Am 4. November 2018 findet das Unabhängigkeitsreferendum in Neukaledonien statt, in dem über die Unabhängigkeit Neukaledoniens von Frankreich abgestimmt wird. Die Wähler entscheiden darüber, ob Neukaledonien ein unabhängiger Staat werden oder der bestehende Status als französisches Überseegebiet beibehalten werden soll.

Nicht ganz 175.000 Wahlberechtigte können darüber abstimmen, ob sie eine „vollständige Souveränität und Unabhängigkeit“ des Gebietes befürworten. Umfragen lassen eine Mehrheit von 60 bis 69 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Beibehaltung des Status quo erwarten.

Gegner der Unabhängigkeit verweisen auf die finanzielle Unterstützung durch Frankreich – 1,3 Milliarden Euro im Jahr. Sie befürchten wirtschaftliche Nachteile, sollten die Verbindungen nach Frankreich gekappt werden. Befürworter der Unabhängigkeit gibt es vor allem unter den einheimischen Kanak, die etwa 40 Prozent der Bevölkerung stellen. Etwa 27 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sind europäischer Herkunft. Die übrige Bevölkerung stammt aus asiatischen Ländern oder von anderen pazifischen Inseln.

Die Inselgruppe ist in den Bereichen Verteidigung, Strafverfolgung, Außenpolitik, Justiz und Bildung vollständig auf Frankreich angewiesen, genießt jedoch auch weitreichende Autonomie. Neukaledonien wird in der französischen Nationalversammlung durch zwei Abgeordnete vertreten und gilt als assoziiertes Gebiet der Europäischen Union. Die Einwohner dürfen damit auch bei Europawahlen ihre Stimme abgeben. Die Währung ist nicht der Euro, sondern der Pazifik-Franc.

Neu ist der Ruf der Kanaken nach Unabhängigkeit nicht, er ist heute nur weniger blutig als früher. Zwischen 1878 und 1917 wurden Hunderte von Indigenen in Aufständen getötet. Die ethnischen Spannungen endeten 1988 zum letzten Mal in einem großen Blutbad. Bei einer Geiselnahme wurden 19 Indigene und sechs französische Sicherheitskräfte getötet.

Eine 1988 abgeschlossene Vereinbarung, das „Matignon-Abkommen“, sah ein Ende der direkten Herrschaft durch Paris und eine Abstimmung über die Unabhängigkeit im Jahr 1998 vor. Die wurde später auf 2018 verschoben (euronews.com).

Seit tausenden von Jahren besiedeln die Kanaken Inseln im Südwestpazifik. 1853 begann die Kolonialisierung, auf Anweisung von Napoleon. Später machte Paris aus Neukaledonien eine Sträflingskolonie. Seither sind die Neukaledonier abhängig von Frankreich wie ein Baby von der Mutterbrust: Teile der Wirtschaft sowie die öffentliche Verwaltung leben bis heute von Subventionen aus Paris. Allerdings tragen Tourismus und Bergbau verstärkt zum Einkommen bei. So liegen in den Gewässern von Neukaledonien einige der am besten erhaltenen Korallenriffe der Welt.

Im dortigen Boden lagern bis zu 25 Prozent der globalen Nickelvorkommen. Der Abbau des Rohstoffs ist mehrheitlich in französischer Hand. Die Pariser Firma Eramet hält einen Anteil von 60 Prozent an der lokalen SLN (Société Le Nickel) (handelsblatt.com).

Das Gebiet hat geostrategisch Bedeutung: Kritikerinnen einer Unabhängigkeit warnen davor, dass China seinen Einfluss in der Region vergrößern könnte, wenn sich Frankreich zurückzieht.

Die Inseln profitieren von EU-Mitteln, die sie über Frankreich beziehen. Im Falle einer Unabhängigkeit müsste nachverhandelt werden. Neukaledonien ist mit einigen anderen Überseegebieten assoziiert mit der EU und eine Art Außenposten der Union, allerdings weder EU-Territorium noch Teil des Binnenmarktes.

Sollten die Neukaledonier an diesem Sonntag „Nein“ zur Unabhängigkeit sagen, werden sie im Jahr 2020 nochmals abstimmen können und im Jahr 2022 noch einmal. So sieht es der vor 30 Jahren mit Paris unterzeichnete „Nouméa-Vertrag“ vor. Charles Wea, der Sprecher der Front de Libération Nationale Kanake et Socialiste, jedenfalls will am Ende eine neue Gesellschaft aufbauen, ein neues Land und damit eine neue Beziehung zu Frankreich: „Den französischen Kolonialismus können wir nicht mehr akzeptieren“ (derstandard.at).

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