Wir haben alle irgendetwas gemacht an diesem 11. September vor zwanzig Jahren. Irgendetwas Alltägliches, belanglos, als in New York die damalige Welt unterging. Als die Verbrecher die Flugzeuge in das World Trade Center steuerten und mit den insgesamt vier Flugzeugentführungen 2.996 (wikipedia.org) Menschen ermordeten. Weitere Opfer (über die Twin Towers hinaus) gab es in Shanksville und beim Anschlag auf das Pentagon.

Die Welt hat sich seitdem verändert.

Es gab diverse Stimmen, die vor Anschlägen warnten. Insofern kann man sich ein Szenario, in dem 9/11 verhindert worden wäre, recht gut vorstellen. Nur hätte es dann ziemlich sicher viele weitere Versuche gegeben, und eine Welt, in der jeder größere Terroranschlag auf die USA vereitelt worden wäre, kann man sich daher kaum ausmalen. Aber machen wir das Gedankenspiel trotzdem einmal: Ohne einen Anschlag in der Art von 9/11 hätte es keinen War on Terror und keine Invasion in Afghanistan gegeben. Gleichwohl wären die Amerikaner im Irak einmarschiert, denn George W. Bush und die Schlüsselfiguren seiner Regierung wollten Saddam Hussein so oder so stürzen. 

9/11 hat nicht nur politische und gesellschaftliche Denkweisen über Art und Ausmaß der Bedrohung durch terroristische Gewalt verändert, sondern auch Vorstellungen darüber, welche Schritte im Kampf gegen diese Gefahr als notwendig und angemessen erachtet werden. Wenige Tage nach den Anschlägen erklärte der US-Präsident George W. Bush dem transnationalen Terrorismus den Krieg und versprach, die USA und ihre Verbündeten in diesem Kampf mit aller Entschlossenheit zum Sieg zu führen. 

Das Narrativ des Krieges gegen den Terror etablierte sich in den Folgejahren als ein dominanter politischer und gesellschaftlicher Deutungsrahmen. Es prägte nicht nur die Außenpolitik vieler Staaten und ihre Beziehungen untereinander, sondern beeinflusste auch, wie liberale Demokratien nach innen im Umgang mit ihren eigenen Bürger/-innen das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit ausgestalten. Viele demokratische Staaten beschlossen mit dem Verweis auf die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus eine Vielzahl weitreichender Maßnahmen und griffen damit auf zuvor kaum denkbare Weise in Grund- und Freiheitsrechte ein.

Die letzten zwanzig Jahre haben gezeigt, dass sich die Probleme in der islamischen Welt nicht mit militärischen Mitteln lösen lassen. Auch unsere Sicherheit ist durch den „War on Terror“ nicht gewachsen, vielmehr nahmen Terror und Fluchtbewegungen zu.

Bei der Ursachenforschung muss auch der Kolonialismus in Betracht gezogen werden (Stefan Weidner, Islamwissenschaftler, in ndr.de, 17.08.2021). Von Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 bis zum Zweiten Weltkrieg beherrschten die europäischen Großmächte weite Teile der islamischen Welt und beuteten sie aus. Die europäische Politik war von Überlegenheitsdenken und Rassismus geprägt, und der Widerstand dagegen wurde in Europa als Widerstand gegen Zivilisation und Moderne diskreditiert.

Die Vergangenheit muss von beiden Seiten als gemeinsame verstanden, aufgearbeitet und bewältigt werden. Wenn wir die aktuellen Debatten über Rassismus und Kolonialismus in diesem Sinn verstehen lernen, sind wir auf dem richtigen Weg.

Der Rückblick auf 9/11 kann dabei helfen.

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