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Lieber Pierre,

irgendwie schon paradox das Thema Alter und jenseits des Anti-Aging-Imperativs. Der Widerspruch an sich, steckt nicht das Nicht-Altern in diesem Begriff? Und wie sollte das gehen, wenn man sich nicht mit spätestens 40 erhängt oder erschießt? Ein wahres Dilemma, in dem wir uns befinden und völlig kontraproduktiv zum natürlichen Zyklus des Lebens. Betrachtet man den Abschnitt des Alters als etwas völlig Normales, was einem sogar eine große Gelassenheit und Reife bescheren wird (man braucht niemandem mehr was vor zu machen und ist normalerweise stabil in sich selbst) gilt leider heute immer die Regel „Alter? Kein Problem. Aber bitte elastisch-jugendlich und in Topform!“ Da hapert´s in meinen Augen, denn das ist schon wieder ein Widerspruch.

Wir spüren keine Zeit, lieber Pierre. Wir können Zeit nicht sehen, nicht anfassen, nicht riechen. Aber wir sehen die Zeichen der Zeit, wir sehen den Alterungsprozess eines Lebewesens oder einer Sache. Wir schätzen Antiquitäten, aber wollen um Gottes Willen mit 70 noch genauso dynamisch und erotisch sein wie in der Jugend! Und wir fühlen unsere Vergänglichkeit, das Annähern an den Tod, der uns Angst macht. Seit der Antike beschäftigen wir uns mit dem Alt-Sein und den Folgen des Alterns und übersehen dabei, dass ein würdevolles Altern eigentlich nur ein Blick auf die Erfüllung unserer Vergangenheit ist. Je erfüllter wir unser Leben gelebt haben, umso respektvoller und glücklicher gehen wir ins Alter. Wer das nicht kann, hat in meinen Augen ein ernsthaftes Problem und rennt einer Idealvorstellung nach, die mich an die absurden Versuche von „Dorian Gray“ erinnern. Er hasste sein Portrait, weil es nicht alterte, während er selbst unaufhaltsam älter wurde. Narzissmus prägt oft den natürlichen Zyklus, führt zu kindlichen Aggressionen bis hin zum hoffnungslosen Kampf gegen die Zeit. Schade, wer diesen Lebensabschnitt nicht als ein Geschenk betrachten kann, denn jeder Tag ist ein Geschenk an uns alle. Unsere Kultur ist auf Fitness, Schönheit, Potenz, Leistung aus  – da ist kein Platz für Greise. Die Werbung nennt ältere Menschen „Best-Age-people“ und zeigt uns leider auch nur eine mobile, dynamische, gut erhaltene Generation im letzten Lebensabschnitt (schon der Begriff definiert uns Angst). Unsere Kultur muss Platz schaffen für Menschen, die jenseits der 60 sind und lernen, dass ältere Menschen eine Stütze sind, ein Teil unseres Lebens und ihnen auch den Respekt zollen, den sie verdienen. Das wäre die eine Seite. Die andere wären die Senioren selbst, die (sofern keine Persönlichkeitsstörung vorliegt) ihre eigene Geschichte mit Würde betrachten und sich nicht unter einen künstlich erschaffenen, inneren Leistungsdruck stellen sollten, um sich wertvoll zu fühlen. Der Wert liegt in dem Geschaffenen und der Weitergabe von Erfahrungen ebenso wie in der Erkenntnis, dass alles im Leben vergänglich ist. Also ist Alter eng verknüpft mit unserer eigenen Vergangenheit, dem Selbstwertgefühl und irgendwie denke ich gerade an Bayern und seine saftigen Wiesen… womit ich nun endlich zum Thema komme…

 

In tiefer Freundschaft,

Petra

 

© Petra M. Jansen

 

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