Lieber Seitenspringer,

 Pierre Mathiasdie Liebschaft zwischen François Hollande und der Schauspielerin Julie Gayet veranlasst mich, einige Gedanken über den Seitensprung zu machen. Erstens möchte ich betonen, dass dies eine private Angelegenheit ist und dass es uns einen Dreck angeht, aber auch ein Präsident ist nur ein Mensch. Bevor wir ihn mit moralischen Sprüchen bewerfen, sollten wir in einen Blick in unseren eigenen Stall werfen, denn in den meisten Beziehungen gibt es Brüche, die zu einem Seitensprung führen können – niemand bleibt davon verschont. In unserer Gesellschaft sind wir Reizen ausgesetzt, die mit einer sogenannten moralischen Haltung kollidieren und es gehört schon eine starke Willenskraft dazu, um sie zu ignorieren. Neben der Lust kommt auch die Liebe. Sie ist völlig unberechenbar und fängt uns mit in ihren Krallen. Wir stehen wehrlos da und können nicht erklären, warum wir so befangen sind. Mit der Ratio hat das nichts zu tun, auch nicht mit der Vernunft und, dass Seitensprünge Schäden verursachen, ist kein Geheimnis. Aber mit guten Worten sind sie nicht zu vermeiden, sie gehören zur Fatalität und das sollten wir so annehmen und das Beste daraus machen. Weiterlesen

Pierre MathiasLiebe Sozialisten,

François Hollande hat sich bei der Pressekonferenz des 14. Januar vom Sozialismus getrennt und er hat sich als Sozialdemokrat entpuppt! Dieser Schritt ist von größter Bedeutung in Frankreich, es ist ein heftiger Schritt zur politischen Mitte. Er hat mit Recht erkannt, dass es ohne eine aktive Mitwirkung der Wirtschaft keinen Ausgang aus der Talfahrt geben könnte. Der Pakt der Verantwortung verpflichtet die Unternehmer anders vorzugehen. Die Familien-Abgaben werden gestrichen. Sie wurden alleine von ihnen getragen und das bedeutet 30 Milliarden Ersparnisse – dazu kommen andere steuerliche Vorteile. Im Gegenzug erwartet der Präsident die Errichtung von neuen Arbeitsplätzen. Außerdem wird der Staat sparen, der Beamte-Apparat soll gestraft, die Prozeduren vereinfacht werden. Das beinhaltet eine neue Infrastruktur. Diese Maßnahmen sind drastisch und werden von allen getragen werden müssen. Das wird keine leichte Kost sein. Hat sich Hollande entschieden, einen ähnlichen Weg wie Gerhard Schröder zu gehen? Hat er eine Agenda in Gang gesetzt? So scheint es zu sein und auf jeden Fall hat er damit den klassischen Sozialismus begraben. Weiterlesen

Liebe junge Leute,

Pierre Mathiashört endlich mit dem blöden Spruch auf, der das Alter als schön und friedlich bezeichnet. Nein, das ist es nicht! Ich kann davon ein Lied singen, denn mein Körper verfällt immer mehr, aber mein Geist ist zwanzig Jahre alt. Einerseits bin ich blutjung, auf der anderen Seite werde ich allmählich in einen Greis verwandelt. Ich würde gerne jede „Blüte“ erobern, aber als Wrack habe ich kaum eine Chance. Immer mehr wird die Liebe verbal und das kotzt mich an! Hinzu kommt, dass ich mich jeden Morgen im Spiegel anschauen muss. Na ja, könnte schlimmer sein, aber einen Adonis bekomme ich nicht zu sehen und in der Regel macht das Altern mehr Schäden bei den Männern als bei den Frauen. Allmählich zeichnet sich der Verfall ab und das ist mehr als schmerzhaft und umso mehr, weil der Kopf nach neuen Ufern blickt. Nein, damit will ich mich nicht abfinden und um die bösen Geister zu jagen, posaune ich laut und kräftig, dass ich jung bin und wenn jemand erstaunt ist, wie alt ich tatsächlich bin, freue mich wie ein Jüngling. „Das kann doch nicht wahr sein, das hätte ich nicht gedacht!“ Nur so viel brauche ich um meine Eitelkeit zu befriedigen, aber von der Wahrheit bleibe ich nicht verschont. Weiterlesen

Liebe Revoluzzer, Pierre Mathias

am 1. Januar habe ich einen Spaziergang durch Kreuzberg gemacht und überall lagen die Überbleibsel der Silvesternacht: abgefackelte Raketen und Knallkörper. Ein Tag nach einer großen Schlacht, kaum Leute auf der Straße, das Volk döste. Ende der Durchsage oder? Nein. Die Trostlosigkeit eines heruntergekommenen Viertels war eindringlicher denn je zu spüren. Wenn Menschen die Straßen bevölkern, gibt es Leben und das Umfeld versinkt in einer gewissen Betriebsamkeit. Jetzt aber nur noch banale Graffiti, kaum zu vergleichen mit den genialen Mauer-Malereien, die als Protest gegen das DDR-Regime dienten. Eher der Ausdruck einer generellen Langweile und nicht einmal Frust ist zu entnehmen – von Gewalt kann keine Rede sein. Ist das der Ausdruck der Resignation? Sind wir an einem Punkt angelangt, bei dem die Kraft ganz einfach ausgegangen ist? Das war für mich ein bedrückendes Gefühl und ich hätte es vorgezogen ein wenig Gewalt zu fühlen, auch wenn ich sie niemals gutheißen würde. In der Gewalt herrscht ein wenig Leben und der verzweifelte Versuch etwas zu verändern. Hier aber war nur eine trügerische Ruhe zu entnehmen. Ob etwas hier brodelte? Ich hatte nicht dieses Gefühl. Weiterlesen

Liebe Vettern,Pierre Mathias

nein, ihr seid nicht gemeint, wenn ich von der Vetternwirtschaft rede. Wie wir wissen gibt es nur anständige Genossen in unserem Breitengrad – keine Kanaken wie am Mittelmeer oder anderswo. Wenn wir ab und zu schmieren, können wir nichts dafür und außerdem handeln wir nur aus Nächstenliebe. Wenn ein griechischer Beamter die Hand offen hält, was sollten wir tun? Ihm einfach sein Glied abschneiden? Das tun nur die Barbaren. Eines sollte aber fest stehen: wir sind von einem tiefen Anstand geprägt, alles läuft nach Maß bis in die kleinsten Kommunen. Wenn ich in den Verwaltungen weile, treffe ich nur Staatsdiener, die blind vor Liebe ihre Pflicht erfüllen, an sich denken sie nicht. Nie würden sie in Versuchung kommen, Moneten für sich selbst einzustecken. Liebe Vetter, ich habe keinen von euch getroffen, der irgendwie bevorzugt worden wäre, die bösen Onkels sind nur eine Fata Morgana – es gibt sie nicht. Leben wir in einem Paradies? Ja, dank euch liebe Beamte, weil ihr nur vor euch hin döst. Weiterlesen

Liebe Frauen,Pierre Mathias

die Lust, sich mit euch auseinanderzusetzen ist bei mir immer vorhanden. Ich liebe die Frauen für das was sie sind: feinfühlig, verführerisch, zart. Klar, auch hier gibt es andere Exemplare, aber – mit Verlaub – ich ignoriere sie. Sie sind für mich sowohl die Stütze, die ich brauche – ein wenig „Mutter“ steckt immer in euch – als auch das Spiegelbild meiner Gefühle und nur in eurer Präsens kann ich mich wiederfinden. Deshalb auch der Respekt, den ich euch erbringen will und es käme mir nicht in der Gedanke euch zu desavouieren, wenn ich sexuell versagen würde. Euch als Hure zu beschimpfen, ist das Zeichen der Hilflosigkeit. Nein, das seid ihr nicht! Wenn Liebe nur käuflich sein würde, wäre das ein Armutszeugnis und ich finde, dass solche Worte verletzend sind. Wer sie ausspricht sollte wissen, welchen Schaden er ausrichtet. Männer, was wären wir ohne die Frauen? Wir brauchen sie, um überhaupt geistig bestehen zu können, das sollte uns klar sein! Weiterlesen

Neulich in einem chinesischen Restaurant:

Am Nachbartisch sitzen Vater und Sohn. Man bestellt. Auffällig ist die schweigende Gesprächsatmosphäre.

Sohnemann ist beschäftigt: mit einem Computerspiel. Die Haare hängen ihm wie ein Vorhang vor dem Gesicht, der Kopf ist im richtigen Blickwinkel zur Spielkonsole gebeugt. Flink fliegen die Finger über die Tasten.

Gegenüber der Vater in versteinerter Haltung, seinen Nachwuchs musternd ohne jegliche Regung.

Nachdem die Suppen aufgetischt sind, beginnt der Altvordere zu essen. Sohn ist weiter hochkonzentriert in das Spiel vertieft.

Der Vater löffelt in Ruhe Suppe aus der Schale, den Blick nicht ablassend von seinem Gegenüber, welcher wie ein Uhrwerk die Konsole bearbeitet.

Die Suppenschale des Vaters leert sich, eine kurze Pause folgt. Vater mustert Sohn, Sohn kümmert sich intensiv um das Spiel. Während der ganzen Zeit verliert niemand ein Wort.

Verstohlen greift der Vater nach der Schale des Sohnes, zieht sie auf seine Tischseite und beginnt den Inhalt, gelassen den Sohn betrachtend, zu verspeisen.

Seitens des Jüngeren keinerlei Regung zur Sicherung des Mittagsmahls. Nein, Vater speist auch die Ration des Sohnes, was von letzterem in stoischer Spielhaltung toleriert wird.

Wir zahlen und verlassen das Lokal. Ich fange an, mir Gedanken zu machen.
Hier fand keine Unterhaltung statt. Zu sagen hätte es mit Sicherheit einiges gegeben.

Wie sieht die Zukunft der Generation Sohn aus? Weiterlesen

Liebe Unternehmer,Pierre Mathias

 schon die Tatsache, auf die Welt zu kommen, sollte den Bedenkenträgern Probleme bereiten! Jeder Schritt, den wir tun, kann uns in den Abgrund führen. Wäre es nicht einfacher, wenn auf der Erde gähnende Stille herrschen würde? In der Leere können keine Konflikte entstehen, oder? Dabei gibt es einen Haken: es gäbe keinen Grund mehr, Bedenken anzumelden. Schlimm dabei wäre die Tatsache, dass Kontrolleure überflüssig wären. Nur – die Menschen bauen Mist und ohne Mist, keine Menschheit mehr. Super, ich habe mir etwas einfallen lassen. Da es nicht der Fall ist, brauche ich mir keine Gedanken darüber zu machen. Ich bin auf die Bedenkenträger angewiesen, die jeden meiner Schritte unter die Lupe nehmen. „Pass auf, das könnte schief gehen.“ In der Tat? Aber egal! Wenn ich keinen Schritt mehr wagen würde, wäre das der Sturz in den Abgrund. Warum? Weil ich ganz einfach austrocknen würde, die Lähmung ist keine Tugend, wie so oft behauptet wird, sie tötet uns. Weiterlesen