Liebe Wohlerzogene,

 Pierre Mathiasvielleicht stamme ich aus einer zu feinen Kinderstube um ordinär zu sein. Selbst wenn ich es wollte, wäre ich es nicht, doch manchmal kommt mir die Lust hoch, jemanden als Arsch zu bezeichnen, aber ich ziehe es vor, mich zurückzuhalten. Nicht unbedingt aus Respekt vor mich selbst, vielmehr weil ich nichts von einer verbalen Eskalation halte. In meiner Jugend war ich von Diplomaten umgeben und manchmal nervte mich ihre Art die Probleme zu ignorieren, denn für meinen Geschmack war ihr Verhalten zu neutral. Sie wussten schon, dass alles nicht unbedingt harmonisch ist, aber sie versuchten jedes Hindernis als Tugend zu betrachten. Ich hätte es vorgezogen, dass sie laut schimpften, aber nein, immer lächeln! Dass das auch eine tödliche Waffe sein kann, wussten diese Gestalten sehr genau. Kurzum: sie waren viel gefährlicher als die Choleriker die ich immer traf. Bei den Diplomaten wusste man nie, woher der Angriff kommen konnte und wenn er eintrat, war er vernichtend. Die Kunst bestand darin, seine Karten niemals aufzudecken. Bedeutet das, dass gute Erziehung vernichtend sein kann? Schmeicheln und dabei „du Arsch“ denken, gehört zu deren Künsten.

Immer wieder ist in Deutschland die Rede von Ehrlichkeit, von Aufrichtigkeit, von gegenseitigem Respekt. Das klingt sehr schön, liebe Wohlerzogene, aber ist das die richtige Methode um sich erfolgreich durch das Leben zu mogeln? Gute Erziehung heißt bei weitem nicht, sich zu entblößen – wer das tut ist anfällig und muss damit rechnen, angegriffen zu werden. Mit guten Manieren kann man den Feind auf Distanz halten und Diejenigen, die die Kunst der Zurückhaltung beherrschen, leben sicherer. Bedeutet das, dass die Leidenschaft auf der Strecke bleibt? Wenn Vornehmheit zu konsequent ausgeübt wird, kann Kälte aufkommen, sie dient als Schutzschild und kann lähmen. Die Schwierigkeit dabei besteht darin, die Gefühle genau zu dosieren, aber eines steht fest, Diplomatie ist ein Instrument, dass nur sparsam angewandt werden kann. Die Gefahr dabei ist, sich in einen Eisberg zu verwandeln, darunter kann die Liebe leiden oder viel subtiler sein und für meinen Teil bin ich erleichtert, dass die Menschen, die ich liebe ihre Geheimnisse gut verbergen können.

Liebe Wohlerzogene, das „du“ kann Hemmungen wegspülen. Das ist zum Teil gut, aber es kann auch Reaktionen hervorrufen, die schädlich sind. Es ist schwieriger jemandem zu sagen, „sie sind ein Arschloch,“ als „du bist ein Arschloch!“ Deshalb wurde bis vor Kurzem diese zurückhaltende Form in der Diplomatie eingehalten. Heute ist es anders, die Staatsleute sind meistens per du. Hat man damit die Hoffnung gehegt, dass mehr Intimität der Sache dienen könnte? Das kann schon hilfreich sein, aber nicht immer und ich habe während meiner beruflichen Tätigkeit erlebt, dass das „du“ keineswegs eine Garantie für mehr Menschlichkeit ist. Die Nähe, die dadurch erzeugt wird, versteckt oft Bissigkeit und kann vernichtend sein. Wenn es distanzierter zugeht, ist es oft ehrlicher als diese ganzen Umarmungen. Diplomatie ist die Kunst, Kälte und Wärme fein zu dosieren.

 //pm

 Link zum Thema Diplomatie:

 http://de.wikipedia.org/wiki/Diplomatie

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