Schon im Byzantinischen Reich stritten die Menschen um Bildnisse. Ikonoklasmus, das Zerbrechen der Bilder (wikipedia.org), nannten die Griechen das. Bilderstürmerei zog sich auch durch die Reformation, als Luther, Zwingli, Calvin und andere Reformatoren gegen Heiligenbildchen, Ikonen und Reliquien und das Geschäft damit wetterten. Es waren Aufstände gegen das Abbild, aber eigentlich ging es um das Ganze, das System, den Geist der Epoche und die Frage, wie wir leben wollen.

Es ist seltsam, dass man sich um Marmor, Sandstein und Bronze streitet, wenn man für die Rechte von Menschen eintritt, für das überfällige Ende von Diskriminierung und Rassismus. Die Denkmalstürze zeigen, dass es um mehr geht: den öffentlichen Raum und das Bild einer Gesellschaft“ (zeit.de) von sich selbst. Denkmäler sind Symbole, Denkmäler sind Kunst und zwischen Gebäuden eine Art Kleinmöbel in der Stadt.

Nehmen wir die Erinnerungskultur in den USA: Statuen sind im Ziel der derzeitigen Proteste gegen Rassismus.

Die symbolische Tragkraft vieler Denkmäler, die oftmals weiße Sklavenhalter darstellen, spielt in dem Konflikt eine entscheidende Rolle. Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, forderte die Entfernung von elf Statuen in der Hauptstadt Washington. Die Statuen stellen elf Soldaten und Vertreter der aus dem Sezessionskrieg (1861-1865) hervorgegangenen Konföderierten Staaten von Amerika dar, die nach Pelosis Meinung nicht die höchsten Werte der Vereinigten Staaten von Amerika vertreten würden. „Ihre Statuen sind eine Hommage an den Hass, nicht an das Erbe“, so Pelosi in einem Brief an den Kongress. Die Männer seien für „Grausamkeit und Barbarei“ eingetreten (fr.de)

Das große Denkmalstürzen folgte auch auf die Auflösung des Ostblocks und der Sowjetunion 1989 bis 1991. Damals legten Demonstranten Seile um die Hälse der sozialistischen Größen, manche kamen mit Traktoren und Kränen. Es stürzten die Ebenbilder des Revolutionsführers Wladimir I. Lenin, des Geheimdienstgründers Felix Dserschinski und anderer sozialistischer Helden. Mit den Denkmälern brach ein System zusammen, das in über siebzig Jahren gewachsen und in weiten Teilen der Welt verbreitet war.

Wollen wir jetzt alle Kolonialherren, Sklavenhändler und Apartheitsapostel entsorgen? Was machen wir mit Christoph Kolumbus? Er ermöglichte die Kolonisierung Amerikas durch Europäer, wird als Entdecker gefeiert. Seine Methoden des Vorgehens sind sehr umstritten. Und dann Bismarck, der in Berlin und anderswo als ehrwürdiger Staatsgründer steht, aber während dessen Regierung das kurzlebige deutsche Kolonialreich entstand.

Was diese Menschen – hauptsächlich Männer, deren steinerne Relikte wir nun entsorgen, getan haben, war aus unserer heutigen Sicht nicht richtig. Es gibt viele Gründe, sie abzulehnen: Verstoß gegen die Menschenwürde, gegen die Menschenrechte, Freiheitsberaubung usw. Keine Diskussion!

Aber: Es sind Denkmäler! Male des Denkens, Objekte, die von früheren Zeiten Zeugnis ablegen. Sie sind Stätten der Erinnerung. Salopp könnte man auch sagen: „Denk mal!“. Die „gute alte Zeit“ war nicht nur gut. Wir sollten uns dessen bewusst sein, damit wir die Fehler nicht wiederholen. Verschwinden die Denkmäler, verschwindet auch die Erinnerung. Schon in zwei Generationen sind sich weniger Leute bewusst, was seinerzeit geschehen ist.

Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“ (George Santayana, Philosoph).

US-Präsident Donald Trump twitterte gestern: „Wer seine Geschichte verleugnet, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!“ (fr.de). Das läuft in etwa aufs Gleiche hinaus.

Vorschlag: Wir können die Vergangenheit nicht „entsorgen“. Wenn wir sie schon nicht im öffentlichen Raum haben wollen, warum bringen wir sie als Kompromiss nicht in Museen? Auch die sind Stätten der Erinnerung.

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