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Liebe Petra,

in Berlin war ich mit der Frage konfrontiert, warum die Kulturförderung in Frankreich besser klappt als hier in Deutschland. Zuerst dachte ich, ich höre nicht recht, denn nirgends in Europa gibt es solch eine Menge an Theatern, an Orchestern oder an Kunsteinrichtungen. Dann fing ich an nachzudenken, was in diesem institutionalisierten System schief läuft. Es sind vielleicht seine Konventionen, die hemmend für die Kreativität sind, aber das stimmt aber nur zum Teil. Es geht wahrhaftig nicht nur um das Geld, sehr viel mehr um den Stellenwert der Kultur. Anders als in der Bundesrepublik, wird sie im Nachbarland als ein Bestandteil der Ökonomie betrachtet. Eine Position, die unerlässlich für die Industrie ist, da sie als Image für manche Zweige dient. Die Mode, die Gastronomie oder das Design mancher Produkte wäre ohne die Kunst undenkbar, aber mehr noch: Sie ist das Merkmal einer Lebensart, die den Genuss zelebriert. Leben wie Gott in Frankreich klappt mit leerem Kopf einfach nicht. Es geht halt nicht nur um die Moneten und den Konsum, vielmehr um die Art, wie das Leben wahrgenommen werden soll. Du siehst, liebe Petra, ich fange an zu träumen, was für mich eine Wohltat ist. Das kann aber nur mit der Freude an das Schöne vollbracht werden. Wir sind sehr weit von der Trivialität eines Ballermanns entfernt, nicht wahr? Vielleicht eine ideelle Sicht meinerseits, die aus Nostalgie entsteht. Klar, es gibt auch eine Menge Proleten in Frankreich!

Es war die Absicht von André Malraux, als er Kulturminister des Generals de Gaulle wurde, keine Trennung zwischen Geist und Werktätigkeit zu dulden, beide sollten ihren Beitrag zur Volkswirtschaft leisten. Daher auch eine erhöhte Akzeptanz in den breiteren Schichten der Gesellschaft. Dazu kam, dass die Provinz kulturell völlig unterversorgt war und dass es notwendig war, sie für die Wirtschaft attraktiver zu machen. Als Ford in Poitiers vor Jahrzehnten eine Fabrik einrichten wollte, war kaum jemand bereit, Paris zu verlassen. Die Angst, geistig zu veröden war zu groß. Das führte zur Gründung der Kulturhäuser, die heute noch Frankreich charakterisieren – also eine wirtschaftlich bedingte Maßnahme. Ich denke, dass es dringend notwendig ist, die Kultur hier in Deutschland besser zu integrieren. Es dürfte keine Genres geben, die oft diskriminierend sind. Es gibt schlechte und gute Kunst, nicht mehr, nicht weniger und die sollte zum Wohlstand ihren Beitrag leisten, nicht nur finanziell, aber auch ideell. Daher wäre es fatal, sie als Statussymbol zu betrachten. Sie ist Allgemeingut und sollte für Jeden zugängig sein. Das war das Ziel des großen Theatermanns Jean Vilar. Nach dem Krieg hat er das TNP gegründet. Eine Truppe, die mit Gérard Philippe u.a., in den Fabriken spielte, um den Arbeitern das Schauspiel näher zu bringen und er war damit sehr erfolgreich.
Dazu kam, dass die Franzosen die Sprache immer mochten. Sie lesen noch relativ viel und erheben ihre Schriftsteller zum Olymp. Leider ist auch dort das Virus SMS eingetroffen und trägt dazu bei, dass sich immer mehr Menschen im Telegrammstil äußern. Auch der Feldzug der englischen Sprache ist kaum einzuhalten, aber auch hier versucht der Staat einzugreifen, zum Beispiel, indem er eine Quote französischer Lieder in den Sendern vorschreibt. Das hat zum Ziel, die einheimische Kreativität am Leben zu erhalten und das Gleiche gilt für den Film. Die arbeitslosen Künstler haben die Gelegenheit in ihrem Fach zu arbeiten, weil die Förderung eng mit dem Arbeitsamt geknüpft wird. Manche Streifen, die weltbekannt wurden, wurden auf dieser Art finanziert und siehe da, die Filmbranche hat sich somit glänzend erholt. Anders als in Italien, wurde sie nicht vom Kapital weggefegt.

Das sind nur ein paar Gedanken, liebe Petra, die Mut machen sollten. Vielleicht gelingt es uns, endlich die Kultur als Teil unseres Wesens zu qualifizieren und Menschen, die nichts am Hut damit haben, zu motivieren.

In diesem Sinne,

ich umarme dich von Berlin aus!
Pierre

//pm

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