst, die diesen Schritt begleitet: Was wird kommen? Werde ich akzeptiert werden? Falle ich einem politischen Anschlag zum Opfer? Ist es das Ganze wert oder nicht, das sichere Deutschland für ein solches Unternehmen zu verlassen?! Offensichtlich ja! Sie gehen in dem Bewusstsein, dass sich ihr Leben teilweise frappierend verändern wird. Chapeau! Das ist auch eine Hoffnung für Syrien. In einigen Jahren, wenn eine Chance zum Wiederaufbau bestehen sollte …

Es war zu Zeiten, als das Nachrichtenmagazin FOCUS noch in den Kinderschuhen steckte: Ein Journalist vertrat die Ansicht, dass im arabischen Raum, dem des Islam, das Leben Teil der Religion sei. Bei uns in der westlichen Hemisphäre hingegen sei die Religion Teil des Lebens. Ein Wortspiel? Nein! Lebt man nach letzterer Devise, ist die Angst zu sterben groß. Die Religion ist ein Leitfaden, wie ich mein Leben meistern kann, sie gibt mir Hoffnung, dass danach noch etwas kommt und nicht das Nichts. Eine Hoffnung im Sinne einer Erwartungshaltung. Bei ersterer Alternative ist unser Leben in die Religion eingebunden, ein Schritt oder Teil des Ganzen. Nach dem irdischen Leben, das zur Religion gehört, kommt noch etwas. Das ist eine innere Sicherheit, nicht nur eine Erwartung. Militärisch ausgedrückt: zu Zeiten des Kalten Krieges war es gut, dass beide Seiten über Atomwaffen verfügten. Ziel war nicht, sie zu zünden, sondern die Abschreckung. „Tust Du mir böse, tue ich Dir böse!“. Ergebnis: die Welt wäre für beide Parteien unwiderruflich zerstört worden. Also kein atomarer Schlag! Dazu leben wir viel zu gerne. Verfügte eine fundamentalistisch ausgerichtete islamische Regierung über Atomwaffen, wäre es für diese kein Problem, jene zu zünden. So wichtig ist das Leben nicht, hiernach kommt das Paradies. Eine ellenlange Kette von Selbstmordattentätern belegt diese These. Weiterlesen…

Search versus Fear

It has arrived in our lives long ago: the terror! We are still not aware of the fact that fear rules our social life. A modern form of war. No more tanks rolling to the border, no more armies being mobilized. The terror is focused on the unexpected, even the improbable. Like one day the young female suicide bomber. It confuses us, this can not be true. Such things never happened before! They can! Here and now! We think too old-fashioned, one can no more provide or prepare oneself. The enemy is among us, not across the border. Boko Haram, IS, Taliban: they don´t concern me, they are far away? Far from that! Time to redefine our order and ourselves. How do we respond to terror? Let’s be honest: the terrorists threaten, rethreatened by us. Our state can not be blackmailed. Many people are dying and we stand by, just watching! We are ruled by terrorists. In Cologne, the Charlie-Hebdo-Waggon has been canceled for this year´s carnival. There is an imminent danger of an attempt on the carnival. We need to redefine us to respond to such threats. Do the carnival revelers of Düsseldorf dare more? There, the car motives are never announced before the procession. So why not react with the unexpected to a terrorist´s threat?!

Suche gegen Angst

Er hat längst in unserem Leben Einzug gehalten: der Terror! Man ist sich dessen noch nicht bewusst, aber die Angst regiert unser gesellschaftliches Leben. Eine moderne Form des Krieges. Es rollen keine Panzer mehr in Richtung Grenze, es werden keine Armeen mehr mobilisiert. Der Terror setzt auf das Unerwartete, ja sogar das Unwahrscheinliche. So wie neulich die junge Selbstmordattentäterin. Es verwirrt, so etwas kann es nicht gegeben. Das gab´s doch noch nie! Doch! Im Hier und Jetzt! Wir denken viel zu antiquiert, man kann sich nicht mehr vorsehen oder vorbereiten. Der Feind ist unter uns, nicht jenseits der Grenze. Boko Haram, IS, Taliban: betrifft mich nicht, ist weit weg? Weit gefehlt! Zeit, uns und unsere Ordnung neu zu definieren. Wie begegnen wir dem Terror? Sind wir ehrlich: Die Terroristen drohen, wir drohen zurück. Der Staat lässt sich nicht erpressen. Es sterben viele Menschen und wir sehen zu! Wir werden von Terroristen beherrscht. In Köln wurde der Charlie-Hebdo-Wagen für den Karneval abgesagt. Die Gefahr eines Attentates auf den Karnevalszug ist zu groß. Wir müssen uns neu definieren, um auf solche Gefahren zu reagieren. Traut sich der Düsseldorfer Karneval mehr? Dort werden die Wagenmotive vor dem Umzug nie bekanntgegeben. Warum also nicht mit dem Unerwarteten auf die Terrorgefahr reagieren?!

© Thomas Dietsch