Die türkische Regierung hat das Gesetz zum Hochschulrat YÖK geändert. Es ermöglicht nun dank eines Gummiparagraphen, unliebsame Privatuniversitäten zu schließen oder de facto zu enteignen.

Nach der Pressefreiheit zielt die türkische Regierung jetzt verstärkt auf die Freiheit der Bildung. Letzte Woche trat ein Gesetz in Kraft, das die Befugnisse des Hochschulrates YÖK, des zentralen staatlichen Kontrollgremiums über die Universitäten, erheblich erweitert und zur willkürlichen Schließung oder Unterstellung von unliebsamen Privatuniversitäten unter eine Zwangsverwaltung genutzt werden kann.

Nach der Änderung des Gesetzes sollen Universitäten, deren Verwaltung „Aktivitäten gegen die unteilbare Einheit des Staates durchführen oder unterstützen“ geschlossen oder im Falle, dass sie Privatuniversitäten sind, einer staatlichen Leitung unterstellt werden. Der einschlägige Satz ist ein klassischer Gummiparagraph, der in absehbarer Zeit zur Unterdrückung politischen Dissenses wird genutzt werden können. Außerdem erhält der Hochschulrat die Befugnis, bestimmte Programme (Vorlesungen, Seminare usw.) zu streichen, die Neuaufnahme von Studenten zu unterbinden oder die Hochschule vorübergehend zu schließen. Sollten im Rahmen der Ermittlungen gegen Universitäten angeforderte Unterlagen nicht rechtzeitig vorgelegt werden, hat YÖK die Ermächtigung, die Universität zu übernehmen.

Kritiker sehen die Änderung in Zusammenhang mit der Hexenjagd von Staatspräsident Erdoğan auf die Hizmet-Bewegung. Bisher hat Erdoğan die Bank Asya, die im Umfeld der Bewegung entstanden war, unter staatliche Kontrolle stellen lassen. Danach wurde der Koza İpek Konzern einem staatlichen Zwangsverwalter unterstellt, Journalisten und Verantwortliche der Zeitungen und TV-Sender unter dem Dach des Konzerns wurden entlassen. Zuletzt unterstellte man den Konzern Kaynak, der der Bewegung ebenfalls nahesteht, staatlicher Zwangsverwaltung.

In der Türkei gibt es zur Zeit 190 Universitäten. 114 von ihnen sind staatliche Universitäten, 76 private, sogenannte Stiftungsuniversitäten. 17 von ihnen werden mit der Hizmet-Bewegung in Verbindung gebracht. Nach dem Militärputsch 1980 wurde YÖK gegründet, um dem Staat die Kontrolle über die akademische Lehre zu sichern. Kritiker sehen die neue Änderung jedoch nicht nur im Zusammenhang mit der Hizmet-Bewegung. Sie könnte auch von anderen Stiftungsuniversitäten als Bedrohung aufgefasst und zur Entlassung kritischer Akademiker führen, so die Befürchtung. Die regierungsnahen Medien haben schon seit langem keine Hemmungen mehr, alle oppositionellen Stimmen als Landesverräter“ zu brandmarken. Das neue Gesetz bietet das Handwerkszeug, sich dieser Wissenschaftler an den Universitäten zu entledigen.

Der Hochschulrat YÖK war einst ein Feindbild der AKP. Er war eine Bastion der strikten Säkularisten, von dem beispielsweise das Verbot des Kopftuches an Universitäten ausging. Die AKP war in den 2000er Jahren stets gegen den YÖK aufgetreten und hatte ihn als eine Einschränkung der akademischen Freiheit kritisiert. Nun, da sie selbst die Kontrolle über den Hochschulrat hat, ist das plötzlich kein Thema mehr.

Es stellt sich immer wieder die Frage nach den Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union. Nach den Aufständen im Gezi-Park im Sommer 2013 in Istanbul ist das jetzige Vorgehen des türkischen Staates ein weiterer Beweis, dass sich die Werte, die die türkische Regierung pflegt und die der Europäischen Union nicht unter einen Hut bringen lassen. Das Gesetz, beziehungsweise dessen Änderung, stellt einen frappierenden Eingriff in die akademische Freiheit der Universitäten dar – eines der vornehmsten Rechte einer Demokratie. Zensur ist eine Maßnahme einer Diktatur – unliebsame Kritiker will man mundtot machen. In einer Diktatur gedeiht kein freier Geist. Ähnlich wie in China setzt die türkische Regierung offensichtlich auf die Selbstzensur der Wissenschaftler. Die Angst vor Repressalien führt dazu, dass man nichts Unliebsames mehr veröffentlicht. Wissenschaft und technologischer Fortschritt werden ausgebremst. Die These muss lauten, dass es zu einer Abwanderung türkischer Wissenschaftler ins Ausland kommen wird.

Liebe Petra,

das Gefühl, mich in einer Geisterbahn zu befinden, erweckt bei mir keinen Kick mehr – lauter déjà-vu, die mir viel Unbehagen bereiten. Grinsende Gestalten, die aus dem Geschichtsbuch entkommen sind und die mich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts versetzen. Darunter eine Menge braune Hemden, Hakenkreuze, üble Karikaturen, diskriminierende Reden, in denen vom Untermenschen die Rede ist. Im Gegensatz dazu, Plakate mit blonden Typen, die sich als Retter des Abendlandes würdigen lassen, die das Ungeziefer vernichten werden! Dass damit Menschen gemeint sind, scheint den jubelten Mob nicht zu stören, im Gegenteil. War es nur ein Alptraum? Als ich mich wieder unter freiem Himmel befinde, atme ich durch. „Hallo Pierre, wir befinden uns im Jahr 2015 und alles ist paletti.“ In der U-Bahn tippe ich wie üblich auf die Tasten meines I-Phones. Zuerst die neusten Nachrichten: In Frankreich ist die rassistische Nationale Front am Sonntag die erste Partei des Landes geworden und das mit Parolen, die bei mir einen üblen Nachgeschmack hinterlassen. „Nein, wir haben mit dem Nationalsozialismus nichts am Hut. Wir sind nur Patrioten, die unsere Heimat vor fremden Einwirkungen schützen wollen.“ Damit sind vor allem die Muslime gemeint. Ausgrenzung ist die Devise, aber bitte, das hat mit der Judenverfolgung keinen Zusammenhang, sagen die „wahre Franzosen.“ Viele von ihnen würden den Rat von Donald Trump folgen und „den bösen Ausländern“ die Einreise verbieten, mehr noch, sie schassen, auch wenn sie schon lange Einheimische sind.

So etwas gibt es in Deutschland nicht? Von wegen. Die herrliche Willkommen-Kultur, darf uns eine andere Realität nicht verbergen, nämlich die des Hasses gegen alles, was fremd vorkommt. Was von den französischen Rechtsradikalen geäußert wird, ist auch bei Pegida oder bei der AfD zu verzeichnen. Lauter brave Bürger, die keiner Fliege etwas antun würden, verbreiten zuerst verbale Gewalt und das im Namen einer verwirrten Gerechtigkeit. Frustrierte Menschen, die alles abblocken, was nicht in ihrem begrenzten Horizont passt. Typische Mitläufer, ohne die es keine Willkür geben könnte. Sehnsüchtig blicken sie nach „neuen Zeiten“, die eine Ähnlichkeit zum 3. Reich verweisen. „Aber nein, ich bin kein Nazi!“ Das hört man immer wieder am Rande der Montagdemos in Dresden. National-Demokraten, die die Presse als Lügnerin bezeichnen, weil sie sie enttarnen. Ewig Gestrige, die sich nach einem Führer sehnen und wenn Asylantenheime angezündet werden, versuchen sie das herunterzuspielen. Alleinige Schuld daran hat die Kanzlerin, die gehängt werden müsste.

Liebe Petra, du wirst mir vorwerfen, immer wieder meinen Pessimismus laut zu verkünden, aber diese Entwicklung habe ich als Journalist schon vor Jahren vorhergesehen. Es wird mir Angst und Bange, wenn ich sehe, dass zum Beispiel ein Nicolas Sarkozy, eine Front der Demokraten gegen die Partei von Frau Le Pen ablehnt. Schielt er zu ihr, in der Hoffnung wieder Präsident zu werden? Durch den Materialismus und den Konsum ist die Gesellschaft träge geworden. Auch wenn sie die Zustände beklagt, ist sie kaum bewilligt auf die Barrikaden zu steigen. Man will sich nicht schmutzig machen. Diese Haltung bereitet mir mehr Sorgen, als die Knallköpfe, die die Gesellschaft neu gestalten wollen. Das Beispiel Frankreich zeigt wie es mit der Widerstandskultur steht. Individualisten lassen sich ganz einfach niederwalzen, was für das Land der großen Revolution unüblich ist. Warum belagern nicht die Gegner der Nationalen Front die Straßen? Wo sind die hellen Geister geblieben? Haben sie ihre Gesinnung an die Garderobe hinterlassen und dort vergessen? So scheint es mir.
Liebe Petra, es ist fünf vor zwölf. Die Freunde, die unsere Briefe lesen, sollten endlich aufwachen. Wir haben alle sehr viel zu verlieren. Zuerst unsere Meinungsfreiheit, denn wenn es in Europa so weiter geht, wird man solche Texte nicht mehr schreiben dürfen. Wollen wir in einer geknebelten Gesellschaft leben? Wäre es uns recht, dass wir uns von Kapos leiten lassen? Leute, es geht um die Freiheit und diese ist äußerst gefährdet, habt ihr das nicht kapiert? Wacht endlich auf!

 

In diesem Sinne.
Umarmung,
Pierre
//pm

Die Russen werfen den Amerikanern vor, den Islamischen Staat zu unterstützen. So sollen die Amerikaner den Terroristen Waffen verkaufen. Im Irak hätten sich die USA außerdem als Komplize des IS etabliert. Irakische Befehlshaber sollen gesagt haben: „Wir erwarten mehr von den Amerikanern. Es gibt keine wirklichen Luftangriffe auf ISIS-Hauptquartiere“. Ein schiitischer Offizier wird zitiert: „Es gibt keinen Zweifel, ISIS ist fast besiegt, sie sind schwach. Wenn die USA sie nur nicht mehr unterstützen würden, könnten wir sie besiegen.“

Ist da wirklich etwas dran?! Ich selbst glaube: Nein! Jedenfalls betreiben die Vereinigten Staaten kein „doppeltes Spiel“. Ein Problem allerdings ist, dass oft zu irgendeinem Zeitpunkt gewisse Gruppierungen in einem Konflikt unterstützt werden, sei es finanziell, ideologisch und mit Waffen. Ist diese Konfliktsituation vorbei, verbleiben die Vorteile dieser Unterstützung in der Region bei der Gruppierung oder diese verkauft zum Beispiel die Waffen an andere Gruppierungen. Das leidige Lied mit Osama Bin Laden. Erst ein Zögling der USA, angeblich dort sogar ausgebildet, wandte er sich anschließend gegen die Amerikaner. Das Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist allseits bekannt.

Bin Laden stammte aus einer wohlhabenden saudischen Unternehmerfamilie und unterstützte in den 1980er Jahren den Kampf der Mudschaheddin im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan mit Geld, Waffen, Ausbildungslagern und Bauprojekten.

Bereits im Mai 1988 begannen die Sowjets ihren bis Februar 1989 dauernden Abzug aus Afghanistan. Bin Laden und die anderen Führer der „arabischen Afghanen“ wollten ihre Männer aus einem sich abzeichnenden Bruderkrieg zwischen den Mudschaheddin-Gruppen heraushalten und den Dschihad gegen „Ungläubige“ andernorts fortführen. Bei einer Zusammenkunft am 11. August 1988 in Peschawar beschlossen sie, geeignete Männer in einer neuen Organisation namens al-Qaida („die Basis“) zu vereinen. Bin Laden zufolge bezog sich der Begriff zunächst auf das Militärübungslager, in dem Kämpfer auf Tauglichkeit für die neue arabische Elitelegion geprüft wurden.

Nach dem Zweiten Golfkrieg 1998 erklärte er in einer Fatwa das Töten von Zivilisten und Soldaten der Vereinigten Staaten überall zur Pflicht eines jeden Muslims. Er wurde zur Identifikations- und Symbolfigur verschiedener islamischer Terrorgruppen, die sich in ihren Anschlägen gegen die westliche Welt wandten.

Warum der ganze Schriebs? Im Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan war Bin Laden Verbündeter der USA. Über ihn und seine Männer setzte man den Sowjets im besetzten Land zu, ohne sich selbst dort militärisch zu engagieren.

Ist das Ganze übertragbar auf die Situation mit dem Islamischen Staat im Irak?

Am 19. Mai diesen Jahres berichtete das Handelsblatt: „Irakische Soldaten auf der Flucht lassen Panzer und Artillerie stehen: Auf diese Weise kommt die Terrormiliz IS an Waffen, die eigentlich gegen sie gerichtet werden sollten. Nun steht eine neue Schlacht um Ramadi bevor“.

Die USA wollen nunmehr für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat zusätzliche Spezialeinheiten in den Irak entsenden. Die Spezialkräfte sollen vor allem das irakische Militär und die kurdischen Milizen unterstützen, kündigte US-Verteidigungsminister Ashton Carter an. „Mit der Zeit werden sie in der Lage sein, Übergriffe zu starten, Geiseln zu befreien, Geheiminformationen zu sammeln und IS-Führer zu fangen. Die Spezialkräfte werden auch eigene Missionen in Syrien ausüben“, kündigte Carter an.

Damit weiten die USA die Rolle ihre Bodentruppen im Kampf gegen den IS aus. Bereits im vergangenen Monat entsandte das Pentagon 50 Spezialkräfte in die Region. Zuvor hatten sich die USA stets geweigert, in diesem Konflikt Soldaten am Boden einzusetzen.

Die Strategie der USA ist zweigleisig: Zum einen sollen Stellungen des IS bombardiert, ihre Kämpfer ausgeschaltet und ihre Einkommensquellen trockengelegt werden. Zum anderen wollen die Amerikaner Partner aus der Region stärken, um das Territorium dauerhaft zu sichern.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten:

  • die Vereinigten Staaten haben den Islamischen Staat zu keinem Zeitpunkt aktiv unterstützt
  • der Vorwurf dahingehend entspricht russischer Propaganda. Putins Trolle sind fleißig.

Schlussendlich bleibt aber eine Erkenntnis: Die Weltgemeinschaft hat den IS unterschätzt.

Man hat die Problematik militärisch viel zu lange schleifen lassen.

Seit über 15 Jahren führt Wladimir Putin Russland. Sein Apparat hat eine Meisterschaft darin entwickelt, die Schwachstellen oder Bruchlinien seiner Gegner aufzuspüren und gnadenlos auszunutzen. Das ist nie so deutlich geworden wie im Januar/Februar 2014. Bis dahin gab es wochenlange Proteste von Hunderttausenden auf den Straßen Kiews. Die Menschen hatten das korrupte System Janukowitsch satt. Man war es leid, ständig Bakschisch an Polizisten, Beamte, Lehrer und Ärzte zu zahlen. Ohne Schmiergeld lief nichts.

Oligarchen hatten Wirtschaft und Politik unter sich aufgeteilt. Damit sollte endlich Schluss sein. Hauptsächlich deshalb sind die meisten auf die Straße gegangen. Es wurden Barrikaden und eine Zeltstadt auf dem Maidan errichtet, gesponsert von den Bürgern.

Dann fielen Schüsse. Wer geschossen hat, ist bis heute unklar. In drei Tagen starben auf dem Maidan mehr als 100 Menschen. Die Demonstranten stellten Präsident Janukowitsch das Ultimatum zurückzutreten, dieser floh. Die Ukraine wählte einen neuen Parlamentspräsidenten und einen Übergangspräsidenten, eine neue Regierung war im Entstehen. Mitten in diesem innenpolitischen Chaos besetzten russische Soldaten die Krim.

Völlig unter dem Eindruck der Schüsse auf dem Maidan traute sich die ukrainische Armee nicht zu kämpfen. Es herrschte maximale Verwirrung, denn die sogenannten grünen Männchen trugen keine Hoheitsabzeichen und Putin leugnete, dass Russland mit ihnen etwas zu tun hat. Korrespondenten, die in aller gebotenen Vorsicht auf Moskaus Beteiligung hinwiesen, wurde im Internet übel mitgespielt. Drei Wochen später, bei der offiziellen Einverleibungsfeier im Kreml, lobte Putin die russische Armee für die Operation. Die Annexion der Krim war vollzogen.

Zum ersten Mal in der Ukraine führte Moskau einen sogenannten hybriden asymmetrischen Krieg. Unter russischer Anleitung wurden Stadtverwaltungen besetzt und schließlich die Krim. Im Donbass wurde daraus Krieg. Zur hybriden Kriegsführung gehört die Irreführung des Feindes.

Die Krim und die Ostukraine waren als Ziele auserkoren worden, nicht weil sie am nächsten zu Russland liegen, sondern weil dort die Unzufriedenheit mit der Regierung in Kiew am größten war.

Als Faschisten und Nationalisten wurden zu Sowjetzeiten immer diejenigen beschimpft, die gegen die Moskauer Zentralregierung und die Kommunistische Partei Widerspruch zu erheben wagten und für mehr nationale Eigenständigkeit eintraten. Deswegen war es für die Demonstranten keine Überraschung, dass sie für Putin als Faschisten galten. Der Vorwurf ließ sie kalt.

Erstaunt war, dass der Westen auf diese Verunglimpfung reinfiel. Andrej Portnow und andere Historiker hatten eine andere Erklärung. Jetzt räche sich, dass sich die Ukraine seit dem Zerfall der Sowjetunion kaum mit ihrer eigenen Geschichte befasst habe. Genau genommen ist es nicht eine, sondern mindestens drei Geschichten. Die jüdische Geschichte, dann die des Ostens der Ukraine und schließlich die der Westukraine.

In der Westukraine gab es nach dem Ersten Weltkrieg das Bestreben, einen ukrainischen Nationalstaat aufzubauen, was nur möglich schien, wenn Gebiete „ethnisch gesäubert“ wurden. Zum Beispiel von polnischen Bewohnern. In Polen gab es umgekehrte Bestrebungen. Die Zeit zwischen den Weltkriegen und erst recht die Nazi-Besatzung waren unendlich blutig. Juden wurden umgebracht, so mancher kollaborierte mit den deutschen Besatzern. Ukrainer töteten Polen und umgekehrt, jeder gegen jeden. Eine komplizierte, vielschichtige Geschichte dieses multinationalen Staates.

Eine ukrainisch-polnische Historikerkommission hat nun begonnen, sie zu erforschen. Ein Anfang! Was bislang fehlt, ist die breite Diskussion in der Gesellschaft. Erst mancherorts hat sie begonnen. Erste Denkmäler sind eingeweiht worden, die an den Holocaust erinnern. Das ist in sechs Dörfern rund um Lemberg passiert und erst diesen Sommer zum ersten Mal. Dass es den Holocaust gab, dass gezielt Juden von den Deutschen vernichtet worden sind, wurde in der Sowjetunion nicht thematisiert. Es gab keine Unterscheidung unter den Opfern.

Ohne den Krieg in der Ostukraine wären die Menschen rund um Lemberg vermutlich weit weniger bereit gewesen, jetzt der jüdischen Opfer zu gedenken. Zum Teil haben sie durch diese Geschichtsprojekte, die mit der Eröffnung der Mahnmäler durchgeführt wurden, überhaupt zum ersten Mal erfahren, dass die Bevölkerung ihrer Heimatorte früher zu einem Drittel aus Juden bestand.

Nach den Anschlägen im letzten Monat in der französischen Hauptstadt, hat Ernest Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ eine unverhoffte Renaissance erlebt. Und es ist wenig überraschend, dass es binnen weniger Tage zum Bestseller avancierte. Wenngleich es niemanden geben wird, der sich nicht einen besseren Anlass für diese Wiederentdeckung gewünscht hätte.

Hemingways letztes Buch, erstmals 1964 – drei Jahre nach seinem Selbstmord – erschienen und an dem er in einer Lebensphase schrieb, in der er längst körperlich und seelisch heillos aufgerieben war, ist vor allem eines: eine Beschwörung des eigenen, unwiederbringlich verlorenen, vielleicht auch nie wirklich real gewesenen Glücks. Hemingway verknüpft dieses Glück in seinem Buch mit dem Paris der zwanziger Jahre, mit dem Mythos einer Stadt, in der jeder kurz- oder längerfristige Besucher sich unmittelbar an einen Energiestrom aus Bohème und Leidenschaft, Dekadenz, Intellektualität und Weltoffenheit angeschlossen glauben konnte.

Als Grundlage seines Schreibens dienten Hemingway Notizen aus den zwanziger Jahren, die in Koffern verstaut im Keller des Pariser Ritz-Hotels gelegen hatten. Als er die mit Erinnerungen gefüllten Koffer 1956 hinauftragen ließ und zum erstmals wieder öffnete, befand er sich in einer Zeitkapsel, deren gefühlsgesättigter Inhalt sich ihm offenbarte. Schon als Hemingway an dem Pariser Manuskript arbeitete, das (anlässlich seines 50. Todestages) im Jahr 2011 erstmals in seiner Urfassung herausgegeben worden ist, handelte es sich keinesfalls um zeitgenössische Schilderungen der französischen Metropole, vielmehr um den Entwurf eines Stadt- und Lebensgefühls, das längst diffundiert war, auch wenn Hemingway dies natürlich durch das Schreiben selbst zu leugnen versuchte.

Sein Paris-Roman ist nicht das realistische Bild einer Stadt, vielmehr ein Idealbild. Ein Bild, wie wir es angesichts der verheerenden Gegenwart umso inniger heraufbeschwören. Dass nun der plötzlichen Wiederentdeckung von Hemingways Buch etwas Eskapistisches innewohnt, ist unbestreitbar. Begreifen lässt sich diese Sehnsucht nach einem vermeintlich ursprünglichen oder zumindest anderen Paris, als jenes, das wir derzeit in den Medien erleben, als eine Art Trauerarbeit oder auch als Ausdruck der Hilflosigkeit des Einzelnen.

Näher heran an die Pariser Gegenwart führt derweil der in Deutschland gerade im Verlag Edition Tiamat erschienene Roman „Auf den Straßen von Paris“ des 1971 geborenen Frédéric Ciriez. Der deutsche Titel weckt Assoziationen an ebenjene Zeit, die Hemingway dem Leser ausmalt, eine Zeit, in der neben den Caféhäusern die Straßen – und in Paris vor allem die großen Boulevards – zu jenen Orten wurden, an denen der Flaneur als schlendernder Beobachter meinen mochte, den Zustand seiner Zeit und ihrer Bewohner ablesen zu können.

Was waren die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts? Im Grunde eine geile Zeit! Man darf aber dieses Lebensgefühl nicht abstrakt von jeglichem historischen Zusammenhang betrachten. Es war vielmehr der bis dahin größten Katastrophe des jungen 20. Jahrhunderts geschuldet, dem 1. Weltkrieg. Ein Krieg mit Millionen von Toten, einer maschinisierten Art des Massentötens. Ein Krieg, welcher an Grausamkeit alles bisher dagewesene in den Schatten stellte. Zurück blieben Hunger, Witwen, Waisen, bettelnde Krüppel und seelisch kaputte Männer, die von der Front heimkehrten, von welchen niemand mehr etwas wissen wollte. Die zwanziger Jahre waren zu einem großen Teil ein ganzes Stück Verdrängung von Erlebnissen der übelsten Art. Wurde zehn Jahre zuvor noch im Maschinengewehrfeuer gestorben, ließ man in den Zwanzigern „die Puppen tanzen“. Wenn das real Erlebte nicht ausreichte, griff man zu Drogen.

In Anbetracht der derzeitigen Umstände nach den Anschlägen von Paris ist es verständlich, dass der Mensch wieder nach der „heilen“ oder zumindest „besseren“ Welt greift. Die Romane entführen unsere Phantasie. Das ist so gewollt und auch gut so. Aber verlieren wir eins nicht aus dem Auge: die Realität! Sich nur Träumen hinzugeben kann schiefgehen. Die Geschichte mahnt: 1933 war der Anfang der zweiten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Haben berufene Schwarzseher und Untergangspropheten kapituliert? Keine Hiobsbotschaften mehr? Gibt es Hoffnung auf eine wundervolle Zukunft oder ist Nörgeln schlichtweg langweilig geworden?

Es gibt keine Kulturpessimisten mehr. Kaum jemand nörgelt noch herum. Lamentiert und geschimpft wird viel: über den Euro, im Sommer über die Griechen, unsere Kanzlerin oder einen Fußballclub. Gehört nun mal dazu! Man kann nicht alles gut finden.

Und an veritablen Weltuntergangsszenarien herrscht kein Mangel: das Klima für die einen, für andere ist es der Kapitalismus oder vielleicht ein Meteorit auf Abwegen, der uns den Garaus macht. Die Auswahl an Boten der Apokalypse ist reichlich.

Was haben Zukunftsängste mit Kulturpessimismus zu tun? Wenig! Der klassische Kulturpessimist hat keine Angst vor dem Weltuntergang. Häufig sehnt er ihn sogar herbei. Denn ihm geht es um die hehren, großen Werte, die in Gefahr sind. Eine Apokalypse ist aus seiner Sicht durchaus in der Lage, die Welt wieder ins Lot und die Menschheit auf den Pfad der Tugend zu bringen.

Kulturpessimismus ist aber nicht gleich Kulturpessimismus. Seine älteste Variante ist anthropologischer Natur, sie betrifft den Menschen per se. Exemplarisch finden wir ihn in der Geschichte der Sintflut in der Bibel. Hier ist Homo Sapiens die Wurzel allen Übels. Und solange es dieses verdorbene Geschöpf gibt, so die feste Überzeugung, wird es auf dieser Erde keinen Frieden geben. Radikale Tierschützer und Fundi-Ökologen halten daran nach wie vor fest.

Mit der Aufklärung rückte die Kultur – im engeren Sinne – in den Fokus aller Schwarzseher und Untergangspropheten. Es wurde zwischen guter und schlechter Kultur, hoher und niedriger, solcher, die der Erziehung des Menschgeschlechts frommt und jener, die einen verderblichen Effekt hat, unterschieden.

Die radikalsten unter den Kulturpessimisten sehen die Kultur selbst als Übel an. Sie entfremde den Menschen von der Natur und lasse den modernen Menschen leiden. Prototyp dieser Kulturverächter war Jean-Jacques Rousseau, verschrien als „roter Khmer der Philosophie“.

Die zweite Kulturpessimismusversion war die Zyklentheorie: Für sie sind kulturelle Verfallserscheinungen lediglich Symptome des Niedergangs. Dessen Ursachen liegen in universalen historischen Gesetzen, die den „Aufstieg und Fall“ großer Mächte und Kulturen verantworteten. Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ basiert auf dieser Annahme. Empirisch ist sie kaum zu halten.

Letztlich gibt es noch die dritte Variante des Kulturpessimismus: Kulturelle Verfallserscheinungen sind demnach nicht nur Symptome, sondern vor allem auch Ursachen des Niedergangs. Nehmen wir einmal die Massenmedien: Die machen, so die einschlägige Überzeugung, einfältig und blöd, und weil das so ist, werden zukünftige Generationen noch einfältiger und noch blöder – so blöd, dass schließlich keiner mehr etwas mitbekommt.

Intellektuelle in der Rolle des Sehers machen sich jetzt Gedanken, wie man die verblendete Herde aus dem dunklen Tal der Unterhaltungsindustrie ans Licht gehobener Reflexionskultur führen kann.

Seit geraumer Zeit ist es still geworden um die berufenen Schwarzseher. Bestenfalls Peter Sloterdijk warnt noch ab und zu vor den schrecklichen Kindern der Neuzeit.

Der traditionelle Kulturpessimismus war das Kind einer homogenen Bildungslandschaft mit verbindlichen Normen und Werten. Dieses monolithische Ideal einer normgebenden Kultur, die der Maßstab ist für Aufstieg und Untergang, ist unter der Pluralisierung der westlichen Gesellschaften zu Staub zerfallen.

Komm rein, mach´s Dir bequem.

Hol Dir was zu trinken, setz dich zu mir.

Deine Einkaufstaschen sind voll.

Ecken von Geschenkpapier und Bänder

schauen heraus.

Wir geben uns den Rausch,

den der Warenberge und Werbesongs.

Fühlen uns gut, wenn wir kalte Münzen überreichen

oder einfach nur eine Plastikkarte zücken.

Genießen wir die Adventsstimmung

unter dem Eindruck des Terrors.

Kann jeder Tag vielleicht der letzte sein.

Dekadenz in der Untergangsphase Roms.

Blind und satt sind wir, zu faul uns zu empören.

Warum auch? Es geht uns doch gut.

Feiern, wenn um uns herum die Welt in Scherben liegt.

Weinen tun wir nur um unsere Lieben.

Winterdepression bei brennenden Adventslichtern.

Glühwein gegen Kälte.

Gegen Gefühlskälte hilft nichts. Unheilbar!

Die Konsumtempel lehren uns das Vergessen.

© Thomas Dietsch

Lieber Pierre,

die „Leichtigkeit des Seins“ ist mir ebenfalls abhandengekommen, jedoch möchte ich keine weitere Weltuntergangsstimmung verbreiten. Ich fange mal bei den Religionen an, die ständig als verantwortliche Kräfte vergewaltigt werden. Ich bin nicht religiös, d.h. ich ordne mich keiner Religionsgemeinschaft unter, weil in erster Linie tatsächlich der Mensch zählt und n u r der Mensch, egal welcher Hautfarbe, Religion und Sprache. Der Humanismus ist das Einzige, was uns helfen und weiterbringen kann. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass mein komplettes literarisches Schaffen der vergangenen Jahre nur auf Einem beruht: Der Appell an die Menschlichkeit, an die Ethik, die Wahrnehmung, der Respekt, die Werte und im Mittelpunkt immer wieder unser Verstand und unsere Sinne. Genau darauf kommt es an – Menschlichkeit! Wo ist denn die Menschlichkeit, wenn in Deutschland Flüchtlingsheime angezündet und hilfebedürfte Menschen eingepfercht oder in den gleichen Topf geworfen werden wie die radikale IS? Die IS hat ein nur Ziel: Die Errichtung eines Kalifats und dabei verfolgen sie auf eine brutale Weise Andersgläubige weltweit.
Wir denken, dass Menschen vernunftgesteuerte, emotionale Wesen sind, die nahezu alle tief im Herzen wissen, dass Gewalt der falsche Weg ist, aber es gibt Terror und Gewaltakte, bei denen viele, viele Menschen ihr Leben lassen müssen und die (nicht nur die westliche) Welt in Angst versetzen sollen. Ich mache es nicht an der Religion des Islam fest, es wäre verkehrt und absolut falsch. Es sind wieder Menschen, die Religion für radikale Zwecke benutzen und Tausende Menschen (und Muslime) sind vor der Gewalt der Dschihadisten geflohen.
Wir müssen wissen, dass es Gut und Böse, Engel und Teufel, Schwarz und Weiß gibt und der Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Glaube besteht, seitdem es Menschen gibt. Fazit: Wir müssen uns die Frage stellen, ob der Mensch in der Evolutionsgeschichte mit dem, was er zerstört, produziert, tut überhaupt fähig ist, bestehen zu bleiben. Er wird es… solange es die Erde gibt und genauso lange wird der Kampf zwischen Gut und Böse nicht aufhören.
Niemand kann einen Terroranschlag 100% ausschließen und es wird nicht einmal mit allen Sicherheitsvorkehrungen der Welt möglich sein, einen absoluten Weltfrieden zu erreichen. DAS ist die Kehrseite des Menschen, wenngleich wir alle von Humanität und Ethik sprechen. Ich gebe dir Recht, dass nur die vollkommene Integration einen Ausweg bieten könnte, aber niemand kann auch hier ausschließen, dass es Überläufer geben wird. Schauen wir einmal unser Deutsches Volk genau an: Wir sprechen von „frei leben“, „in Frieden leben“ … aber die Rassisten Deutschlands tun genau das nicht – den anderen Menschen diesen Freiraum ebenfalls zuzugestehen. Also haben auch wir das Böse direkt in unserem Land, keinen Deut besser, lediglich mit anderen Mitteln ausgestattet und – da wir es in diesem Fall weitestgehend mit ungebildeten, frustrierten, radikalen Idioten zu tun haben – nicht so umfassend zerstörerisch wie die IS (was auch nie passieren darf). Beide können sich die Hand reichen, keiner ist besser als der andere und die Strömungen, Intentionen, Absichten sind ähnlich. Die IS strebt das Kalifat an, die Rechtsradikalen einen Deutschen Staat n u r für Deutsche. Wo liegt der Unterschied? Ich sehe keinen, denn beides ist abgrundtief zu verurteilen, höchst intolerant und hat mit Menschlichkeit nicht das Geringste zu tun.
Wo wir dringend ansetzen müssen ist, der Kommerzwelt einen Riegel vorzuschieben, wieder bewusst mit unserem Leben umzugehen, die Sinne einsetzen und die negativen Eigenschaften, wie Hass, Gier, Neid ablegen, aber das wird leider ebenso wenig gelingen, wie den Weltfrieden zu erreichen, denn das große Problem ist der Mensch selbst. Es ist immer der Mensch, der hinter allem steht, immer! Wenn es schon in familiären, privaten Beziehungen nicht klappt, wenn es schon mit dem Nachbarn nicht funktioniert, wenn es schon überall an den Kassen Gedränge gibt, wie soll das dann global möglich sein? Dazu gehört verdammt viel Zivilcourage, Mut, Selbsterkenntnis, Liebe zu dem Leben und wer hat denn noch wahre Liebe zu vergeben? Menschen sprechen von Liebe aber tragen sie nicht im Herzen und genau das brauchen wir.
Mag ich ein Idealist sein, denn das werden wir nie erreichen und der Dämon lauert in der Hölle, in der wir entweder eines Tages gemeinsam verrecken oder es schaffen werde, das Blatt zum Guten zu wenden. Alaaf? Ich bin kein Karnevalsfan und werde es auch nie werden, lieber Pierre. Eine Farce zum Fröhlich-Sein auf Kommando und eigentlich nur der Freischein zum Saufen, Ficken und in-eine-andere-Rolle-schlüpfen. Dem Weihnachtsfest kann ich leider auch wenig abgewinnen, es ist in heutzutage nur noch Kommerz und Konsum im Namen Jesus Christus. Wichtiger ist es, zu lieben, gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen und sich gegenseitig zuzuhören! Hast Du schon bemerkt, dass eigentlich keiner mehr zuhört? Die Gesellschaft krankt einfach an sich selbst oder dem Zuviel Mensch auf einem begrenzten Planeten, den wir zerstörerisch ausrotten und kampfeslustig nieder trampeln. Amen. Im Namen keiner Religion… LOVE=PEACE!

In guten Gedanken dennoch eine Umarmung,
Petra

© Petra M. Jansen