An der Existenz einer „italienischen Krankheit“ gibt es keine Zweifel. Die Wirtschaft des größten südeuropäischen Landes wächst seit rund zwei Jahrzehnten unterdurchschnittlich, obgleich Italien, anders als Spanien, von der verheerenden Finanzkrise vor zehn Jahren wenig getroffen wurde und das Wirtschaft zweifellos von nachhaltig niedrigen Zinsen profitiert hat. In diesem Zeitraum war die Finanzpolitik nicht restriktiv und es kam zu weniger Neubildungen von Regierungen als in den Jahren zuvor.

Schon vor sechs Jahren bebte die Stimme von Italiens Präsident Giorgio Napolitano vor Empörung. Die Verfassung der Italienischen Republik sehe die Möglichkeit der Aufspaltung des Landes nicht vor. Basta! Das präsidiale Machtwort kam nicht von ungefähr: Während internationale Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der drittgrößten Volkswirtschaft Europas damals im Wochentakt herunterstufen, bröckelt der innere Zusammenhalt der Nation, die gerade erst ihren 150. Geburtstag feierte. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise werde Italien unweigerlich zugrunde richten, freute sich damals der Chef der separatistischen Lega Nord. Der wirtschaftsstarke Norden Italiens müsse sich endlich abspalten vom unterentwickelten Süden. Stimmen, sie könnten von heute sein. Sieht mal einmal rüber nach Spanien.

Italien schiebt einen gigantischen Schuldenberg von 2,281 Milliarden Euro (statista.com) vor sich her – mehr als doppelt so viel wie Griechenland, Portugal und Irland zusammengenommen. Wie diese Rechnung jemals beglichen werden soll, weiß niemand. Seit einem Jahrzehnt stagniert Italiens Wirtschaft.

Ausdruck der italienischen Wirtschaftsschwäche ist eine schwache Entwicklung der Arbeitsproduktivität. Diese wird häufig auf einen ineffizienten Staatsapparat und ein zu hoch regulierte Wirtschaft zurückgeführt, die dringend Strukturreformen benötigt. Nach den Ökonomen Bruno Pellegrino und Luigi Zingales wurde die unbefriedigende Entwicklung der Arbeitsproduktivität in den vergangenen 20 Jahren völlig überschätzt: Denn in den Jahrzehnten zuvor, als die italienische Wirtschaft deutlich besser lief, war der Staatsapparat nicht ineffizienter und der Arbeitsmarkt nicht weniger reguliert. Man darf nicht vergessen, dass Italien in den fünfziger und sechziger Jahren wie Deutschland ein Wirtschaftswunder erlebt hatte und noch in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhundert wuchsen Wirtschaft und Produktivität in Italien kräftiger als im europäischen Durchschnitt. Irgend etwas muss in den vergangenen 20 Jahren hinzugekommen sein, was auf der Entwicklung der italienischen Wirtschaft lastet.

Pellegrino und Zingales haben in einer empirischen Analyse versucht, den Grund zu finden, der die italienische Wirtschaft seit 20 Jahren an der Entfaltung hindert. Und sie haben in den Daten einen Grund gefunden: In der jüngeren Vergangenheit ist die Wirtschaft in den entwickelten Nationen zunehmend von Fortschritten in der Informationstechnologie – allgemeiner ausgedrückt: von der Entfaltung der digitalen Revolution – erfasst und geprägt worden. Und in einem internationalen Vergleich zeigt die Untersuchung, dass die Nutzung dieser Technologien dort am besten funktionierte, wo die Unternehmen ihr Personal in erster Linie nach ihren Kenntnissen und Verdiensten beschäftigen. Dies ist zum Beispiel in den Vereinigten Staaten der Fall.

Und hier weist sich das nach wie vor stark verbreitete Klientelsystem in Italien als ein Hindernis. Wenn die Entscheidung, wer in einem Unternehmen beschäftigt wird, weniger von seiner Qualifikation abhängt als von der Frage, ob er der Eigentümerfamilie entstammt oder in anderen Beziehungen zu den Eigentümern oder Topmanagern steht, kann sich das gerade in jenen Branchen sehr negativ auswirken, in denen eine spezifische fachliche Qualifikation vonnöten ist. Ein Klientelsystem kann hilfreich sein, den Verkehr mit Behörden in einem wenig effizienten Staat zu erleichtern oder bei Banken Kredite auch für wirtschaftlich fragwürdige Projekte zu erhalten. Aber ein Klientelsystem ist wenig hilfreich in der Anwendung und Verbreitung anspruchsvoller, sich kontinuierlich weiterentwickelter Technologien.

„In other words, familyism and cronyism are the ultimate cause of the Italian disease“ (Pellegrino/Zingales).

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