Paris, Istanbul, Nizza, Berlin, Manchester, London. Die Metropolen aufzählen heißt auch die Orte nennen, an welchen der Terror wütete. Brutale Terroranschläge haben sich in den letzten zwei Jahren in Europa gehäuft. In den Medien wurde mehr oder minder ausführlich darüber berichtet. Haben sie damit den Schrecken in der Öffentlichkeit weiterverbreitet? Hat man dem zynischen Kalkül der Terroristen Vorschub geleistet? Machen sich Redaktionen gar durch die Publikation verstörender Bilder der Tatorte zum Instrument des Terrors?

Diese Bedenken sind berechtigt. Die Redaktionen der Blätter müssen mit Bedacht damit umgehen. Manche Zeitungen veröffentlichen geschwärzte Seiten oder bilderlose Berichte, andere wiederum zeigen das Gesicht der Gewalt völlig hüllenlos. Führende Tageszeitungen sind zur sachlichen Information ihrer Leser verpflichtet. Deren Leser erwarten zu Recht, dass sie auch über verstörende Ereignisse wie Terroranschläge angemessen und kompetent berichten, sofern diese für Politik und Gesellschaft von Bedeutung sind. Und das ist bei der Welle islamistischer Terroranschläge in Europa ohne Zweifel der Fall.

Das Informationsrecht der Leser ist allerdings nicht das einzige Kriterium, das Redaktionen zu berücksichtigen haben. Abzuwägen sind auch Fragen des Persönlichkeitsschutzes der Opfer, sowie das Risiko einer Propagandawirkung für die Attentäter, welche künftige Gewaltakte wahrscheinlicher machen kann. Dieses Abwägen oft gegenläufiger Interessen kann nicht ein für alle Mal abschließend geregelt werden. Es muss von verantwortungsbewussten Redakteuren in jedem Einzelfall vorgenommen werden.

Während der Korrespondent oder der Kommentator die Güterabwägung im Text oft subtil vornehmen kann, stellt sich das Problem im Fall von Bildern schärfer. Bilder können eine besondere Emotionalität transportieren und den Betrachter mit Wucht treffen. Redakteure stehen also vor der Frage: Publizieren oder zensieren? Ein Dazwischen gibt es nicht. Entsprechend groß muss die Sensibilität und Sorgfalt bei der Selektion von Bildern sein.

Wer mit Pressearbeit zu tun hat, ist nicht nur Transporteur, nein, er ist auch Analytiker und
Kritiker dieses Grauens.

Täglich stellt sich die Anforderung, Entscheidungen richtig zu treffen.

Was ist zu berücksichtigen? Auf was kommt es an? Entscheidend ist der Kontext, in dem ein Bild entstanden ist und in dem es publiziert wird. Verhält man sich journalistisch korrekt, dann darf man Bilder von Schauplätzen des Terrors nur veröffentlichen, wenn sie in Analysen eingebettet sind, die dem Leser die Möglichkeit eines Gesamtbilds vermitteln. Ein Blatt darf mit einem Bild nicht schockieren, sondern muss damit informieren. Es gilt, die Gefahr der Abstumpfung der Leser zu vermeiden, schlechte Pressearbeit zieht oft auch den Verlust von Teilen der Leserschaft nach sich. Sind Personen auf einem Bild zu sehen, muss sich ein Berichterstatter kritisch fragen, ob deren Würde durch die Publikation verletzt wird; Voyeurismus verbietet sich ebenso wie die Verbreitung von Klischees. Werden den Redaktionen Bilder von dritter Seite zugeleitet, gilt es diese kritisch zu beleuchten, insbesondere auf deren genaue Herkunft hin und deren Authentizität. Im Zeitalter der Fake News besteht eine große Gefahr, dass Zeitungsverlage als Propagandainstrument missbraucht werden. Die Gefahr der Propagandawirkung kann eingeschränkt werden, indem diese Fotos auf Herz und Nieren im obigen Sinne untersucht werden. Bilder von Tätern, die sich als Heroen inszenieren, haben bei seriösen Redaktionen keinen Platz.

Gerade heute, in unserer digitalen Informationsgesellschaft, ist es wichtig, dieses notwendige Abwägen von Wirkung und Kontext von Bildern problembewusst vorzunehmen. Sind wir uns im Klaren: es gibt Grauzonen! Das heißt, man kann die Wirkung von Bildern nur prognostisch abschätzen. Trotz aller sorgfältiger Journalistenarbeit kann es dazu kommen, dass die Wirkung eines Fotos dennoch von Teilen der Leserschaft als zu heftig empfunden wird oder gar gefakte Bilder durch die Gazetten unbewusst in Umlauf kommen.

Die Alternative wäre aber, auf die Verbreitung solcher Bilder von Terroranschlägen zu verzichten. Das wäre aber ein gehöriges Minus an Information für die Leser.

Eine Gesellschaft von mündigen Bürgern und Bürgerinnen kann das nicht wollen.

 

 

Der Täter hatte nach ersten Erkenntnissen von Ermittlern eine Erkrankung „aus dem depressiven Formenkreis“. „Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Samstag.

Der Täter führte den Angaben zufolge eine illegale Pistole des Kalibers 9 Millimeter bei sich, die Seriennummer war ausgefräst. Der junge Mann habe über 300 Schuss Munition bei sich gehabt, sagte LKA-Präsident Robert Heimberger. Im Magazin habe sich noch Munition befunden. Woher die Waffe herstammt, sei noch nicht geklärt.

Die Toten stammten alle aus München und Umgebung, so eine Pressemitteilung.

Der 18-Jährige war Schüler, er ist in München geboren und aufgewachsen. Die Ermittler haben in seiner Wohnung Bücher über Amokläufe gefunden. Eines hieß: „Amok im Kopf. Warum Schüler töten“. Er habe sich intensiv mit dem Thema befasst. Die Verbindung zu Breivik liege auf der Hand. Am Freitag war der fünfte Jahrestag von Breiviks Amoklauf.

Deutschland hat ein grundlegendes Problem. Es gibt Anschläge in Belgien und in Frankreich. Es gibt Anschläge in den Vereinigten Staaten. Hier gibt es keine „Anschläge“, man meidet dieses Wort. Es ist ein „Amoklauf“! Das Wort „Anschlag“ verbreitet offensichtlich Panik, so dass man es bei dem Begriff „Amoklauf“ belässt. Ich muss sagen, das beruhigt mich keineswegs. Im Gegenteil: terroristische Anschläge sollen Signalwirkung entfalten. Das tun sie, wenn sie auf öffentlichen, viel frequentierten Plätzen begangen werden. Ein Anschlag in einem abgelegenen Dorf ist schlimm, die Auswirkungen sind nicht minder schmerzlich als ein einer großen Weltstadt. Die Signalwirkung ist jedoch nicht die gleiche – vom Horizont der Attentäter her gesehen.

Hüten wir uns vor „Ausländer-raus“-Parolen. Hüten wir uns aber auch vor „Friedens-Gedünkel“ nach dem Motto, man dürfe das Problem aus Rücksicht auf Nationalitäten oder Religionen nicht beim Namen nennen. Auch der Aspekt „kriminell“ wird zur Zeit durchaus unterbewertet. Wird ein Polizist erschossen, ist dies entsetzlich. Wird hingegen der Täter erschossen, gibt es einen Aufschrei! Man denke an die Äußerung von Renate Künast. Bei aller juristischen Verhältnismäßigkeit, was auch verfassungsmäßig in Ordnung ist: Kann es sein, dass ein Polizist, der durch Nothilfe (indem er den Täter erschießt) andere Menschen rettet, sich nach dem Volksglauben juristisch noch verantworten muss?!

Unter uns leben Menschen verschiedener Nationalität und religiöser Überzeugung. Das ist gut so! In den Fokus der Rechten sind in den letzten Jahre die Muslime gerückt. Menschen, die hier friedlich wohnen und ihren Glauben praktizieren möchten. Auch das ist gut so! Der Islam ist eine friedliche Religion, genau wie das Christentum oder das Judentum. Von diesen abzugrenzen sind die Verbrecher, unter anderem Attentäter, die dem Islamismus frönen. Das ist eine Denk- und Glaubensweise, die nichts mit dem Islam und seinen Lehren zu tun hat. Nach meinem Dafürhalten sind die Anschläge der jüngsten Vergangenheit terroristischer Natur. Bei kritischer Betrachtung des Islamismus muss man zugestehen, dass dieser – gerade auf Jugendliche – eine gewisse Attraktivität ausstrahlt. Leider! Radikale und dafür einfache Lösungen für die komplexen Probleme dieser Welt. Es ist – von Seiten der (potenziellen) Opfer und ihrer Angehörigen betrachtet – kaum relevant, ob ein rekrutierter Soldat des Islamischen Staates (IS) voller Überzeugung bei einem Selbstmordattentat Menschen mit in den Tod reißt, oder ob dies ein Sympathisant tut. Das Ergebnis ist das gleiche. Welches Polizeiaufgebot sich mittlerweile am Tatort befindet, wie lange der Ausnahmezustand aufrechterhalten wird und weitere sicherheitspolitische Dinge interessieren die Angehörigen von ermordeten Menschen wenig. Auch ist ein schwacher Trost, dass irgendein Politiker/irgendeine Politikerin „mit den Angehörigen fühlt“. Das ist politisch korrekt, hilft aber nicht weiter …

Die Frage muss lauten: Warum ist dies geschehen? Die Hintergründe sind vielfältig. Von religiösem Wahn bis zu kriegerischen Handlungen ist alles dabei. Und was letzteres angeht: kriegerische Schlachten werden heute nicht mehr außerhalb der menschlichen Siedlungen geführt. Der IS-Terror geschieht mitten unter uns! Ist Deutschland Ziel terroristischer Anschläge, dann müssen wir die Ursachen beseitigen bzw. bekämpfen. Aktuell gilt es, die Sicherheitspolitik auf die Abwehr von „Anschlägen“ zu konzentrieren, nicht auf den nächsten „Amoklauf“. Eine solche „Einzeltat“ ist schlimm, als Teil einer Anschlagsreihe ist sie noch schlimmer. Die Bedrohungen sind komplexer geworden, richten wir unsere Sicherheitsapparate darauf ein! Ein Bericht über die Anzahl der Toten nach einem Anschlag und welche Facebook-Accounts der Täter gehackt hat, reicht nicht aus.

 

 

 

 

 

Die Russen werfen den Amerikanern vor, den Islamischen Staat zu unterstützen. So sollen die Amerikaner den Terroristen Waffen verkaufen. Im Irak hätten sich die USA außerdem als Komplize des IS etabliert. Irakische Befehlshaber sollen gesagt haben: „Wir erwarten mehr von den Amerikanern. Es gibt keine wirklichen Luftangriffe auf ISIS-Hauptquartiere“. Ein schiitischer Offizier wird zitiert: „Es gibt keinen Zweifel, ISIS ist fast besiegt, sie sind schwach. Wenn die USA sie nur nicht mehr unterstützen würden, könnten wir sie besiegen.“

Ist da wirklich etwas dran?! Ich selbst glaube: Nein! Jedenfalls betreiben die Vereinigten Staaten kein „doppeltes Spiel“. Ein Problem allerdings ist, dass oft zu irgendeinem Zeitpunkt gewisse Gruppierungen in einem Konflikt unterstützt werden, sei es finanziell, ideologisch und mit Waffen. Ist diese Konfliktsituation vorbei, verbleiben die Vorteile dieser Unterstützung in der Region bei der Gruppierung oder diese verkauft zum Beispiel die Waffen an andere Gruppierungen. Das leidige Lied mit Osama Bin Laden. Erst ein Zögling der USA, angeblich dort sogar ausgebildet, wandte er sich anschließend gegen die Amerikaner. Das Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist allseits bekannt.

Bin Laden stammte aus einer wohlhabenden saudischen Unternehmerfamilie und unterstützte in den 1980er Jahren den Kampf der Mudschaheddin im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan mit Geld, Waffen, Ausbildungslagern und Bauprojekten.

Bereits im Mai 1988 begannen die Sowjets ihren bis Februar 1989 dauernden Abzug aus Afghanistan. Bin Laden und die anderen Führer der „arabischen Afghanen“ wollten ihre Männer aus einem sich abzeichnenden Bruderkrieg zwischen den Mudschaheddin-Gruppen heraushalten und den Dschihad gegen „Ungläubige“ andernorts fortführen. Bei einer Zusammenkunft am 11. August 1988 in Peschawar beschlossen sie, geeignete Männer in einer neuen Organisation namens al-Qaida („die Basis“) zu vereinen. Bin Laden zufolge bezog sich der Begriff zunächst auf das Militärübungslager, in dem Kämpfer auf Tauglichkeit für die neue arabische Elitelegion geprüft wurden.

Nach dem Zweiten Golfkrieg 1998 erklärte er in einer Fatwa das Töten von Zivilisten und Soldaten der Vereinigten Staaten überall zur Pflicht eines jeden Muslims. Er wurde zur Identifikations- und Symbolfigur verschiedener islamischer Terrorgruppen, die sich in ihren Anschlägen gegen die westliche Welt wandten.

Warum der ganze Schriebs? Im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan war Bin Laden Verbündeter der USA. Über ihn und seine Männer setzte man den Sowjets im besetzten Land zu, ohne sich selbst dort militärisch zu engagieren.

Ist das Ganze übertragbar auf die Situation mit dem Islamischen Staat im Irak?

Am 19. Mai diesen Jahres berichtete das Handelsblatt: „Irakische Soldaten auf der Flucht lassen Panzer und Artillerie stehen: Auf diese Weise kommt die Terrormiliz IS an Waffen, die eigentlich gegen sie gerichtet werden sollten. Nun steht eine neue Schlacht um Ramadi bevor“.

Die USA wollen nunmehr für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat zusätzliche Spezialeinheiten in den Irak entsenden. Die Spezialkräfte sollen vor allem das irakische Militär und die kurdischen Milizen unterstützen, kündigte US-Verteidigungsminister Ashton Carter an. „Mit der Zeit werden sie in der Lage sein, Übergriffe zu starten, Geiseln zu befreien, Geheiminformationen zu sammeln und IS-Führer zu fangen. Die Spezialkräfte werden auch eigene Missionen in Syrien ausüben“, kündigte Carter an.

Damit weiten die USA die Rolle ihre Bodentruppen im Kampf gegen den IS aus. Bereits im vergangenen Monat entsandte das Pentagon 50 Spezialkräfte in die Region. Zuvor hatten sich die USA stets geweigert, in diesem Konflikt Soldaten am Boden einzusetzen.

Die Strategie der USA ist zweigleisig: Zum einen sollen Stellungen des IS bombardiert, ihre Kämpfer ausgeschaltet und ihre Einkommensquellen trockengelegt werden. Zum anderen wollen die Amerikaner Partner aus der Region stärken, um das Territorium dauerhaft zu sichern.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten:

  • die Vereinigten Staaten haben den Islamischen Staat zu keinem Zeitpunkt aktiv unterstützt
  • der Vorwurf dahingehend entspricht russischer Propaganda. Putins Trolle sind fleißig.

Schlussendlich bleibt aber eine Erkenntnis: Die Weltgemeinschaft hat den IS unterschätzt.

Man hat die Problematik militärisch viel zu lange schleifen lassen.

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Lieber Pierre,

die „Leichtigkeit des Seins“ ist mir ebenfalls abhandengekommen, jedoch möchte ich keine weitere Weltuntergangsstimmung verbreiten. Ich fange mal bei den Religionen an, die ständig als verantwortliche Kräfte vergewaltigt werden. Ich bin nicht religiös, d.h. ich ordne mich keiner Religionsgemeinschaft unter, weil in erster Linie tatsächlich der Mensch zählt und n u r der Mensch, egal welcher Hautfarbe, Religion und Sprache. Der Humanismus ist das Einzige, was uns helfen und weiterbringen kann. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass mein komplettes literarisches Schaffen der vergangenen Jahre nur auf Einem beruht: Der Appell an die Menschlichkeit, an die Ethik, die Wahrnehmung, der Respekt, die Werte und im Mittelpunkt immer wieder unser Verstand und unsere Sinne. Genau darauf kommt es an – Menschlichkeit! Wo ist denn die Menschlichkeit, wenn in Deutschland Flüchtlingsheime angezündet und hilfebedürfte Menschen eingepfercht oder in den gleichen Topf geworfen werden wie die radikale IS? Die IS hat ein nur Ziel: Die Errichtung eines Kalifats und dabei verfolgen sie auf eine brutale Weise Andersgläubige weltweit.
Wir denken, dass Menschen vernunftgesteuerte, emotionale Wesen sind, die nahezu alle tief im Herzen wissen, dass Gewalt der falsche Weg ist, aber es gibt Terror und Gewaltakte, bei denen viele, viele Menschen ihr Leben lassen müssen und die (nicht nur die westliche) Welt in Angst versetzen sollen. Ich mache es nicht an der Religion des Islam fest, es wäre verkehrt und absolut falsch. Es sind wieder Menschen, die Religion für radikale Zwecke benutzen und Tausende Menschen (und Muslime) sind vor der Gewalt der Dschihadisten geflohen.
Wir müssen wissen, dass es Gut und Böse, Engel und Teufel, Schwarz und Weiß gibt und der Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Glaube besteht, seitdem es Menschen gibt. Fazit: Wir müssen uns die Frage stellen, ob der Mensch in der Evolutionsgeschichte mit dem, was er zerstört, produziert, tut überhaupt fähig ist, bestehen zu bleiben. Er wird es… solange es die Erde gibt und genauso lange wird der Kampf zwischen Gut und Böse nicht aufhören.
Niemand kann einen Terroranschlag 100% ausschließen und es wird nicht einmal mit allen Sicherheitsvorkehrungen der Welt möglich sein, einen absoluten Weltfrieden zu erreichen. DAS ist die Kehrseite des Menschen, wenngleich wir alle von Humanität und Ethik sprechen. Ich gebe dir Recht, dass nur die vollkommene Integration einen Ausweg bieten könnte, aber niemand kann auch hier ausschließen, dass es Überläufer geben wird. Schauen wir einmal unser Deutsches Volk genau an: Wir sprechen von „frei leben“, „in Frieden leben“ … aber die Rassisten Deutschlands tun genau das nicht – den anderen Menschen diesen Freiraum ebenfalls zuzugestehen. Also haben auch wir das Böse direkt in unserem Land, keinen Deut besser, lediglich mit anderen Mitteln ausgestattet und – da wir es in diesem Fall weitestgehend mit ungebildeten, frustrierten, radikalen Idioten zu tun haben – nicht so umfassend zerstörerisch wie die IS (was auch nie passieren darf). Beide können sich die Hand reichen, keiner ist besser als der andere und die Strömungen, Intentionen, Absichten sind ähnlich. Die IS strebt das Kalifat an, die Rechtsradikalen einen Deutschen Staat n u r für Deutsche. Wo liegt der Unterschied? Ich sehe keinen, denn beides ist abgrundtief zu verurteilen, höchst intolerant und hat mit Menschlichkeit nicht das Geringste zu tun.
Wo wir dringend ansetzen müssen ist, der Kommerzwelt einen Riegel vorzuschieben, wieder bewusst mit unserem Leben umzugehen, die Sinne einsetzen und die negativen Eigenschaften, wie Hass, Gier, Neid ablegen, aber das wird leider ebenso wenig gelingen, wie den Weltfrieden zu erreichen, denn das große Problem ist der Mensch selbst. Es ist immer der Mensch, der hinter allem steht, immer! Wenn es schon in familiären, privaten Beziehungen nicht klappt, wenn es schon mit dem Nachbarn nicht funktioniert, wenn es schon überall an den Kassen Gedränge gibt, wie soll das dann global möglich sein? Dazu gehört verdammt viel Zivilcourage, Mut, Selbsterkenntnis, Liebe zu dem Leben und wer hat denn noch wahre Liebe zu vergeben? Menschen sprechen von Liebe aber tragen sie nicht im Herzen und genau das brauchen wir.
Mag ich ein Idealist sein, denn das werden wir nie erreichen und der Dämon lauert in der Hölle, in der wir entweder eines Tages gemeinsam verrecken oder es schaffen werde, das Blatt zum Guten zu wenden. Alaaf? Ich bin kein Karnevalsfan und werde es auch nie werden, lieber Pierre. Eine Farce zum Fröhlich-Sein auf Kommando und eigentlich nur der Freischein zum Saufen, Ficken und in-eine-andere-Rolle-schlüpfen. Dem Weihnachtsfest kann ich leider auch wenig abgewinnen, es ist in heutzutage nur noch Kommerz und Konsum im Namen Jesus Christus. Wichtiger ist es, zu lieben, gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen und sich gegenseitig zuzuhören! Hast Du schon bemerkt, dass eigentlich keiner mehr zuhört? Die Gesellschaft krankt einfach an sich selbst oder dem Zuviel Mensch auf einem begrenzten Planeten, den wir zerstörerisch ausrotten und kampfeslustig nieder trampeln. Amen. Im Namen keiner Religion… LOVE=PEACE!

In guten Gedanken dennoch eine Umarmung,
Petra

© Petra M. Jansen

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Liebe Petra,

während der großen Pest, wurde viel gefeiert, gesoffen, gevögelt, gefressen, um das Böse zu verjagen und das war die Illusion, dass sich somit die Epidemie ganz einfach besiegen lässt. Das war natürlich ein Trugbild, machte aber das Sterben erträglicher und vielleicht ist das unsere letzte Waffe, um gegen den islamischen Terrorismus Stand zu halten. Auch wenn es uns nicht danach ist, müssen wir beweisen, dass wir uns das Schöne am Leben nicht vermiesen lassen. Klar, wir dürfen uns nicht in unseren vier Wänden verschanzen, mit dem Glauben, dass wir uns somit retten können. Was in Brüssel, durch eine selbst inszenierte Schlamperei entstanden ist, ist eine Kapitulation. Man ließ die Islamisten jahrelang gewähren, eher aus Bequemlichkeit und jetzt hat man die Bescherung. Damit kann die IS einen riesigen Erfolg buchen und man sieht, was die Verbreitung der Angst anstellen kann. Wenn meine Knochen nicht streiken würden, würde ich jetzt tanzen, in Konzerte gehen und die Sau herauslassen. Zugegeben, die Lust fehlt mir ein wenig, aber mit Trübsal erfülle ich ausgerechnet, was sich die sehr gescheiten Strategen des Kalifats ausgedacht haben: Unsere so hochtechnisierte Gesellschaft lahm zu legen. Bravo, Ziel erreicht!

Positives Denken reicht aber nicht aus. Man sollte sich Gedanken machen, wie es dazu kommen konnte, dass junge Menschen, die aus unseren Ländern kommen, so verzweifelt sind, den Selbstmord hinzunehmen. Ja, das passiert in „unserem Land des Lächelns“, eher des Grinsens. Sich in die Luft jagen zu lassen kostet viel Überwindung und sie kann nur durch einen tiefen Frust und durch eine totale Ziellosigkeit entstehen. Junge Leute, die sich von unserem Wohlstand überrollt fühlen, entdecken irgendwann, dass der Tanz um das goldene Kalb, nur ein Betrug ist. Das nehmen perfide Prediger als Argument, um ihnen die Illusion zu vermitteln, dass endlich ihr Leben, durch den Glauben, wieder einen Sinn haben kann – je radikaler, desto besser. Auch sie sind Betrüger, weil es letztendlich nur um Moneten und Macht geht. Trotz der Grausamkeiten, die dadurch entstehen, müssen wir auch in unserem Stall ausmisten. Ja, wir tragen eine große Verantwortung zu diesen Umständen, weil wir nur den Konsum hoch loben, den Mensch an seinem Portemonnaie bemessen. Werte wurden weggefegt zu Gunsten der Habgier – alles dreht sich nur darum und ist für Heranwachsende eine bedenkliche Perspektive. Kein Wunder, dass diejenigen, die sich benachteiligt fühlen und sich geistig aufgegeben haben, Amok laufen. In diesen hoch destabilisierten Kreisen werden die „Soldaten“ rekrutiert. Es ist zu einfach den Fanatismus und die Manipulation als Hauptursache vorzuschieben. Nur ein bestimmter Typus Leute kommt dafür in Frage und leider sind es immer mehr, weil wir sie nicht auffangen wollen. In Frankreich oder in Brüssel sind eklatante Beispiele eines Mangels an Integration zu verzeichnen. Die meisten der Benachteiligten sind Landsleute, haben einen europäischen Pass und werden dennoch wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Wenn wir die Zukunft besser gestalten wollen, müssen wir diese Zustände ändern. Der erste Schritt wäre, die Bevölkerung mit Migrations-Hintergrund auf alle Quartiere einer Stadt zu verteilen und die Ghettos abzureißen. Dann muss es vermischte Schulklassen geben, die einen direkten Kontakt zu den Kids untereinander ermöglichen – um sich einfach kennenzulernen, um die Vorurteile und die Ausgrenzung effizient zu bekämpfen, denn nur so werden wir die Lage verbessern können. Das aber braucht mehrere Generationen und kann nicht den heutigen Terrorismus anhalten. Es ist eine Zeitfrage und in diesem Punkt ist der IS im Vorteil. Er wird alles tun, um zu beweisen, dass wir ausländerfeindlich sind. Wenn sich dadurch die Spannungen vermehren, kann es zu einem Bürgerkrieg kommen und es liegt an uns, dies zu vermeiden.

Eigentlich wollte ich einen “leichten“ Brief schreiben, aber das ist mir leider nicht gelungen. Verfolge ich somit das Ziel der Bärtigen? Vielleicht schon. Und wie wäre es, Karneval zu feiern, zu blödeln? Her mit dem Stoff, dass ich mich endlich in Stimmung versetzt!

In diesem Sinn, eine liebe Umarmung

 

Pierre

//pm

Terroranschläge kosten nicht viel. Das FFnI, das norwegische Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums, wertete Anschläge von 40 Dschihadistenzellen in Europa zwischen 1994 und 2013 aus. Ergebnis: Terroristen brauchen für Planung und Durchführung von Attentaten keine großen Summen. Drei Viertel der Anschläge kosten weniger als 10.000 Dollar. Das teuerste sind Waffen und Sprengstoff.

Der Islamische Staat (IS) braucht im Irak und Syrien dennoch Millionen. Man muss seine Existenz sichern, die Stammesfürsten bei Laune halten, Logistik, Trainingscamps und Waffen finanzieren.

Um die Verbrecher zu bekämpfen, muss man ihnen die Finanzquellen abschneiden, den Geldfluss unterbinden. Auf dem jüngsten G20-Gipfel in Antalya machten die Staats- und Regierungschefs den Kampf gegen die Terrorfinanzierung zu einem der Hauptthemen. Präsident Erdoğan wollte das Thema ganz oben auf der Agenda haben

Gründe dafür gab es genug: die Anschläge in Ankara Anfang Oktober, der Absturz des russischen Touristenfliegers über dem Sinai und jetzt die Angriffe in Paris.

Neu ist diese Forderung nicht. Seit 9/11 in New York will die westliche Welt den internationalen Terrornetzwerken die finanzielle Basis entziehen. Wenige Wochen nach dem Anschlag 2001 verabschiedeten die G7-Staaten einen Aktionsplan. Ergebnis: In 150 Staaten wurden Konten mit Guthaben von mehr als 100 Millionen Dollar eingefroren. Die Financial Action Task Force (FATF), eine Unterorganisation der OECD, die sich um Geldwäsche kümmert, präsentierte Richtlinien für den Kampf gegen die Terrorfinanzierung.

Finanzielle Unterstützung von Terroristen wird unter Strafe gestellt, Gelder beschlagnahmt.

Trotz aller Anstrengungen konnten Terrornetzwerke wie der IS entstehen, in den vergangenen Jahren organisierten sich in Nord- und Westafrika radikale Netzwerke wie Ansar Bait al Maqdis in Ägypten oder Boko Haram in Nigeria. Das Grundproblem: Terrorismus ist transnational, seine Finanzströme auch.

Leider sind die Vorgaben der FATF rechtlich nicht bindend, sondern nur ein Empfehlungskatalog. Auch Deutschland ist noch dabei, den Katalog aus dem Jahr 2012 abzuarbeiten. Erst diesen Sommer machte die Bundesregierung unter anderem die Terrorfinanzierung zu einem Straftatbestand. Sie steht unter Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

Laut aktueller Bilanz der FATF haben nur etwas mehr als die Hälfte der untersuchten Organisationen, darunter die bisher 34 Mitgliedsstaaten, Terrorfinanzierung unter Strafe gestellt, Sanktionen werden viel zu selten verhängt. Beim Einfrieren von Geldern sieht es nicht anders aus: Saudi-Arabien führt das Ranking an, Konten mit mehr als 31 Millionen Euro wurden gesperrt. Danach folgen die USA mit rund 20 Millionen Euro. Deutschland hat über die Bundesbank gerade einmal 5.300 Euro sperren lassen. Die Liste ist lückenhaft.

Zudem scheitert die Umsetzung oft an mangelnder Koordination. In Deutschland ist es schon eine Herausforderung, zwischen Bund und Ländern für einen effizienten Informationsaustausch zu sorgen. Auf internationaler Ebene ist das Ganze noch schwieriger.

Vor allem aber sind die Terroristen inzwischen sehr erfolgreich, informelle Wege für ihre Geldtransfers zu erschließen. Klassische Finanzierungswege, wie etwa die Unterstützung durch reiche Einzelpersonen oder islamische Wohlfahrtsorganisationen existieren weiterhin, unter anderem für Al-Kaida und das Hawala-System.

Die meisten Terrororganisationen nutzen zunehmend digitale Methoden. Auf Bankkonten sind sie nicht mehr angewiesen.

Die digitale Währung Bitcoins spielt hier eine bedeutende Rolle. Hierdurch machen sich die Terroristen derzeit unangreifbar.

Den IS von Geldzuflüssen aus dem Ausland abzuschneiden, fällt allein schon deshalb schwer, weil sich die Terrororganisation inzwischen zum Großteil selbst finanziert: Der IS hat in seinen Herrschaftsgebieten im Irak das bestehende Besteuerungssystem übernommen, das oft Erpres-

sung ähnelt. Nach Informationen von FATF verteilt er mit akkurater Buchführung seine Einnahmen. Er beutet heimische Ölvorkommen aus und lebt von Bargeldreserven aus Beutezügen. Wenn kein Konto im Spiel ist, hilft das beste Überwachungssystem nichts.

Der Islamische Staat ist eine Beute-Ökonomie. Er muss ständig neue Gebiete erobern, um sie zu plündern. Hieran ging bereits das Römische Reich zugrunde. Wenn man den Schmuggel vollständig unterbindet, wird der IS über kurz oder lang implodieren.

Wichtig ist weiterhin, mit militärischen Anschlägen Ölförderanlagen, Raffinerien und Pipelines des IS lahmzulegen. Es kostet den IS circa 230.000 US-Dollar, um eine Raffinerie wieder aufzubauen, das schwächt diesen extrem.

Die Verbrecherorganisation IS muss finanziell unattraktiv werden. Wenn lokale Stammesfürsten keine Privilegien mehr erhalten, werden sie sich von ihm ab- und dem Westen zuwenden. Um 2005 ist es den Vereinigten Staaten im Irak gelungen, lokale Machthaber auf ihre Seite zu ziehen. Eine solche Entwicklung ist der GAU für Terrororganisationen. „Scheitert der IS, dann implodiert ein Symbol für die Islamisten“, laut Peter Neumann, Terrorismusexperte vom King’s College in London..

Ich wollte eigentlich zum Wochenende etwas anderes schreiben. Irgendetwas lustiges, über Liebe, Vergnügen, Entspannung. Schlichtweg etwas Schönes! Es kam anders … Der gestrige Freitag der 13. hat seinem Namen wieder alle Ehre gemacht. Abergläubige haben wieder mit allem gerechnet: mit Stürzen, verpassten Terminen, Zuspätkommen, Autounfällen usw.. Aber damit nicht. Wer könnte das in seinen übelsten Alpträumen? Wer hat mit so einem Verbrechen, einem Massenmord an unschuldigen Zivilisten gerechnet?! Niemand! Wie hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben? Es war ein Angriff auf alles Schöne: „Die Attentäter zerschossen den Feierabend der Franzosen, der Terror traf sie im Fußballstadion, in Restaurants, in der Konzerthalle“. Sie haben alles kaputtgemacht, dabei viele Leben ausgelöscht. Die, die meinen, der richtigen Religion zu dienen. Die, die aus dem heiligen Buch des Koran die Anweisung herauslesen, Massenmord begehen zu dürfen. Diejenigen, die einen Staat wie zu Mohammeds Zeiten errichten wollen. Ja, noch mehr: einen angeblichen Gottesstaat. Aber nennen wir das Kind beim Namen: die Typen sind Lügner, Heuchler, schlichtweg Verbrecher. Man missbraucht die Religion zum Zwecke eigener politischer Ziele. Mohammed war ein weiser Mann, ein Religionsstifter. Jeder Koranexperte wird bestätigen – unter dem geschichtlichen Hintergrund – dass die Taten des Islamischen Staates nicht im Sinne Mohammeds sind. Gott ist ein gerechter Gott. Die gestrigen Taten waren nicht gerecht: es wurde massenweise grausam und grundlos getötet und zerstört. Mit einer Steinbruchmentalität wird das, was in den eigenen Kram passt, aus dem Koran herausgeklopft und zu einer Strategie zusammengefügt. Einer Strategie des Mordes! Jeder gläubige Muslim wird mir recht geben, wenn ich behaupte, dass die heiligen Bücher, also auch der Koran, weise Bücher sind. Sie enthalten Regeln zum Umgang der Menschen untereinander und Regeln für das Verhältnis der Menschen zu Gott. Es gibt medizinische Hinweise, wie Fasten, und geschichtliche Hintergründe. Liest man diese Bücher richtig, vor allem auch im Zusammenhang, dann kann der Geist davon nur profitieren. Die heiligen Bücher enthalten Ratschläge für das Leben, sie sind keine Handbücher zum Töten. Aber was bedeuten solche Sätze, wenn die heiligen Schriften in die Hände ungebildeter Verbrecher kommen, die deren geistige Tragweite gar nicht erfassen können?! Ja, noch schlimmer: diese „Frontmänner“ sind billige Handlanger weniger Strippenzieher im Hintergrund, die ersteres instrumentalisieren, um ihre eigenen Interessen zu realisieren.

Es sei Vorsicht geboten, dass diese Zeilen nicht zu einer Hetzschrift werden. Auch diese in den falschen Händen, könnten sie zu Vergeltungsmaßnahmen aufrufen an Menschen, die für die Anschläge in Paris nicht verantwortlich sind. Seien wir wachsam und lassen uns nicht blenden. Tausende von Flüchtlingen, vorwiegend muslimischen Glaubens, suchen derzeit bei uns Schutz. Schutz, den wir ihnen aufgrund der Gesetze und auch im Rahmen der Menschlichkeit schulden. Achten wir darauf, dass sie im Asyl nicht durch Terroristen anderer Art belästigt, verletzt oder gar getötet werden.

Alles Fremde ist unbekannt und macht Angst. Was wir nicht tun dürfen ist, jetzt aus Verzweiflung uns gegen diejenigen zu wenden, die unter unserem Schutz stehen. Die Verbrecher haben sich zu den Taten bekannt. Sie treten unter den Buchstaben „IS“ auf, es sind Islamisten. Das hat mit Islam und gläubigen Muslimen nichts zu tun! Gar nichts! Noch nicht lange her, da glaubte ich noch, seit den Kreuzzügen im Mittelalter sei die Menschheit klüger geworden. Mord im Namen einer Religion sei nicht mehr möglich. Ich habe mich geirrt! Was im Moment abläuft, ist ein „Kreuzzug“ in umgekehrter Richtung. Hüten wir uns, uns von der verbreiteten Stimmung anstecken zu lassen. Gewalt darf nicht mit Gewalt erwidert werden. Eine neue Welle der Gewalt dient niemanden. Sie wird die Opfer des gestrigen Anschlages nicht wiederbringen und auch die Angehörigen nicht trösten. Der 13. November 2015 wird ein trauriger Meilenstein in unserer Geschichtsschreibung bleiben. Er hat die Menschheit eine weiteres Mal zurückgeworfen.

Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Mögen letztere die Kraft finden, dieses Schicksal zu überwinden.

© Thomas Dietsch

Die meisten Flüchtlinge, die nach Europa drängen, stammen aus Syrien. Der Konflikt schwelt schon seit geraumer Zeit. Was ist der Hintergrund?

Die Regierungsform von Syrien ist eine Diktatur. Gleichzeitig ist das Land ein Einparteienstaat. Seit 1970, also seit über 45 Jahren, wird Syrien von der Baath-Partei als einziger politischer Partei beherrscht. Es gab nur zwei Herrscher, jene gehören zur gleichen Familie: Bis zur Jahrtausendwende herrschte Hafez al-Assad. Als er im Jahr 2000 starb, ging die Macht an seinen Sohn Bashar al-Assad über. Er regiert bis heute. Alle anderen Parteien sind der Baath-Partei untergeordnet. Die Baath-Partei ist die einzige Partei mit Macht und Einfluss in Syrien.

Die Assad-Familie gehört zur Glaubensrichtung der sogenannten Alawiten. Die Alawiten sind in Syrien in der Minderheit. Aus diesem Grunde hat die Assad-Familie zwecks Machtsicherung beim Regierungsantritt die Alawiten mit vielen Sonderrechten ausgestattet.

Rund 90 Prozent der syrischen Bevölkerung sind Araber, gehören überwiegend der Glaubensrichtung der Sunniten an. Sie wurden bzw. werden unterdrückt. Menschen werden verschleppt, eingesperrt, gefoltert und getötet. Breite Bevölkerungsschichten leiden Hunger und Armut. Man kämpft ums Überleben. Unmut machte sich vor langem bei dem Großteil der Bevölkerung in Syrien gegenüber der Regierung breit. Forderungen nach besseren Lebensbedingungen, mehr Freiheit und vereinzelt nach Demokratie wurden laut. Öffentliche Proteste gegen die Regierung hat man jedoch mit Gefängnis geahndet.

2011 kam es zum Arabischen Frühling. Mit Hoffnung auf Reformen begannen nach den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten im Jahr 2011 die Proteste in Syrien. Doch der Konflikt zwischen Oppositionellen und Präsident Assad hat sich zum Bürgerkrieg ausgeweitet. Gekämpft wurde auch mit Giftgas. US-Präsident Obama warnte vor dem „Überschreiten der roten Linie“. Nur die Einmischung von Kremlchef Wladimir Putin und die Vernichtung der Chemiewaffen konnte Assad vor einem Militärschlag der USA bewahren. Assad schlug gewaltfreien Demonstrationen mit brutaler Gewalt nieder, hieraufhin gründete sich aus den Protestbewegungen die Freie Syrische Armee, welche die Regierung unter Assad bekämpft. Durch den Bürgerkrieg entstanden Machtvakua, die Terrorgruppen wie der Islamische Staat ausnutzten. Der IS hatte in der Folgezeit große Gebietsgewinne zu verzeichnen. In jenen Regionen besteht eine Terrorherrschaft. Unter anderem Andersgläubige werden öffentlich hingerichtet, meist durch Köpfen. Die Lebensumstände haben sich für die in diesen Gebieten lebende Bevölkerung noch ein weiteres Mal verschlechtert. Wir alle haben noch die Bilder der überladenen Flüchtlingsboote aus Syrien und Libyen vor Lampedusa vor Augen.

Die Vereinigten Staaten riefen am 5. September 2014 beim NATO-Gipfel im walisischen Newport (Gwent) die internationale Allianz gegen den IS ins Leben. Seitdem werden in den letzten Monaten immer wieder Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Syrien und Irak geflogen. Wladimir Putin hat jetzt verstärkt militärische Hilfe für die Regierungstruppen in Syrien in die Wege geleitet. Er will eine internationale Allianz zur Unterstützung Präsident Assads gegen den IS. Washington lehnt dies ab, da man Assad nicht unterstützen wolle.

Die Moskauer Führung hat viele Gründe dafür, Assad treu zu bleiben. Zwar ist er kein enger Verbündeter, aber ein verdienter Geschäftspartner im Nahen Osten. Assad ist einer der letzten Herrscher der Welt, der Jagdflugzeuge und Luftabwehrraketen bedingungslos in Russland einkauft.

Und er steht dafür, dass Russland immer noch Bedeutung in der Welt hat. Andere Großmächte klingeln immer häufiger im Kreml an, um die Syrien-Krise zu lösen. Russland möchte seinen Ruf als treuer Verbündeter im Nahen Osten bewahren. Dass das weltweite Ansehen Russlands durch die Unterstützung Assads leidet, nimmt Moskau in Kauf. Ein abrupter Wechsel an die Seite der westlichen Staaten und der syrischen Opposition würde das kaum ändern. Da bleibt der Kreml offensichtlich seiner Linie lieber treu.

Ein gemeinsames militärisches Vorgehen Russlands und des Westens gegen den IS scheitert also an der Frage der Unterstützung Assads. Russland will ihn vor Ort an der Regierung halten, der Westen will einen Regimewechsel.

Die Bevölkerung kann das Ergebnis dieses Machtgerangels um politische Pfründe allerdings nicht mehr abwarten. Für sie geht es um Tod oder (Über-)Leben. Wir werden Syrien wahrscheinlich militärisch befrieden müssen, um für Menschen dort wieder ausreichende Lebensbedingungen zu schaffen. Bis dahin werden allerdings die Flüchtlingsströme weiter fließen.

© Thomas Dietsch