Vor dem Krieg hatte Jugoslawien die bundesdeutsche Öffentlichkeit wenig beschäftigt. So kam der Kriegsausbruch im Sommer 1991 für die meisten in Deutschland überraschend. Die ersten Panzer in Slowenien wurden noch als Randerscheinung des Regimewechsels gedeutet. Erst als wenig später in Kroatien gekämpft wurde, schienen die vertrauten Rechts-links-Kategorien eine Zeit lang wieder anwendbar.

Anfang der 1990er-Jahre brannte es im Vielvölkerstaat Jugoslawien an allen Ecken und Enden. Und dennoch erschien ein Zerfall des Landes für viele undenkbar. Dabei zeichneten sich die Konflikte bereits Mitte der 1980er-Jahre ab.

Unter den Serben wuchs der Nationalismus. Im Februar 1989 demonstrierten serbische Bergleute aus dem Kosovo in Belgrad.

Allen war klar, die Einheit Jugoslawiens ist in Gefahr. Doch der Zerfall des balkanischen Vielvölkerstaats war nicht mehr aufzuhalten. Die Volksgruppen strickten nationale Legenden, besonders Milosevic und die radikalen Serben.

Die Rechte argumentierte kulturell: Mit Kroaten und Serben stießen „zwei einander fremde Kulturen und Zivilisationen“ aufeinander, befand FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller, „zwei auseinanderklaffende Auffassungen von Rechtlichkeit und Gerechtigkeit“. Hier der demokratische, katholische Westen, dort der despotische, byzantinische Osten: Begründet hatte das Denkmuster der tschechische Schriftsteller Milan Kundera, der schon 1983 schrieb, das eigentlich westliche Mitteleuropa sei vom Osten „gekidnappt“ (fr-online.de).

Im Juni 1991 erklären sich Kroatien und Slowenien für unabhängig. In Slowenien kam es zu einem kurzen Krieg mit der Volksarmee. Er dauerte zehn Tage. Etwa 60 Menschen starben.

Als 1998 der Kosovo-Krieg begann, hatte sich die Rechts-links-Achse gedreht. Im rot-grünen Deutschland war Diversität nun geschätzt; „ethnische Säuberungen“, wie sie besonders die serbische Kriegspartei in Bosnien betrieb, ließen sich nicht mehr kühl als späte, aber „natürliche“ Nationalstaatsbildung deuten. Dass Milosevic nicht für die Erhaltung des Vielvölkerstaats gestritten hatte, war für den letzten kommunistischen Nachzügler klar. Dass auch auf albanischer Seite nicht der Vielvölkerstaat das Ideal war, stellte sich für die westlichen Projektoren nachträglich heraus.

Die internationale Gemeinschaft griff ein. Im Juni 1992 wird eine Schutztruppe der Vereinten Nationen (UN) nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina geschickt. Sie soll in den serbisch kontrollierten Gebieten für Waffenruhe sorgen, ab 1993 hat sie zudem in extra eingerichteten Schutzzonen die Aufgabe, die Zivilbevölkerung zu schützen und zu versorgen.

Da die UN-Verbände zur Neutralität verpflichtet sind und kein Mandat zum Kämpfen haben, gehen die Kämpfe jedoch an vielen Orten weiter.

1995 startet die kroatische Armee eine Großoffensive, erobert sämtliche serbischen Gebiete in Kroatien zurück und nimmt West-Bosnien ein. Hunderttausende Serben fliehen vor den anrückenden Truppen, es kommt zu Vergeltungsaktionen und Grausamkeiten.

Als die Nato immer massiver Luftangriffe gegen serbische Stellungen fliegt, erklärt sich die serbische Führung zu Friedensverhandlungen bereit. Das Abkommen von Dayton beendet im Dezember 1995 offiziell die Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Schon 1993 wird in Den Haag der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien errichtet, der Völkermorde und Kriegsverbrechen untersuchen und bestrafen soll.

Das jugoslawische Vielvölkerexperiment fand mit dem Krieg in den neunziger Jahren ein blutiges Ende, doch noch immer tobt der Streit über seine Geschichte und Vorgeschichte. Im Kampf um die Deutungshoheit haben kroatische wie serbische Nationalisten wenig Skrupel, die eigene faschistische Tradition zu mobilisieren.

Hinter der Revision der Geschichtsbilder verbergen sich ganz unterschiedliche Motive. Historische Debatten rufen starke Emotionen hervor und mobilisieren viele Wähler. Man kann sie einsetzen, um politische Gegner zu diskreditieren oder durch Projektionen auf die Vergangenheit von gegenwärtigen Enttäuschungen abzulenken. Im Kontext von Staatszerfall und Systemwandel erhielt die Frage, welche Seite im Besitz der historischen Wahrheit ist, einen bitteren Beigeschmack. In Abwandlung des Clausewitzschen Diktums, dass der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei (nzz.ch, 13.10.2018), erscheinen die derzeitigen historischen Kontroversen zuweilen als Fortsetzung des Krieges auf der verbalen Ebene.

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