Nach den Anschlägen im letzten Monat in der französischen Hauptstadt, hat Ernest Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ eine unverhoffte Renaissance erlebt. Und es ist wenig überraschend, dass es binnen weniger Tage zum Bestseller avancierte. Wenngleich es niemanden geben wird, der sich nicht einen besseren Anlass für diese Wiederentdeckung gewünscht hätte.

Hemingways letztes Buch, erstmals 1964 – drei Jahre nach seinem Selbstmord – erschienen und an dem er in einer Lebensphase schrieb, in der er längst körperlich und seelisch heillos aufgerieben war, ist vor allem eines: eine Beschwörung des eigenen, unwiederbringlich verlorenen, vielleicht auch nie wirklich real gewesenen Glücks. Hemingway verknüpft dieses Glück in seinem Buch mit dem Paris der zwanziger Jahre, mit dem Mythos einer Stadt, in der jeder kurz- oder längerfristige Besucher sich unmittelbar an einen Energiestrom aus Bohème und Leidenschaft, Dekadenz, Intellektualität und Weltoffenheit angeschlossen glauben konnte.

Als Grundlage seines Schreibens dienten Hemingway Notizen aus den zwanziger Jahren, die in Koffern verstaut im Keller des Pariser Ritz-Hotels gelegen hatten. Als er die mit Erinnerungen gefüllten Koffer 1956 hinauftragen ließ und zum erstmals wieder öffnete, befand er sich in einer Zeitkapsel, deren gefühlsgesättigter Inhalt sich ihm offenbarte. Schon als Hemingway an dem Pariser Manuskript arbeitete, das (anlässlich seines 50. Todestages) im Jahr 2011 erstmals in seiner Urfassung herausgegeben worden ist, handelte es sich keinesfalls um zeitgenössische Schilderungen der französischen Metropole, vielmehr um den Entwurf eines Stadt- und Lebensgefühls, das längst diffundiert war, auch wenn Hemingway dies natürlich durch das Schreiben selbst zu leugnen versuchte.

Sein Paris-Roman ist nicht das realistische Bild einer Stadt, vielmehr ein Idealbild. Ein Bild, wie wir es angesichts der verheerenden Gegenwart umso inniger heraufbeschwören. Dass nun der plötzlichen Wiederentdeckung von Hemingways Buch etwas Eskapistisches innewohnt, ist unbestreitbar. Begreifen lässt sich diese Sehnsucht nach einem vermeintlich ursprünglichen oder zumindest anderen Paris, als jenes, das wir derzeit in den Medien erleben, als eine Art Trauerarbeit oder auch als Ausdruck der Hilflosigkeit des Einzelnen.

Näher heran an die Pariser Gegenwart führt derweil der in Deutschland gerade im Verlag Edition Tiamat erschienene Roman „Auf den Straßen von Paris“ des 1971 geborenen Frédéric Ciriez. Der deutsche Titel weckt Assoziationen an ebenjene Zeit, die Hemingway dem Leser ausmalt, eine Zeit, in der neben den Caféhäusern die Straßen – und in Paris vor allem die großen Boulevards – zu jenen Orten wurden, an denen der Flaneur als schlendernder Beobachter meinen mochte, den Zustand seiner Zeit und ihrer Bewohner ablesen zu können.

Was waren die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts? Im Grunde eine geile Zeit! Man darf aber dieses Lebensgefühl nicht abstrakt von jeglichem historischen Zusammenhang betrachten. Es war vielmehr der bis dahin größten Katastrophe des jungen 20. Jahrhunderts geschuldet, dem 1. Weltkrieg. Ein Krieg mit Millionen von Toten, einer maschinisierten Art des Massentötens. Ein Krieg, welcher an Grausamkeit alles bisher dagewesene in den Schatten stellte. Zurück blieben Hunger, Witwen, Waisen, bettelnde Krüppel und seelisch kaputte Männer, die von der Front heimkehrten, von welchen niemand mehr etwas wissen wollte. Die zwanziger Jahre waren zu einem großen Teil ein ganzes Stück Verdrängung von Erlebnissen der übelsten Art. Wurde zehn Jahre zuvor noch im Maschinengewehrfeuer gestorben, ließ man in den Zwanzigern „die Puppen tanzen“. Wenn das real Erlebte nicht ausreichte, griff man zu Drogen.

In Anbetracht der derzeitigen Umstände nach den Anschlägen von Paris ist es verständlich, dass der Mensch wieder nach der „heilen“ oder zumindest „besseren“ Welt greift. Die Romane entführen unsere Phantasie. Das ist so gewollt und auch gut so. Aber verlieren wir eins nicht aus dem Auge: die Realität! Sich nur Träumen hinzugeben kann schiefgehen. Die Geschichte mahnt: 1933 war der Anfang der zweiten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Haben berufene Schwarzseher und Untergangspropheten kapituliert? Keine Hiobsbotschaften mehr? Gibt es Hoffnung auf eine wundervolle Zukunft oder ist Nörgeln schlichtweg langweilig geworden?

Es gibt keine Kulturpessimisten mehr. Kaum jemand nörgelt noch herum. Lamentiert und geschimpft wird viel: über den Euro, im Sommer über die Griechen, unsere Kanzlerin oder einen Fußballclub. Gehört nun mal dazu! Man kann nicht alles gut finden.

Und an veritablen Weltuntergangsszenarien herrscht kein Mangel: das Klima für die einen, für andere ist es der Kapitalismus oder vielleicht ein Meteorit auf Abwegen, der uns den Garaus macht. Die Auswahl an Boten der Apokalypse ist reichlich.

Was haben Zukunftsängste mit Kulturpessimismus zu tun? Wenig! Der klassische Kulturpessimist hat keine Angst vor dem Weltuntergang. Häufig sehnt er ihn sogar herbei. Denn ihm geht es um die hehren, großen Werte, die in Gefahr sind. Eine Apokalypse ist aus seiner Sicht durchaus in der Lage, die Welt wieder ins Lot und die Menschheit auf den Pfad der Tugend zu bringen.

Kulturpessimismus ist aber nicht gleich Kulturpessimismus. Seine älteste Variante ist anthropologischer Natur, sie betrifft den Menschen per se. Exemplarisch finden wir ihn in der Geschichte der Sintflut in der Bibel. Hier ist Homo Sapiens die Wurzel allen Übels. Und solange es dieses verdorbene Geschöpf gibt, so die feste Überzeugung, wird es auf dieser Erde keinen Frieden geben. Radikale Tierschützer und Fundi-Ökologen halten daran nach wie vor fest.

Mit der Aufklärung rückte die Kultur – im engeren Sinne – in den Fokus aller Schwarzseher und Untergangspropheten. Es wurde zwischen guter und schlechter Kultur, hoher und niedriger, solcher, die der Erziehung des Menschgeschlechts frommt und jener, die einen verderblichen Effekt hat, unterschieden.

Die radikalsten unter den Kulturpessimisten sehen die Kultur selbst als Übel an. Sie entfremde den Menschen von der Natur und lasse den modernen Menschen leiden. Prototyp dieser Kulturverächter war Jean-Jacques Rousseau, verschrien als „roter Khmer der Philosophie“.

Die zweite Kulturpessimismusversion war die Zyklentheorie: Für sie sind kulturelle Verfallserscheinungen lediglich Symptome des Niedergangs. Dessen Ursachen liegen in universalen historischen Gesetzen, die den „Aufstieg und Fall“ großer Mächte und Kulturen verantworteten. Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ basiert auf dieser Annahme. Empirisch ist sie kaum zu halten.

Letztlich gibt es noch die dritte Variante des Kulturpessimismus: Kulturelle Verfallserscheinungen sind demnach nicht nur Symptome, sondern vor allem auch Ursachen des Niedergangs. Nehmen wir einmal die Massenmedien: Die machen, so die einschlägige Überzeugung, einfältig und blöd, und weil das so ist, werden zukünftige Generationen noch einfältiger und noch blöder – so blöd, dass schließlich keiner mehr etwas mitbekommt.

Intellektuelle in der Rolle des Sehers machen sich jetzt Gedanken, wie man die verblendete Herde aus dem dunklen Tal der Unterhaltungsindustrie ans Licht gehobener Reflexionskultur führen kann.

Seit geraumer Zeit ist es still geworden um die berufenen Schwarzseher. Bestenfalls Peter Sloterdijk warnt noch ab und zu vor den schrecklichen Kindern der Neuzeit.

Der traditionelle Kulturpessimismus war das Kind einer homogenen Bildungslandschaft mit verbindlichen Normen und Werten. Dieses monolithische Ideal einer normgebenden Kultur, die der Maßstab ist für Aufstieg und Untergang, ist unter der Pluralisierung der westlichen Gesellschaften zu Staub zerfallen.

Komm rein, mach´s Dir bequem.

Hol Dir was zu trinken, setz dich zu mir.

Deine Einkaufstaschen sind voll.

Ecken von Geschenkpapier und Bänder

schauen heraus.

Wir geben uns den Rausch,

den der Warenberge und Werbesongs.

Fühlen uns gut, wenn wir kalte Münzen überreichen

oder einfach nur eine Plastikkarte zücken.

Genießen wir die Adventsstimmung

unter dem Eindruck des Terrors.

Kann jeder Tag vielleicht der letzte sein.

Dekadenz in der Untergangsphase Roms.

Blind und satt sind wir, zu faul uns zu empören.

Warum auch? Es geht uns doch gut.

Feiern, wenn um uns herum die Welt in Scherben liegt.

Weinen tun wir nur um unsere Lieben.

Winterdepression bei brennenden Adventslichtern.

Glühwein gegen Kälte.

Gegen Gefühlskälte hilft nichts. Unheilbar!

Die Konsumtempel lehren uns das Vergessen.

© Thomas Dietsch

Die Welt ist in Unordnung. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass. Nicht nur, dass der Terror herrscht. Islamischer Staat und andere Terroristen machen ganze Gebiete unsicher. In vielen Ländern wie Libyen, Tunesien, Irak, Afghanistan gehen sich die Bevölkerungsgruppen untereinander an den Kragen. Die Lage ist außer Kontrolle, die öffentliche Sicherheit ist in Gefahr. Man ist sich buchstäblich seines Lebens nicht mehr sicher.

Jetzt schossen die Türken auch noch einen russischen Bomber über Syrien ab. Was gestern noch höchst strittig war, ob der Abschuss über der Türkei erfolgte und das Flugzeug nur über Syrien abgestürzt ist oder das Flugzeug durch die Türken über Syrien abgeschossen wurde, wurde heute traurige Gewissheit: Wärmebildkameras sollen es bewiesen haben, dass das Kampfflugzeug über Syrien abgeschossen wurde. Das bestätigen US-amerikanische Quellen. Hart! Wir wollen unterstellen, dass das türkische Militär wirklich versehentlich davon ausging, der Flieger habe sich im türkischen Luftraum befinden. Der russische Außenminister Lawrow hat bereits erwähnt, man werde mit dem NATO-Land Türkei keinen Krieg führen, sehe aber in der Aktion eine Provokation und einen „Hinterhalt“. Für eine Normalisierung der schwer beschädigten Beziehungen zwischen den beiden Ländern müsse die türkische Regierung anerkennen, dass der Vorfall absolut unzulässig war, forderte Lawrow. Das kann nicht allzu schwer sein, sich auf diplomatischem Wege zu entschuldigen. Markige Worte, „Säbelrasseln“, können sehr leicht ausarten. Greift Russland die Türkei an, ist die NATO mit dabei. Das bedeutet Weltkrieg! Deshalb betont Lawrow auch, dass man es auf einen Krieg mit der Türkei nicht anlege. Eine weise politische Entscheidung. Wollen wir hoffen, dass die Türken entsprechend reagieren!

Es fällt mir schwer, diese Zeilen zu schreiben. Zwischen ihnen lauert die Angst. Es ist die Angst vor dem Ungewissen, vor Unbesonnenheit. Kocht das Blut, legt sich ein Schatten auf den Geist, Vernunft und Verstand sind wie erstarrt. Vielleicht ist das der Moment, von dem man so oft sagt, dass man nicht wisse, was man tut. Dieser „rote Knopf“ ist so leicht gedrückt, auch wenn man vorher jede Menge Zahlencodes durchgehen muss. Kann man nicht einfach vernünftig miteinander reden?! Ist es denn so wichtig, dass Assad weiter russische Panzer und Waffen kauft? Kann man nicht einfach den IS aus dem Land werfen? Ein amerikanischer Oberst a.D. vertritt die Ansicht, der IS werde militärisch überschätzt. Gemeinsame Bodentruppen seien in der Lage, die Terroristen auszuheben.

Wer hätte gedacht, dass man irgendwann eine solche Rhetorik an den Tag legt? Aber was ist die Alternative? Diese Welt wird derzeit von Worten nicht besser. Und die Terroristen, die uns gegenüberstehen, haben Ziele. Das ist die Weltherrschaft, ein sogenannter „Gottesstaat“. Den will keiner. Sie respektieren keine Minderheiten, anderes Denken, andere Kulturen. Sie sind Ignoranten, was Traditionen und Weltkulturerbe angeht. Die meisten von ihnen sind sehr wahrscheinlich auch extrem ungebildet. Man erzählt ihnen eine Mär, etwas stünde im Koran, und sie fangen an zu töten. Man wird den Islamischen Staat mit Worten nicht besänftigen können. Jegliche Wertvorstellungen und Arten des mitmenschlichen Umgangs sind dessen Mitgliedern fremd. Unsere Kultur – was rede ich? – die Kultur der Menschheit wird von wenigen mit Füßen getreten, soll vernichtet werden. Wer auf Traditionen und Leistungen aus der Vergangenheit von Anderen keine Rücksicht nimmt, hat keine solche von uns verdient. Der IS hat uns eines gelehrt: unsere Regeln, unsere Traditionen und unsere ganze Welt können eines Tages zu Nichts werden. Wir sind gehalten, Sie zu verteidigen. Jeder einzelne von uns, wenn wir weiter als gebildete Menschen leben wollen. Das umfasst alle Menschen auf der Welt, alle Religionen und Kulturen. Denn eines eint uns: Die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, den Anderen zu respektieren und ihn zu achten. Und diese Werte gilt es zu leben!

© Thomas Dietsch

Besonders derzeit scheint die Anzahl an Horrormeldungen stetig größer, statt kleiner zu werden, die Krisen immer dramatischer. Paris, die Krim und Syrien. Oft verfallen wir angesichts solcher immer wiederkehrender Abfolgen von Hiobsbotschaften in eine Schockstarre, manche gar in einen Trotz, schotten uns von der negativen Nachrichtenkultur ganz ab. Doch wird die Welt wirklich immer nur schlechter? Peter Diamandis vertritt in seinem TED-Talk „Abundance is our Future“ (Überfluss ist unsere Zukunft) die Meinung, dass die Welt eigentlich ganz in Ordnung ist, wir aber durch die Medien einen falschen Eindruck vermittelt bekommen.

Ein Eindruck, der 24/7 vor allem von negativen News geprägt ist. Kein Zufall, wie Diamandis erläutert: „Unsere Sinne nehmen jeden Tag mehr Informationen auf, als das Hirn verarbeiten kann“. Dies erfordert ein Filtern von Daten, was vor allem von unserem Überlebensdrang bestimmt wird. Die erste Anlaufstelle aller Informationen ist die Amygdala, ein Teil des Temporallappens, der uns als „Frühwarnsystem“ dient und Gefahren zu erkennen versucht. Schlechten Nachrichten schenken wir also unbewusst mehr Aufmerksamkeit! Nichts ist für uns wichtiger, als zu überleben!

Die alte Nachrichtenweisheit „If it bleads, it leads“, ist traurige Wahrheit. Positive Meldungen gehen seitens der Medien bewusst unter. Kein Wunder, dass diese einseitige Berichterstattung für viele Menschen in der Wahrnehmung eines schlechten Weltbilds, sogar in Pessimismus endet. Diamandis betont aber, dass dieses Gefühl nicht der Realität entspricht. Es handelt sich hier um eine Wahrnehmungsverzerrung, die unser Urteilsvermögen unbewusst irreleitet.

In vielen Bereichen des Lebens geht es uns nämlich besser als je zuvor. Nicht nur unsere Lebenserwartung, sondern auch Technologien tragen dazu bei. Innovationen wie das Internet und Google tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen Zugang zu Bildung haben. Wir teilen unser Wissen, ein enorm positiver Effekt, der dabei helfen kann, dass mehr Menschen zu neuen Lösungen beitragen können.

Dazu kommt auch, dass es uns logischerweise durch die Digitalisierung im Vergleich zu früher, immer umfangreicher und schneller möglich ist, von Geschehnissen zu erfahren. Immer öfter wenden sich Menschen von Schreckensmeldungen ab, sie treibt eine Sehnsucht nach positiven Entdeckungen, Entwicklungen und Projekten. Erfreuliche Nachrichten füllen ganze Websites, bestes Beispiel auch die Rubrik „GOOD“ der Huffington Post. Glaubt man einem Journalisten der ZEIT, dann sind „Constructive News“ die Zukunft. Konstruktive und positive Meldungen, die dabei helfen, dass der Fokus auf Lösungen liegt, nicht auf Problemen. Dies könnte eventuell dazu führen, dass es im Umkehrschluss weniger negative Meldungen geben wird.

Ob wir Diamandis nun glauben wollen oder nicht, Fakt ist: Natürlich haben wir Probleme. Vieles läuft gewaltig schief in der Welt. Das Wissen, dass mehr Positives passiert, als wir mitbekommen, kann aber motivieren, uns auf die Lösung dieser Probleme zu konzentrieren. Aber der Autor trifft den Nagel auf den Kopf: Trotz aller Probleme werden wir diese lösen. Die Welt ist also doch ein bisschen mehr in Ordnung, als wir denken. Irgendwie tröstlich.

Das hat nichts mit Schönfärberei zu tun. Jede Meldung enthält eine Message, deren Verfasser gibt uns seinen Eindruck der Dinge weiter. Zensiert werden wir nicht, wir sind es nur gewohnt, die Geschehnisse zuerst negativ zu sehen. Bei einem Managerseminar malte der Dozent mehrere Smilies an das Board. Alle außer einem lächelten. Die Mehrzahl der Teilnehmer verwies darauf, dass einer traurig sei.

Und zu guter Letzt: Geschehen positive Dinge, ist dies normal. Passiert Fürchterliches, müssen wir berichten. Das ist der Punkt. Attentate wie in Paris werden verübt. Das ist nichts Positives. Aber ein wenig mehr positive Nachrichten zeigen unsere Welt in einem ausgeglichenem Zustand, machen sie vielleicht ein bisschen besser.

Es regnet viel die letzten Tage. Und jetzt zum Wochenende soll es kälter werden. Schnee wurde uns prophezeit … Es ist, als ob der Himmel weint. Weint um die Opfer, die bei dem Anschlag Freitag vor einer Woche ums Leben kamen. Große Anteilnahme! Das ist auch korrekt! Ein fürchterliches Verbrechen. Alle drei oder fünf Sekunden stirbt laut Unicef heute Nacht ein Kind. Unterversorgung an Nahrungsmitteln und Medikamenten, Landminen, etc.. Eine erschreckende Bilanz, mit der wir jeden Tag leben, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde. Aus den Augen, aus dem Sinn! Die Kinder, die da sterben, sind nicht unsere eigenen. Was geht es mich also an?! Wer sagt; „Nichts!“, ist meines Erachtens verantwortungslos. In einer Phase des globalen Wirtschaftens schulden wir den Menschen in Afrika, im Orient, in Asien – wo auch immer – eine helfende Hand. Ihre Produkte kaufen wir für billiges Geld ein. Unter anderem auch ihr Erdöl. Billiges „Shoppen“, Luxus, verbunden mit Gleichgültigkeit. Das ist schofel! In anderer Hinsicht leisten wir uns Kriege, um diese Art des Wohlstands zu sichern. Diese kosten uns Millionen, wenn nicht Milliarden! Geld, investiert um zu töten, das uns andererseits fehlt, um Leben zu retten. Das ist im Klartext gesprochen: Pervers! Kriege zu beenden heißt nicht nur, mit dem Morden aufzuhören, nein, es wir auch Geld frei, um Leben zu retten.

Kommen wir zurück auf die Morde von Paris. Die Opfer und deren Angehörige verdienen unser Mitgefühl. Aber wir nehmen nur selektiv wahr, was heißt, dass nur das, was uns nahesteht, auch wirklich wahrgenommen und kommuniziert wird. Die Franzosen sind unsere Freunde, Paris belegt die Schlagzeilen unserer Presse. Wenn in dem Moment, in welchem ich jetzt diese Zeilen schreibe, irgendwo im Libanon oder in Afghanistan eine Bombe hochgeht, dann interessiert das wahrscheinlich niemanden. Es empört sich niemand mehr, weil es in diesen, wie in so vielen anderen Ländern auch, zur perversen Normalität geworden ist, dass in einer sicheren Regelmäßigkeit Menschen ermordet werden. Ja, ist es normal, bleibt die Empörung aus. Aber Hand aufs Herz: Kann das dazu führen, dass wir mit den Menschen an diesen Orten nicht mitfühlen?! Wohl nein, oder?!

Ich denke, wir sollten uns wieder einmal fragen, was uns die Worte „Sym-Pathie“ (Die Fähigkeit, mit anderen Freude und Leid zu teilen), „Normalität“ und „Anstand“ bedeuten. Sympathie empfingen wir nur mit jenen, die uns bekannt sind. Fremde – unter anderem fremde Kulturen – sind uns suspekt. Wir lehnen das eher ab. Wie kann sich jemand als „weltoffen“ bezeichnen, der so empfindet und handelt?!

Normal ist das, was der Norm entspricht. Die Norm ist die Regel, geschieht etwas regelmäßig, ist es norm-al. Aber ist es nicht so, dass wir uns selbst die Gesetze geben, den Ablauf unserer Tage bestimmen? Ich rede hier nicht von Naturgesetzen (falls es diese im eigentlichen Sinne überhaupt gibt!). Die Norm ist nicht etwas Unangreifbares, wir können sie beeinflussen, abändern. Ich muss mich nicht in die Tatsache fügen, dass täglich Bomben explodieren. Selbst die Attentäter sind nicht gezwungen, Bomben zu zünden. Sie tun es freiwillig. Ist das so, dann kann man von den Morden auch Abstand nehmen.

„Als Anstand wird in der Soziologie ein als selbstverständlich empfundener Maßstab für ethisch-moralischen Anspruch und Erwartung an gutes oder richtiges Verhalten bezeichnet. Der Anstand bestimmt die Umgangsformen und die Lebensart“ (Karl-Heinz Hillmann, „Wörterbuch der Soziologie“, 5. Auflage). Wie hieß das früher? „Das tut ein braver Junge nicht!“. Und wenn uns das Leid der vielen Menschen auf der Welt so egal ist, dann ist es einfach nicht anständig. Das tut man nicht!

Befreien wir unseren Geist von den Scheuklappen! Manche wurden uns aufgesetzt, manche tragen wir vielleicht, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Nur kritische Menschen können auch weltoffen sein. Und wir werden in diesem 21. Jahrhundert diese Art von Menschen brauchen, um die Welt zu bewegen.

© Thomas Dietsch

Terroranschläge kosten nicht viel. Das FFnI, das norwegische Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums, wertete Anschläge von 40 Dschihadistenzellen in Europa zwischen 1994 und 2013 aus. Ergebnis: Terroristen brauchen für Planung und Durchführung von Attentaten keine großen Summen. Drei Viertel der Anschläge kosten weniger als 10.000 Dollar. Das teuerste sind Waffen und Sprengstoff.

Der Islamische Staat (IS) braucht im Irak und Syrien dennoch Millionen. Man muss seine Existenz sichern, die Stammesfürsten bei Laune halten, Logistik, Trainingscamps und Waffen finanzieren.

Um die Verbrecher zu bekämpfen, muss man ihnen die Finanzquellen abschneiden, den Geldfluss unterbinden. Auf dem jüngsten G20-Gipfel in Antalya machten die Staats- und Regierungschefs den Kampf gegen die Terrorfinanzierung zu einem der Hauptthemen. Präsident Erdoğan wollte das Thema ganz oben auf der Agenda haben

Gründe dafür gab es genug: die Anschläge in Ankara Anfang Oktober, der Absturz des russischen Touristenfliegers über dem Sinai und jetzt die Angriffe in Paris.

Neu ist diese Forderung nicht. Seit 9/11 in New York will die westliche Welt den internationalen Terrornetzwerken die finanzielle Basis entziehen. Wenige Wochen nach dem Anschlag 2001 verabschiedeten die G7-Staaten einen Aktionsplan. Ergebnis: In 150 Staaten wurden Konten mit Guthaben von mehr als 100 Millionen Dollar eingefroren. Die Financial Action Task Force (FATF), eine Unterorganisation der OECD, die sich um Geldwäsche kümmert, präsentierte Richtlinien für den Kampf gegen die Terrorfinanzierung.

Finanzielle Unterstützung von Terroristen wird unter Strafe gestellt, Gelder beschlagnahmt.

Trotz aller Anstrengungen konnten Terrornetzwerke wie der IS entstehen, in den vergangenen Jahren organisierten sich in Nord- und Westafrika radikale Netzwerke wie Ansar Bait al Maqdis in Ägypten oder Boko Haram in Nigeria. Das Grundproblem: Terrorismus ist transnational, seine Finanzströme auch.

Leider sind die Vorgaben der FATF rechtlich nicht bindend, sondern nur ein Empfehlungskatalog. Auch Deutschland ist noch dabei, den Katalog aus dem Jahr 2012 abzuarbeiten. Erst diesen Sommer machte die Bundesregierung unter anderem die Terrorfinanzierung zu einem Straftatbestand. Sie steht unter Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

Laut aktueller Bilanz der FATF haben nur etwas mehr als die Hälfte der untersuchten Organisationen, darunter die bisher 34 Mitgliedsstaaten, Terrorfinanzierung unter Strafe gestellt, Sanktionen werden viel zu selten verhängt. Beim Einfrieren von Geldern sieht es nicht anders aus: Saudi-Arabien führt das Ranking an, Konten mit mehr als 31 Millionen Euro wurden gesperrt. Danach folgen die USA mit rund 20 Millionen Euro. Deutschland hat über die Bundesbank gerade einmal 5.300 Euro sperren lassen. Die Liste ist lückenhaft.

Zudem scheitert die Umsetzung oft an mangelnder Koordination. In Deutschland ist es schon eine Herausforderung, zwischen Bund und Ländern für einen effizienten Informationsaustausch zu sorgen. Auf internationaler Ebene ist das Ganze noch schwieriger.

Vor allem aber sind die Terroristen inzwischen sehr erfolgreich, informelle Wege für ihre Geldtransfers zu erschließen. Klassische Finanzierungswege, wie etwa die Unterstützung durch reiche Einzelpersonen oder islamische Wohlfahrtsorganisationen existieren weiterhin, unter anderem für Al-Kaida und das Hawala-System.

Die meisten Terrororganisationen nutzen zunehmend digitale Methoden. Auf Bankkonten sind sie nicht mehr angewiesen.

Die digitale Währung Bitcoins spielt hier eine bedeutende Rolle. Hierdurch machen sich die Terroristen derzeit unangreifbar.

Den IS von Geldzuflüssen aus dem Ausland abzuschneiden, fällt allein schon deshalb schwer, weil sich die Terrororganisation inzwischen zum Großteil selbst finanziert: Der IS hat in seinen Herrschaftsgebieten im Irak das bestehende Besteuerungssystem übernommen, das oft Erpres-

sung ähnelt. Nach Informationen von FATF verteilt er mit akkurater Buchführung seine Einnahmen. Er beutet heimische Ölvorkommen aus und lebt von Bargeldreserven aus Beutezügen. Wenn kein Konto im Spiel ist, hilft das beste Überwachungssystem nichts.

Der Islamische Staat ist eine Beute-Ökonomie. Er muss ständig neue Gebiete erobern, um sie zu plündern. Hieran ging bereits das Römische Reich zugrunde. Wenn man den Schmuggel vollständig unterbindet, wird der IS über kurz oder lang implodieren.

Wichtig ist weiterhin, mit militärischen Anschlägen Ölförderanlagen, Raffinerien und Pipelines des IS lahmzulegen. Es kostet den IS circa 230.000 US-Dollar, um eine Raffinerie wieder aufzubauen, das schwächt diesen extrem.

Die Verbrecherorganisation IS muss finanziell unattraktiv werden. Wenn lokale Stammesfürsten keine Privilegien mehr erhalten, werden sie sich von ihm ab- und dem Westen zuwenden. Um 2005 ist es den Vereinigten Staaten im Irak gelungen, lokale Machthaber auf ihre Seite zu ziehen. Eine solche Entwicklung ist der GAU für Terrororganisationen. „Scheitert der IS, dann implodiert ein Symbol für die Islamisten“, laut Peter Neumann, Terrorismusexperte vom King’s College in London..

Bei Helmut Schmidt ist es in doppelter Hinsicht eine Altersfrage: Zum einen erreichte Herr Schmidt ein biblisches Alter. Am 23. Dezember 2015 wäre er 97 Jahre alt geworden. Zum anderen kennt ihn die junge Generation oft – wenn überhaupt – nur noch vom Hören-Sagen. Soweit liegt seine Kanzlerschaft in den Jahren 1974 bis 1982 schon zurück.

Im Dezember 1918 im Hamburg-Barmbek als Sohn eines Lehrers geboren, ist er bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gerade 20 Jahre alt. In den Jahren 1941/42 kämpft er in einer Panzerdivision an der Ostfront, später an der Westfront.

Schmidt, der einen jüdischen Großvater hat, marschiert zwar in den dreißiger Jahren schon mal mit der Marine-Hitlerjugend. Im Krieg aber sagt er jedem, wie widerwärtig ihm das NS-Regime sei. Der Einsatz vorgesetzter Generäle bewahrt ihn vor einem Prozess. 1945 gerät Oberleutnant Schmidt in britische Kriegsgefangenschaft.

Schmidt hat die Menschen um sich herum bis zum Schluss in zwei Kategorien eingeteilt. Die, die den Krieg erlebt haben. Und jene, die „mit größter Unbefangenheit und Naivität an die politischen Aufgaben rangehen“.

Die Kriegsgefangenschaft habe ihn politisiert, dort sei er Sozialdemokrat geworden, wie er später sagt. 1946 tritt er in die SPD ein. Nach dem Krieg studiert er Staatswissenschaften und Volkswirtschaft, wird Verkehrsdezernent in Hamburg. 1953 zieht er in den Deutschen Bundestag in Bonn ein. Damals macht er sich erstmals als „Schmidt-Schnauze“ einen Namen.

Zurück in der Heimat will Schmidt mitregieren, als Innensenator in Hamburg. 1962 kommt die große Bewährungsprobe: Die Flut bricht über Hamburg herein. Das Wasser überrascht alle. Schmidt bleibt besonnen, zieht halblegal die Kommandogewalt im Lagezentrum an sich, das ihm wie ein Hühnerhaufen vorkommt. Er koordiniert die Rettungskräfte, befehligt Bundeswehrsoldaten, fordert Nato-Hubschrauber an.

Nach der Flut ist Schmidt der „Macher“, der Krisenmanager. Er wechselt wieder nach Bonn, wird Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, danach Verteidigungsminister unter Bundeskanzler Willy Brandt. Er baut die Streitkräfte um: Schmidt entstaubt die junge, aber in überkommenen Traditionen verhaftete Armee, setzt die Prinzipien der inneren Führung und des Bürgers in Uniform durch. Die Bundeswehr-Universität in Hamburg trägt heute seinen Namen. Zwei Jahre amtiert er als Finanzminister, dann fällt ihm die Kanzlerschaft zu. Willy Brandt tritt wegen der Spionage-Affäre um Günter Guillaume zurück. Schmidt bedrängt Brandt noch, wegen so etwas solle dieser nicht hinschmeißen. Brandt hört nicht auf Schmidt, am 16. Mai 1974 wird letzterer zu seinem Nachfolger gewählt. Es folgen Krisenzeiten, politisch und wirtschaftlich. Die Ölkrise, wachsende Verschuldung und Arbeitslosigkeit, schließlich der Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF), der im Herbst 1977 seinen blutigen Höhepunkt findet. Die Entführungen der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer werden die härteste Probe für Schmidt in seinem politischen Leben. Er lässt die GSG 9 in Mogadischu die Geiseln befreien.

Es sind wirtschaftlich schlechte Zeiten. 1982 Schmidt nimmt lieber Schulden auf, als das Land zu reformieren. Der Koalitionspartner FDP will eine andere Politik. In der eigenen Partei sieht er sich wachsender Kritik ausgesetzt, weil er sich für den Nato-Doppelbeschluss ausspricht. Ende 1982 zerbricht die Koalition. Die FDP läuft zur Union über und macht Helmut Kohl zum Kanzler. Ein Jahr später schlägt Schmidt ein neues Kapitel in seinem Leben auf, wird Mitherausgeber der ZEIT. 1987 verlässt er den Bundestag.

Viele seiner Entscheidungen waren visionär: Der von ihm forcierte Nato-Doppelbeschluss, die Aufrüstung mit Pershing-II-Raketen, hat letztlich 1987 zu den Abrüstungsabkommen geführt. Die Einführung des von Schmidt und dessen Freund, dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing entworfenen Europäischen Währungssystems hat die Grundlage geschaffen für die spätere Einführung des Euro.

Helmut Schmidt blieb der ZEIT bis zu seinem Tode verbunden, er ist nebenbei Autor vieler Bücher. Politiker jeglicher Couleur und Menschen weltweit schätzten seinen auf Altersweisheit basierenden Rat.

In einer Zeit, in welcher der Intellekt zusehends flacher wird, das Leben immer oberflächlicher, reißt der Tod Helmut Schmidts am 10. November 2015 eine Riesenlücke in unsere Gesellschaft, die wir nicht mehr füllen können. Er wird uns fehlen, der Politiker, Publizist und Philosoph.

Danke, Helmut Schmidt!