Liebe Petra,

nie hätte ich gedacht, dass es mir so schwer fallen würde fröhlich zu sein. Liegt es an den Vorkommnissen, die wir in dieser Welt im Moment erleben? Das Gefühl eines Niederganges, den wir nicht anhalten können oder liegt das an der Gesundheit und am Alter? Auf jeden Fall merke ich, dass das Glück nicht einfach in die Schuhe gelegt wird und dass man alles in Gang setzen muss, um gute Laune zu verbreiten. Meine Nächsten, die Familie und die Freunde helfen mir dabei, noch einen Sinn im Leben zu finden und den gibt es. Hallo Leute, ich werde euch nicht den Gefallen tun, wie ein Lappen an einer Leine, rumzuhängen, im Gegenteil! Ich habe mir vorgenommen, einen Beitrag zu mehr Frieden zu leisten und bin keineswegs bereit,  mich unterkriegen zu lassen und deshalb habe ich mir vorgenommen, mich sowohl gesellschaftlich als auch politisch zu engagieren. Es ist nicht mein Stil verängstigt in meiner Wohnung herumzugeistern und auf den nächsten Gau zu warten, denn mit Lamentieren kommt man nicht weiter. Das entspricht nicht meiner Art und deshalb habe ich mir vorgenommen, dass es mir blendend geht.

Ich wandere in den Straßen von Berlin und rede mir ein, dass alles Paletti ist. Merke ich nicht die Schieflage in der sich die Stadt befindet? Nicht nur seit dem Attentat am Weihnachtsmarkt… und doch liebe ich irgendwie den Chaos, auch wenn das als ein Risikofaktor betrachtet wird. Sollen wir noch mehr überwachtet werden? Ist es notwendig ständig von Kameras verfolgt zu werden? Ist das der Preis für eine scheinbare Sicherheit, die trotz mehr Polizei nicht garantiert werden kann? Sollte der IS dazu beigetragen haben, dass ich nur mit einer verengten Seele herumgeistern kann, fände ich an der Zeit eine Monsterparty zu veranstalten. Hereinspaziert ihr Salafisten, Nationalisten, Existentialisten, Neofaschisten, Rationalisten, Terroristen, Rotgardisten, Pazifisten, Sadisten, Sexisten! Ihr alle seid zur Feier eingeladen. Kommt, tanzt mit uns die Polonaise. „Pierre, driftest du völlig ab? Wie sollte das funktionieren? Die sind völlig verschieden.“ „Irrtum, sie haben einen Kopf, zwei Arme, eine Muschi oder en Schwanz und vor allem Beine, um tanzen zu können.“ Der Psychiater kratzte sich den Kopf, wie das sich für einen denkenden Professor gehört und bohrte sich aus Verlegenheit die Nase. Karl Marx kam zu Hilfe: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Und jetzt wusste ich, was Nächstenliebe bedeutete.

Sag mir nur nicht, dass in einer Untergangsstimmung Großes entstehen kann – und doch ist es eine Wahrheit und der Beweis, dass  der Mensch zuerst alles vernichten muss bevor er wieder alles mühsam aufbaut. Der Preis ist hoch, zu hoch, aber er widerspiegelt eine erbarmungslose Realität: die einer Evolution, die nur durch Pannen fortschreiten kann. Ist das die Hölle? Vielleicht schon, aber jedoch mit Sinnlichkeit und Liebe. „Pierre, alles ist nicht nur morsch.“ Bei mir ist es nicht angepasst, mir den Kopf zu kratzen, da ich kaum Haare habe. Ich schaute um mich und sah ein kleines Kind, das mit Legosteinen spielte. Nach einem mühsamen Aufbau, das Zerbröckeln. Und dabei hatte es Spaß. „Siehst du, somit werde ich  mich nie langweilen.“

Zurück zu dem Chaos, das mir so nahe steht und vielleicht ist das die Voraussetzung des Weiterlebens. OK, Petra, ich mache jetzt Schluss, sonst würde mir noch viel Unpassendes einfallen, aber nur noch eine kleine Bemerkung: Meine Gedanken gehen zu den Menschen, die an einem Montagabend auf einem Weihnachtsmarkt ein wenig Vorfreude zu Weihnachten „einatmen“ wollten. Sie wurden getötet nur weil ein Verrückter sich vorgenommen hatte, die Menschheit so zu retten. Schluss mit der Party? Keineswegs, sonst würden wir unsere Hoffnungen abschalten.

 

In diesem Sinn aus Berlin.

Umarmung

Pierre

//pm