Wenn ich auf dem Dorf, in welchem ich lebe, aus dem Fenster sehe, dann erkenne ich Ackerflächen und Wälder. Viel Platz bis zur nächsten Ansiedlung. Ein kleines Ärgernis kam im letzten Jahr dazu:

Eine Horde Windräder wird gebaut, werden zukünftig die Landschaft „verspargeln“. Die ersten, an einer Hand abzuzählen, waren willkommen. Ein bisschen futuristisches Outfit für die ländliche Idylle. Und Ökostrom muss sein. Atomstrom ist out, wir haben ihn nicht im Griff. Tschernobyl und Fukushima sind die besten Beweise dafür. Aufgrund unserer Sorglosigkeit und Hybris, allen Unbilden der Natur begegnen zu können, müssen wir nunmehr in der Ukraine und in Japan großflächige Gebiete meiden. Von der Verseuchung unserer Nahrungskette wollen wir erst gar nicht reden. Zwei der schlimmsten Katastrophen der Menschheit seien stellvertretend für alle genannt, die wertvolles Siedlungs- und Ackerland zunichte machen. Andererseits erinnere ich mich an die Tage meiner Kindheit zurück, als uns bewusst wurde, dass wir circa 1975 die Vier-Milliarden-Grenze an Erdbevölkerung erreicht hatten. Darüber wurde viel nachgedacht. Wie ginge es weiter? Nun, heute steuern wir auf die doppelte Anzahl zu, und ich bin gerade mal in der Mitte des Lebens, nicht im Greisenalter. Um 1800 überschritten wir die Zahl von einer Milliarde Menschen auf diesem blauen Planeten. Die zweite Milliarde wurde um 1928 erreicht. 1960 beherbergte Mutter Erde schon drei Milliarden Menschen. Und so ging es weiter: 1975 die vierte Milliarde, 1987 die fünfte und 1999 die sechste. Erst vor zwei Jahren, 2011, hatten wir die siebte Milliarde überschritten. Man spricht von exponentiellem Wachstum, immer mehr vermehren sich immer schneller, auch wenn die letzten vier Zahlen immer eine Zeitdifferenz von zwölf Jahren aufweisen. Bevölkerungsexplosion! Wohin mit dem ganzen Menschen?! Ich sehe mich schon als Greis, umherirrend in einer Menschenmenge wie zur Rush Hour in New York City. Nur, dass dieses Gedränge dauerhaft sein würde! Nein, es gibt Zahlenspielereien, die beruhigen sollen. So war zum Beispiel 2011 in einer Gazette zu lesen, dass genug Platz da sei. Der am dichtesten besiedelte Stadtteil in Deutschland sei das Westend in Wiesbaden. Viel ältere Bausubstanz, aber keine Gegend, in der nur Bettenburgen stünden. Weitete man das Wiesbadener Modell auf ganz Deutschland aus, so könnten hierzulande 8,7 Milliarden Menschen angenehm leben. Anderes Beispiel: Frankreich! Bei einer Bevölkerungsdichte wie in Paris könnte das Land sogar über 16 Milliarden Menschen aufnehmen. Und dabei umfasst Frankreichs Fläche noch nicht einmal 0,5 Prozent der Landfläche dieser Erde. Dann wäre das ja geklärt. Wir bringen das ganze Volk schon irgendwie unter. Platz ist schließlich in der kleinsten Hütte! Eine Frage: Wollen wir so leben? Will man nicht öfter mal ins Grüne? Dem Stress der überfüllten Großstadt entkommen? Was ist, wenn von den ganzen Lemmingen noch jeder ein Auto haben will? Wie bekommen wir diese Menschenmassen satt?! Und so vieles mehr geht einem da an Gedanken durch den Kopf. Experten sagen, dass künftige Kriege nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt werden. Oder die Diskussion „Tank oder Teller“. Der Anbau von Biomasse zur Energieproduktion wird in Konkurrenz zum Nahrungsanbau treten, weil es nicht beliebig viele Anbauflächen gibt. Die kurze Formel „Tank oder Teller“ bringt das Dilemma auf den Punkt. Die Probleme werden sich noch verschärfen, weil in den kommenden Jahren weltweit immer mehr Bio-Energie erzeugt werden soll. Wie lässt sich dieser Konflikt vermeiden? Wie nutzen wir die knappen Anbauflächen optimal? Weltweit gesehen geht es nicht an, dass einige prassen, während andere verhungern. Halten wir uns vor Augen: Misswirtschaft und Ausbeutung der Umgebung, des Lebensraums, hat in der Geschichte schon manche Tierart und auch beim Menschen manche Hochkultur die Existenz gekostet. Beispiel: Vor Jahrhunderten blühte auf der Osterinsel im Südostpazifik eine Hochkultur. Als 1774 Kapitän James Cook dort anlandete, bot sich ihm ein verheerendes Bild: Nur noch wenige Menschen lebten verstreut in unzugänglichen Höhlen. Bäume gab es fast keine mehr. Die Zivilisation der Osterinsel stand am Abgrund. Die Menschen hatten durch ihr Wachstum mehr verbraucht, als sich auf der Insel regenerieren konnte. In der heutigen Ökonomie nennt man das nachhaltiges Wirtschaften. An Rohstoffen nur zu entnehmen oder zu verbrauchen, was sich auch kontrollierbar regenerieren kann. Neben der Hochkultur auf der Osterinsel führte Raubbau an der Natur, eventuell in Verbindung mit Kriegen, auch zum Untergang der Kultur der Maya in Mittelamerika. Da es sich um Hochkulturen handelte, kann man schlecht sagen, dass die Menschen damals unwissender oder gar dümmer waren. Es hat nur keinen interessiert, was mit dem Umfeld geschieht, solange es einem gut ging. Die Situation ist genau die gleiche wie heute. Mit einem Unterschied: Ist der Globus voll mit Menschen und dessen Rohstoffe restlos aufgebraucht, können wir nicht mehr ausweichen. Die Enterprise ist schon lange weg, neue Welten sind bis dato nicht in Sicht.

© Thomas Dietsch

 

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