Faunenschnitt

Corona hat uns fest im Griff. Die Öffentlichkeit und die Presse interessiert es nicht. Trump, Fallzahlen, Wirtschaftsdaten … Ansonsten: Was wir nicht in harten Währungseinheiten messen können, ist für den Menschen uninteressant. Eine Definition bei wikipedia:

Ein Massenaussterben, auch Faunenschnitt oder Faunenwechsel genannt, ist ein in geologisch kurzen Zeitabschnitten von einigen tausend bis mehreren hunderttausend Jahren stattfindendes großes Artensterben, das sich vom normalen sogenannten Hintergrundaussterben ebenso deutlich abhebt wie von Massensterben: außergewöhnlichen, drastischen Verlusten von Individuen einer oder vieler Populationen einer Art innerhalb kurzer Zeit.

Ein Beispiel, dass kaum jemand interessiert: Vor fast 106 Jahren ging im Zoo von Cincinnati eine Ära zu Ende. Am 1. September 1914, gegen ein Uhr Mittag, starb Martha im Alter von 29 Jahren (focus.de, 01.09.2014). Sie war die letzte ihrer Art – eine Wandertaube (Ectopistus migratorius). Noch gut 50 Jahre zuvor hätte es kaum jemand für möglich gehalten, dass ausgerechnet die Wandertaube – die häufigste Vogelart Nordamerikas, vielleicht sogar der ganzen Welt – einmal von der Erdoberfläche verschwinden könnte. Doch genau dies geschah. Der Mensch machte Massenjagd auf die Tiere, Zehntausende starben am Tag. Das Dutzend wurde zu 50 Cent damals als Nahrungsmittel verhökert.

Heute gilt Martha Umweltschützern als Symbol für das rasante Artensterben, das seit einigen Jahrhunderten auf der Erde festzustellen ist. Von den fünf bis neun Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es schätzungsweise auf der Erde gibt, sterben einer aktuellen Untersuchung zufolge bis zu 58.000 pro Jahr aus – viele von ihnen, bevor der Mensch sie überhaupt entdeckt und beschrieben hat. Denn bekannt im wissenschaftlichen Sinne sind gerade einmal 1,5 Millionen Arten.

Viele Experten bezeichnen das, was gerade passiert, als das sechste Massenaussterben (wikipedia.org) der Erdgeschichte – mit der Besonderheit, dass der Mensch dieses Massensterben wissentlich verursacht. Ja, eine weitere Frage sei gestellt: Sind wir die einzige Gattung, die andere ausrottet und am Ende sich selbst?

Die grundlegende Frage lautet: Können 7,804 (Stand: 08.06.2020) – und schon bald 8 oder 9 – Milliarden Menschen gemeinsam mit all den Arten, die es momentan noch gibt, auf diesem Planeten leben? Oder befinden wir uns auf einem Kollisionskurs, der auch darin begründet ist, dass wir viele Ressourcen verbrauchen, die andere Lebewesen ebenfalls gerne konsumieren würden?

Innerhalb unserer Gattung sagen Untergangs-Experten Kriege um Wasser voraus, die um Öl finden bereits statt. Schon heute bleiben Millionen Menschen auf der Strecke, weil sie sich auf den Weg in eine bessere Zukunft machen. Sie stranden irgendwo an Europas Küsten, wenn sie nicht vorher ertrinken. Ihre Boote sind längst voll. Sie haben nichts verbrochen, sondern nur das Pech gehabt, zufällig in einem falschen Teil des Globus auf die Welt gekommen zu sein.

Am Ende der vorangegangenen fünf „Weltuntergänge“ ging es immer wieder bergauf. Nach jedem der fünf Desaster der vergangenen 541 Millionen Jahre hat sich die globale Diversität des Lebens auf der Erde nicht nur wieder erholt, sondern sich oft zu neuen Höhen aufgeschwungen (faz.net, 20.09.2016). Wie sieht es diesmal aus? Es steht zu vermuten: traurig …

Es kann durchaus sein, dass die Menschheit nie wieder in einer Welt leben wird, die sich nicht irgendwie von einem Aussterbeereignis“ (nationalgeographic.de, 09.11.2017) erholt – oder gerade mittendrin befindet.

Wenn man bei Wirbeltierarten (zu denen wir gehören) von einer durchschnittlichen Lebenszeit von einer Million Jahren ausgeht und eine Spezies, die bereits seit 200.000 Jahren existiert, ein Massenaussterben hervorruft, kann man – selbst wenn man die Frage ausklammert, ob wir Opfer unseres eigenen Massenaussterbens werden – nicht davon ausgehen (a.a.O.), dass diese Art noch vertreten ist, wenn sich der Planet erholt hat.

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