Logo_RM01_as-150

Liebe Petra,

toll! Ich habe mit großer Spannung deinen Brief über die Freiheit gelesen und ich werde versuchen, deine Gedanken weiter zu führen. Die Philosophen haben sich immer wieder mit dem Faktor Raum und Zeit befasst. Heute ist zu beobachten, dass sich immer mehr Menschen isolieren, um angeblich frei entscheiden zu können. Eine Haltung, die vom Autismus geprägt ist. Sie stürzen sich auf ihre Tablets und lassen selbst in der U-Bahn keine Gefühle zu. Die Anonymität nimmt Ausmaße an, die ich immer mehr als unerträglich empfinde. Der Raum, der ein Forum sein sollte, verkommt zu einer bedrückende Zone, wo die Zeit stehen geblieben scheint und die Passivität wird als Tugend zelebriert. Wenn jemand angegriffen wird, drehen sich die Blicke einfach woanders hin! Haben die Menschen vergessen, dass Freiheit mindestens in einer Zweisamkeit erlebt werden kann? Nein, sie haben sich vom Virtuellen einfangen lassen und sie glauben, dass das, was sie im Internet abrufen, den taktilen Kontakt ersetzen kann. Sie scheuen jede Art von Konfrontation und ignorieren dabei, dass die Freiheit hart erkämpft werden muss, um sie richtig genießen zu können.

Ist Liebe nicht der höchste Begriff der Entfesselung, liebe Petra? Oder ist sie ganz einfach Sklaverei? Es reicht nicht, seine Zuneigung in eine Waagschale zu werfen, es muss ständig dafür gerungen werden und dass sie auch Verpflichtungen mit sich bringt, kann nicht verleugnet werden. Was wäre die Freiheit, wenn es keine Schattenseiten geben würde? Würden wir sie wirklich erfahren können? Wer sich für einen Mitmenschen engagiert, muss allerdings Rücksicht nehmen und das kann ich nicht als einen Entzug der Freiheit betrachten, solange die Gefühle stimmen. Aber machen wir uns nichts vor, die Spanne zwischen einem freiwilligen Engagement und die Bürde einer Last sind sehr eng liiert. Viele Partnerschaften können sich sehr schnell in einer Hölle verwandeln. Es genügt oft nur ein Wort oder eine Geste und schon kommt alles ins Wanken. Man erwacht eines Morgens und hat den Eindruck, dass Handfesseln angelegt wurden und dass man buchstäblich erstickt. Der Raum und die Zeit, die bisher harmonisierten, verlieren das Gleichgewicht und stürzen in ein schwarzes Loch. Menschen, die sich selbst nicht mehr konfrontieren, sind hilflos und geraten unter die Räder des Schicksals. Die hochgelobte Freiheit der Liebe wird zu einer Illusion degradiert und wirkt dadurch aseptisch. Ein Thema für das IPhone.

Was will ich damit sagen, liebe Petra? Ich bin der Meinung, dass Freiheit ohne Kampf nicht möglich ist und zu denken, dass sie uns ab Geburt verliehen wurde, ist Wunschspinnerei. Nicht ohne Grund fließt viel Blut in ihrem Namen. Die große Revolution ist ein verwirrendes Beispiel dafür. Können Grausamkeiten den Weg der Befreiung bahnen? Ist Willkür angesagt, um endlich frei entscheiden zu können? Wie man sieht, ist das Gute und das Schlechte Schulter an Schulter und es ist zu beobachten, dass die Macht immer wieder eine große Rolle spielt. Nein, Freiheit ist keine Idylle. Wer sie sich nicht leisten kann, verkommt. Sie ist kein zuckersüßer Leckerbissen, im Gegenteil, sie kann sehr bitter schmecken, wenn die Kohle fehlt. Möglicherweise ist der Tod die ehrlichste Form der Freiheit. Warum? Weil niemand davon ausgeschlossen ist, aber niemand kann hier auf Erden wissen, was danach geschieht. Vielleicht der Beweis, dass der Begriff Freiheit für uns Menschen ein Geheimnis bleibt. Was die Einen als Befreiung empfinden, ist für Anderen eine unerträgliche Last. Deshalb ist es aus meiner Sicht unmöglich, sie präzise zu definieren. Für meinen Teil bin ich noch immer auf Suche und – ganz ehrlich – ich habe noch nicht das Gefühl, sie gefunden zu haben, weil ich mich nicht sorgenlos bewegen kann. Mein Kopf macht ganz einfach nicht mit, was mich schon frustriert.

In diesem Sinne.
Ich nehme mir die Freiheit, dich zu umarmen.

Pierre
//pm