Die zwölfte Kippe. Inmitten eines stinkenden Haufens leerer Flaschen und Müllsäcke. War mal wieder ´ne beschissene Nacht, was soll´s? Ist doch ganz egal wie du dein Leben lebst, kümmert eh keinen da draußen. Außer vielleicht den Bestatter, der am Ende für das Zerfleddern und unter-die-Erde-Bringen deines Kadavers noch die Hand aufhält. Wehe, du hast Kinder in die Welt gesetzt! Die blechen dann zur Strafe für dein Versagen. Heute Abend geht´s wieder los… alten, aufgegeilten Deppen den Rest ihrer Libido rausquetschen. Finger waschen nicht vergessen. Doch deine Seele ist bereits verschmutzt. Egal. Gefühle gibt es nicht, also aufraffen und durch. Im Geiste siehst du noch den Knebel, der einst deinem Bären nachts die Schnauze stopfte. Nachts, wenn die Sonne den Tag verließ, ihre Wärme langsam verblasste und sie längst untergegangen war. Hier an deinem Arm – da hast du was, da ist etwas, was da nicht hingehört und du hast keine Krankenkarte. Vielleicht musst du jemandem mal eine klauen. Geldbörse und so. Ist ganz einfach. Auf der Rolltreppe und im Getümmel, wenn sie kaufsüchtig in die gleißenden Schaufenster blicken. Dann, dann schlägst du zu, bist flink wie ein Gepard – sofort von null auf hundert mitten durch die Passanten-Menge.

Kippe Nummer 13, die vierte Tasse Kaffee schwarz und dein abgebrochener Nagel. Deine Haut sieht in der Sonne aus wie ein altes Blatt. Trocken, faltig, etwas vergilbt. Das Leben sieht ein wenig anders aus. Es war die Überholspur, die du vor langen Jahren nutzen wolltest um schneller dein Leben zu erleben. Voller, lauter, wacher, stets selbstbewusst. Du warst besser als die anderen, dachtest du. Dir kann nichts passieren, du hast die Kontrolle – dachtest du. Du dachtest, du seiest schlauer und gehst Wege, die kein anderer vor dir gegangen ist. Ohne zu wissen, dass die Überholspur deine Sackgasse werden würde. Bunte Lichter, schrille Töne, die Nacht zum Tag gemacht, exzessives Fühlen. Wow! Die Belohnung saß in deinem Kopf, stets auf der Suche nach noch mehr. Vielleicht bist du an deinem Crash vorbeigeschlittert und wäre er gekommen, wäre es so sicher nicht gekommen. Es gibt keine Spirale, die sich nur nach oben schraubt und es gibt kein unermüdliches Aufwärts ohne Haken. Deine Wahl war die Reise in ein Leben, bei dem du mindestens die Hälfte an dir vorbeigelebt hast. Nicht wahrgenommen, dass dein Bär schon lange vor dir wusste, dass man Lebewesen nicht einfach ungestraft knebeln darf.

 

© Petra M. Jansen

http://literatourpoetictext.blogspot.com/

 

 

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