Was haben Sie am 8. Dezember 1985 gemacht? Damals, als man Kanzler Kohl für eine vorübergehende Erscheinung hielt (nzz.ch), als Claude Simon den Literaturnobelpreis erhielt, Modern Talking unsere Ohren mit “Cheri Cheri Lady” quälte und der siebzehnjährige Boris Becker Wimbledon gewann? Manche wissen genau, was sie an diesem Sonntag um 18:40 Uhr taten: Viele saßen vor der Glotze und führten sich die erste Folge der “Lindenstraße” zu Gemüte.

1.757 Folgen kamen danach, viele haben kaum eine verpasst. Nun, an diesem Sonntag, soll alles ein Ende haben. Herzlose Programmmacher der ARD haben beschlossen, einer fast 35 Jahre alten Institution den Garaus zu machen. Alle Proteste nutzten nichts; die Sonntage werden künftig leere Sonntage sein. Wohin, fragt man sich, mit unserer Sehnsucht nach Verlässlichem? Denn die “Lindenstraße” gab Halt im Chaos, sie ließ uns hoffen, dass nicht alles dem Untergang geweiht ist.

Das war nicht anders bei “Dallas”, “Denver Clan” und anderen Soap Operas. Was treibt uns da an?

Im Grunde bieten uns Fernsehserien die Möglichkeit, in das Leben fiktiver Figuren einzutauchen, sie täglich oder wöchentlich zu erleben und sie sehr gut kennen zu lernen. Anders als bei Filmen von knapp 2 Stunden Länge werden wir durch eine Serie dauerhaft, manchmal über viele Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg, ein Teil dieser Welt, die zwar nicht real ist, sich aber oft so anfühlt. Wir können mit den erfundenen Charakteren lachen und weinen, sich mit ihnen freuen und mit ihnen leiden. Das ist schön und spannend, aber eben mitunter auch belastend.

Auf jeden Fall kann eine Serie viele Emotionen wecken und zu einer Art Hobby werden, manche vergleichen es gar mit einer Sucht. Hier muss der Zuschauer aufpassen, dass er oder sie sich nicht zu sehr von den fiktiven Geschehnissen vereinnahmen lassen und die Grenze zwischen Realität und Fiktion dadurch verwischt wird. Das passiert nur in Ausnahmefällen …

Wer Fernsehserien als Selbstverständlichkeit in den Alltag integriert, spürt die physiognomischen und mentalen Veränderungen seiner Helden nur unmerklich – so wie man sich selbst unbeirrt als forschen Draufgänger sieht, der ohne Haartönung und Rheumapflaster auskommt. Serien-Nerds kommen mit Alterungsphänomenen gut zurecht. Besser als der Erzähler in Marcel Prousts Roman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”. Der trifft nämlich in einer Schlüsselszene nach langer Zeit alte Weggefährten wieder, an denen – zu seinem Entsetzen – die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Serien oder – modern ausgedrückt – Staffeln bieten durch ihre Beständigkeit ein Stück Sicherheit oder geben uns die Möglichkeit, eigene Hoffnungen und Wünsche auf fiktive Figuren zu projizieren. Letztlich bietet eine Serienwelt diesen einen Vorteil gegenüber der Realität: Sie weist nicht zurück. Man ist mittendrin, sobald man einschaltet sitzt man in der “ersten Reihe”.

Früher stand das Kino auf Platz eins, dann kam der Fernsehfilm – und dann erst die Serie. “Dieser Wert hat sich um 180 Grad gedreht”. Heute entstehen Serien mit internationaler Besetzung – für ein internationales Publikum: “Es wird immer mehr wie im Fußball, wo man eine internationale Mannschaft aufstellt für ein Projekt“ (deutschlandfunkkultur.de, 16.02.2019).

Vielen Dank an alle Mitwirkenden der “Lindenstraße”. Sie ist über all die Jahrzehnte Teil unseres Lebens geworden. Viele, die harten Serienjunkies, werden sie vermissen.

Goodbye!

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