Liebe Tote,

Pierre Mathiasich frage mich oft was ihr denkt, wenn euch liebe Verwandten mit der Gießkanne einen Besuch abstatten? „Diese Deppen hätten mehr Nächstenliebe zeigen sollen, so lange wir lebten! Jetzt kommen sie nur vorbei, weil sie sich einen Platz im Himmel einhandeln wollen“. Klar, diese Pietät kann ätzend sein, aber wir brauchen sie, um Überlegen zu können! Was verzapfst du für einen Quatsch, Pierre? Nein, ich meine es ernst, der Friedhof verleiht uns den Eindruck, dass wir noch Wurzeln haben und die brauchen wir, um uns zurecht zu finden. Ja, schön und gut, aber es gibt eine Menge Menschen, die darauf pfeifen, sie kommen ohne Grab aus, brauchen dieses Brimborium nicht, um fröhlich zu sein. Staub! Nicht nur eine Wonne für die Putzfrau, auch für all diejenigen, die ohne Ja und Aber verschwinden wollen. Sagt man nicht zu Recht, er hat sich aus dem Staub gemacht? Vielleicht ist das die beste Methode eine Wiedergeburt in Gang zu setzen? OK, aber wie soll das vor sich gehen? „Macht dir keinen Stress, Pierre, der Alte hat immer eine Lösung parat, egal, ob du im Grab liegst oder zermahlen in einer Urne, die Zeit vergehen lässt.“ Sollen wir wirklich weiter funktionieren? Den gleichen Mist weiter verzapfen?

Am 1er November gedenken wir den Toten. Erinnerungen, die immer etwas Wehleidiges haben. Die Gewissheit, dass keiner von uns sich weg mogeln kann, der Mann mit der Sense denkt an uns alle. Ohne Ausnahme! Und wir? Wir versuchen uns mit dem Gedanken des Ablebens zu versöhnen, deshalb auch die Vision des Paradies oder – wie bei den frommen Muslimen – die Gewissheit, lauter jungfräuliche Mädchen da oben zu treffen und zu vernaschen. Ein wenig Honig braucht der Mensch! Nur nicht der Realität ins Auge schauen, ist damit der Glaube gemeint? Lügen wir uns etwas vor, um nicht zu verzweifeln? Brauchen wir einbalsamierte Sprüche um zu überleben? Sehr wahrscheinlich! Damit wirbt die Kirche! Mit der schieren Realität könnte sich kein Bischof eine Luxuswohnung leisten! Aber darum geht es nicht, liebe Tote. Habt ihr im Jenseits das Gute getroffen? Gestalten, die frohlocken anstatt zu grübeln, wie sie am besten Vater Gott austricksen können? Wenn ja, bin ich gern dabei, auch wenn ich ab und zu beten müsste, das wäre es wert!

Nein, ich mache mich über die Religionen nicht lustig, ich bin selbst ein gläubiger Mensch, aber ich möchte die Wahrheit zu hören bekommen, auch wenn sie sehr unangenehm sein mag. Lieber offene Worte als eine generelle Verschleierung und so gesehen kann der Tod für mich akzeptabel sein. Ich brauche nicht den Weihrauch, der so gerne auf uns gesprüht wird, um locker in die Zukunft zu schauen. Ich gestehe: Es wurmt mich, dem schönen Leben – so schwer es auch sein mag – den Rücken zu kehren. Ich habe mich immer bemüht, einen klaren Kopf zu bewahren und auch hier möchte ich keine Ausnahme machen, liebe Tote, das bin ich mir selbst schuldig. Unabhängig davon würde ich schon zum Friedhof wandern, um euch einen Besuch zu gestatten. „Lieber Pierre, erspare dir diese Mühe, wir sind schon längst geflohen!“. Bedeutet das, dass wir uns selbst zelebrieren? Dass wir euch besuchen, nur um uns gutes Gewissen einzuflößen? Wenn das so ist, ziehe ich es vor, mich in Staub zu verwandeln und dank einer Brise auf Reise zu gehen, das wäre meine Botschaft zum 1. November.

//pm

Link zum Thema 1. November:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_Toten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.