Im Schwalm-Eder-Kreis wird Jagd auf Elstern gemacht, nachdem die Vögel über Wochen hinweg eine Kuhherde attackiert haben. Es ist der erste Vorfall dieser Art in der dortigen Region. Die Kühe hatten den ganzen Sommer auf der Weide im Knüllwald verbracht und konnten sich nicht vor den Elstern schützen.

Ein weiterer Grund für den Angriff sei, dass sich der Lebensraum der Elstern verändert habe, sie weniger Nahrung in der Natur fänden und deshalb häufiger die Nähe zu Menschen und Siedlungen suchten, sagt ein Experte. Elstern sind sehr intelligente Tiere und haben keine natürlichen Feinde.

Die betroffene Kreisverwaltung hat als Maßnahme nun den Abschuss der Vögel angeordnet. Ein Vorfall dieser Art sei den Kreisveterinärämtern bisher noch nicht bekannt geworden. Auch überregional gebe es keine Hinweise auf so aggressive Elstern. Es handelt sich offenbar um ein neues Phänomen, so die Einschätzung vor Ort.

Einem Bericht der „Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen“ zufolge wurde die Kuhherde im Knüllwalder Ortsteil Schellbach wiederholt von den Rabenvögeln attackiert. Sie landeten auf Euter und Anus der Muttertiere und picken dort das rohe Fleisch heraus. Eine Kuh wurde so schwer verletzt, dass sie geschlachtet werden musste. Das Euter des Tiers war derart verwundet, dass es vor Schmerzen ihr Junges nicht mehr säugen konnte.

Wir erinnern uns: In Hitchcocks „Die Vögel“ will Tippi Hedren die beiden „Liebsvögel“ als Geburtstagsgeschenk für die bald elfjährige Schwester Cathy Mitchs abliefern. Es handelt sich hierbei um einen Streich. Von Mitchs sarkastischem Auftreten herausgefordert, beschafft Melanie alias Tippi Hedren ein Paar der gewünschten Vögel und überrascht Mitch mit einem spontanen Besuch in dessen Elternhaus in Bodega Bay. Kurz darauf wird sie von einer Möwe angegriffen und am Kopf verletzt. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Hitchcock erforscht im Gewand eines Thrillers die Schatten- und Lichtseiten der menschlichen Existenz, er bebildert Formen des menschlichen Zusammenlebens. Es geht nicht nur vordergründig um Vögel und ihren Angriff auf die Einwohner in Bodega Bay, sondern eher um die Frage wie Menschen in einer Extremsituation miteinander zurecht kommen und ob sie es überhaupt können, sodass sich unter der Oberfäche eines – so scheint es – stinknormalen Tier-Horrorstreifens eine durchaus intelligente Deutung versteckt, die den Film nicht als reinen Unterhaltungsfilm per se abstempelt, sondern auf eine komplexe Ebene hebt.

Die Zeichen sind da, man muss nur paranoid genug sein, um sie zu lesen: 2015 wurden unabhängig voneinander Jogger in der Eifel und im Allgäu von Bussarden angefallen und am Kopf verletzt. In Bremen wurde vor einigen Jahren eine Frau nach einem Krähenangriff blutüberströmt ins Krankenhaus eingeliefert. Und auch sonst friedliebende Vögel rasten plötzlich aus: Im kalifornischen Sonoma gingen Hühner auf eine Gruppe Kinder los. Damals kursierten Bilder von blutenden, schreienden 3-6 jährigen. An der amerikanischen Ostküste, in Boston, waren es die Truthähne, die auf einmal aggressiv wurden – vielleicht in Vorahnung dessen, was ihnen kurze Zeit später an Thanksgiving blühte. Und dann waren da noch die Amok-Störche aus dem polnischen Stubienko: Ohne ersichtlichen Grund schlachteten die Störche auf einmal die Hühner des Ortes ab. Hunderte starben. Das war dann zwar eine Vogel-interne Angelegenheit; aber es waren immerhin unsere Hühner.

Es scheint, wir haben die Natur lange genug getriezt. Die Menschheit hat jahrzehntelang die Luft verpestet, das Meer überfischt, die Erde vergiftet und die Seen versalzen. Wälder wurden zerstört, Arten ausgerottet. Wer könnte es der Natur verdenken, wenn Sie sich wehrt? Waren die Kreuzberger Krähen nur die Vorhut für den Tag der Abrechnung? Schon in der Bibel heißt es schließlich, dass der vierte Reiter der Apokalypse Verderben bringen wird „durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde“.

Die Krähen am Schöneberger Ufer verlegten sich damals kurz nach den Angriffen auf eine defensive Strategie. Angriffe wurden keine mehr gemeldet. Man flog nur noch Patrouille von Baum zu Baum. Nicht weit entfernt, am S-Bahnhof Potsdamer Platz standen dazumal zwei ältere Herren, ein Schild in der Hand haltend mit der Aufschrift: „Ist das der Untergang?“, die auffällig hoffnungsvoll in Richtung Himmel starrten, als erwarteten sie dort die Antwort auf ihre Frage.

Der Vogelexperte der Brandenburger Vogelschutzwarte gab damals Entwarnung. Das Verhalten der Krähen sei zwar ungewöhnlich, aber im Frühjahr, wenn die Junge hätten, komme das schon mal vor.

Wir haben die Umgebung der Elstern in Knüllwald offensichtlich grundlegend verändert. Sie mussten einerseits weichen, suchten aber im Gegenzug unsere Nähe. Und das betrifft die Umgebung unserer Siedlungen.

Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, kreist ein Bussard am Himmel …

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *